Druckansicht - Thursday 18. September 2014

Inhalt:

"Versöhnte Nachbarschaft im Herzen Europas"

 

Wortlaut der Gemeinsamen Erklärung der Bischofskonferenzen Österreichs und der Tschechischen Republik über ihr "neues Miteinander" im Jahr 2003

 


Mit großer Freude legen wir diesen Text vor. Es ist dies die erste gemeinsame Erklärung der Bischofskonferenzen unserer beiden Länder. Diese Erklärung haben wir in der Verantwortung erarbeitet, die Beziehungen unserer beiden Länder auf der Grundlage christlicher Werte neu zu gestalten und zu vertiefen. Zugleich verstehen wir das Dokument als Beitrag, den Einigungsprozess in Europa zu unterstützen.


Auf diese gemeinsame Verantwortung für den "Bauplatz Europa" hat Papst Johannes Paul II. mehrfach hingewiesen. Die Bischöfe in Österreich und der Tschechischen Republik haben seinen Hinweis zu unserer "Brückenfunktion im Herzen Europas" als Impuls zur vorliegenden Erklärung genommen.Die jahrhundertelangen Beziehungen unserer Völker erklären die vielen Gemeinsamkeiten.  

 

Wir sind durch Kultur, Landschaft, vor allem durch viele familiäre und persönliche Beziehungen miteinander verbunden. Nicht verschweigen können wir aber auch die Erfahrungen aus gewaltsamen Konflikten, der Missachtung und Herabwürdigung sowie gesetztem Unrecht auf beiden Seiten. Die großen Gemeinsamkeiten zu sehen, ebenso wie die leidvollen Momente der Vergangenheit, wird letztlich ein neues Bewusstsein für eine versöhnte Nachbarschaft in Frieden bringen.

 

Das 20. Jahrhundert hat in unseren Ländern vielen Menschen die bittere Erfahrung des Verlustes der Heimat gebracht. Für viele ist das erlittene Unrecht immer noch ein Schmerz.  Als Christen leben und bezeugen wir die Hoffnung, dass die versöhnende Kraft Jesu Christi die Wunden der Vergangenheit heilen und eine bessere Zukunft eröffnen kann.Wir verstehen das Bemühen um gute Nachbarschaften in Mitteleuropa als eine der zentralen Aufgaben unserer Kirche heute.  Mit dem kommenden "Mitteleuropäischen Katholikentag" werden wir in den Jahren 2003 und 2004 einen lebendigen Beitrag zu einem in neuer Gemeinsamkeit entstehenden Europa leisten.

 

Die vorliegende Erklärung der Bischöfe in Österreich und in der Tschechischen Republik ist auch in diesem Zusammenhang zu sehen. "Versöhnte Nachbarschaft im Herzen Europas" ist das Anliegen der katholischen Bischöfe in unseren beiden Ländern. Diesen Weg in einem vereinten Europa wollen wir mit großer Zuversicht gehen.Wir laden die Christen in den Schwesterkirchen und darüber hinaus alle Menschen guten Willens dazu ein.Der heilige Johannes von Nepomuk ist eine weithin sichtbare Symbolgestalt an den Brücken unserer Heimatländer. Er soll uns entsprechend den anfangs erwähnten Worten Papst Johannes Pauls 11. an unsere Aufgabe als "Brückenbauer" erinnern. Wir ermutigen dazu alle Menschen in Österreich und der Tschechischen Republik.

 

 

Die Erklärung "Versöhnte Nachbarschaft im Herzen Europas"


Der Kontinent Europa als eine Einheit


Europa steht in unseren Tagen vor einer großen Herausforderung. Erstmals in der Geschichte besteht die Aussicht auf ein geeintes Europa, das auf der Basis von Demokratie und Menschenrechten ohne kriegerische Auseinandersetzung und Gewalt seine Völker zusammenführt.Die Völker Europas erleben heute, dass die Staatsgrenzen aufhören, Trennlinien zwischen ihnen zu sein. Noch aber besteht vielfach eine andere Art von Grenzen, die der Nationalismus des 19. und des 20. Jahrhunderts zwischen ihnen gezogen hat. Diese Grenzen und die Unrechtsregime des Nationalsozialismus und des Kommunismus haben zu Feindseligkeiten geführt und ein jahrhundertelanges Zusammenleben voll von geistiger, kultureller und wirtschaftlicher Fruchtbarkeit zerstört. Dieses schreckliche Erbe betrifft auch unsere beiden Länder.

 

Unsere Generation ist nun aufgerufen, anstelle dieser Trennlinien wieder Begegnungsräume zu schaffen, damit die von Gott geschenkten Begabungen und Charismen dieser Völker von neuem aufblühen und in friedlichem Zusammenleben fruchtbar gemacht werden können. Als Voraussetzung für diesen Frieden ist Erinnern und Versöhnen notwendig. Dieser Friede beginnt in den Herzen der Menschen und ist Gnade, die uns Jesus Christus, der Quell der Versöhnung, schenken will. "Diese einzigartige Erfahrung der Gnade motiviert das ganze Gottesvolk und jeden einzelnen Getauften, das Gebot des Herrn ernst zu nehmen, nämlich immer bereit sein, seinen Schuldigern zu vergeben" ("Erinnern und Versöhnen", Internationale Theologische Kommission - Rom, 7. März 2000).


Das Werden eines geeinten Europa


In dem sich einenden Europa müssen auch nachbarschaftliche Beziehungen neu gestaltet werden. Das setzt ein klares Bekenntnis zur gemeinsamen Zukunft voraus. Papst Johannes Paul II. hat bei seinen Pastoralbesuchen in Prag 1997 und Wien 1998 die besondere Bedeutung unserer beiden Länder in der "Europäisierung" betont. Im Zusammenhang mit dem Sankt-Adalbert-Jubiläum sagte er: "Das Vermächtnis des heiligen Adalbert gilt (...) allen Menschen, die sich der geistigen Dimension der europäischen Integration sowie ihrer Verantwortung für diese Welt bewusst sind. Die böhmische Sankt-Adalbert-Tradition (...) verbindet über die Grenzen der Konfessionen und bildet eine Brücke zu unseren mitteleuropäischen Nachbarn sowie auch zu anderen Völkern." Und in seiner Wiener Europarede betonte der Papst: "In der Geographie Europas ist Österreich nach vielen Jahrzehnten vom Grenzland zum Brückenland geworden."

 

Aus dieser Verantwortung um ein neu gestaltetes Europa halten die Bischofskonferenzen beider Länder unmissverständlich fest, dass der nun laufende Beitrittsprozess zur Europäischen Union nicht gefährdet werden darf, zumal er auch in den je eigenen Interessen der Republik Österreich und der Tschechischen Republik liegt.Der Friede in Europa wird durch gute Beziehungen von Nachbarstaaten grundgelegt. Das "Friedensprojekt Europa" durch den Zusammenschluss in einer Union ist ein sehr hohes Gut.

 

Die Vielfalt der Völker Europas

 

Die Vielfalt der Völker Europas - Unterschiede und Gemeinsamkeiten: Die Geschichte unserer Nachbarschaft ist geprägt durch Gemeinsamkeiten in Kunst und Kultur wie auch durch die Fülle persönlicher Beziehungen zwischen den Menschen unserer Länder, leider aber auch durch Ressentiments, Geringschätzung und Vorurteile. Das gemeinsame Europa von morgen bedarf auch in den Beziehungen unserer beiden Länder zueinander in vielen Bereichen eines entschlossenen Neubeginns. Wir können mit Freude feststellen, dass viele Menschen beider Völker hier schon erste Schritte gesetzt haben. 

 

Es darf bei der Einigung Europas nicht um die Einebnung der bunten nationalen Vielfalt in Europa gehen, denn gerade die ist es gewesen, die diesem Kontinent seine Prägung und durch viele Jahrhunderte die Fähigkeit gegeben hat, seine Begabungen in gegenseitiger friedlicher Herausforderung zu entwickeln und dem Erdkreis zur Verfügung zu stellen.Freilich müssen wir Europäer zugleich eingestehen, dass wir unsere Möglichkeiten immer wieder missbraucht und dadurch Menschen Leid zugefügt haben.


Europa - ein Kontinent der Werteorientierung


Das Bewusstsein, dass unser Europa wesentliche Impulse für seine Entwicklung aus den religiösen Traditionen des Christentums, des Judentums und nicht zuletzt auch des Islam erhalten hat, stellt uns deshalb auch heute vor die Verantwortung, als österreichische und tschechische Gläubige an der Gesundung Europas mitzuwirken und die christlichen Werte in Europa einzubringen. Das "Haus Europa" mitzubauen ist Aufgabe unserer Kirche. Papst Johannes Paul II. hat besonders auf die geistigen Wurzeln eines neuen Europa hingewiesen."

 

Die Architekten des europäischen Hauses können auf das christliche Menschenbild zurückgreifen, das der Kultur des Kontinentes eingeprägt ist (...)  Das Verständnis vom Menschen als Bild und Gleichnis Gottes ist kein antikes Museumsstück aus längst vergangenen Zeiten. Vielmehr stellt es die Grundlage für ein modernes Europa dar, in dem die zahlreichen Bausteine unterschiedlicher Kulturen, Völker und Religionen zur Errichtung des neuen Bauwerkes zusammengehalten werden" (Ansprache des Papstes Johannes Paul 11., 19. Juni 1998, Salzburg).

 

Das Beispiel unseres Papstes Johannes Paul II. ruft auch uns, die Erzbischöfe und Bischöfe der Republik Österreich und der Tschechischen Republik, dazu auf, in diesen Ländern gemeinsam mit allen Gläubigen und allen Menschen guten Willens für ein friedliches Zusammenleben unserer Völker einzutreten.


Die Aufarbeitung unserer Geschichte


Für uns Christen gehört zu den grundlegenden Werten die Vergebung, zu der wir uns im "Vater unser" bekennen: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."Wir können und dürfen aber nicht vergessen, dass viele Menschen in unseren Ländern einander in der Vergangenheit immer wieder Unrecht und Böses zugefügt haben. Es fällt ihnen schwer, die Bitte um Verzeihung auszusprechen und einander zu vergeben.  

 

Im Dienst einer tragfähigen Nachbarschaft ist dies notwendig. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen wie mit der gemeinsamen Vergangenheit und Geschichte erleichtert dies.  Uns erscheint dies für die Zukunft von großer Bedeutung. Ansätze wurden grundgelegt durch die gemeinsame Arbeit von Historikern und anderen Wissenschaftern, in vielfältigen Kontakten auf nichtstaatlicher Ebene und im kirchlichen Bereich, unter anderem durch die beiden Iustitia-et-Pax-Kommissionen.

 

Ebenso verweisen wir auf die Erklärung anlässlich des Treffens der Ökumenischen Räte der Kirchen in der Republik Österreich und der Tschechischen Republik vom Oktober 2002 in Prag.Bei unserem gemeinsamen Blick auf die Geschichte dürfen wir aber die "Wende" nicht einseitig als Sieg westlicher Gesellschaftsvorstellungen sehen.


Es waren auch Menschen in den frei gewordenen Ländern Europas, die sich um den Wandel in ihrem Land verdient gemacht haben. Deren Erfahrungen sind nach unserer Überzeugung ein wesentlicher Baustein für ein geeintes Europa. Wir möchten die Aufarbeitung unserer neuen Geschichte deutlich fordern, aber dabei die Versäumnisse und Verfehlungen in unserer eigenen Kirche nicht verschweigen.Und wir blicken mit Bewunderung und Dank auf jene Menschen, die innerhalb unserer Kirche, aber auch darüber hinaus für Gerechtigkeit und Frieden in den oft so schwierigen Zeiten eingetreten sind.

 

Sie haben dadurch die Grundlagen für eine versöhnte Nachbarschaft geschaffen.Schließlich denken wir auch an jene, die den Schritt einer umfassenden Versöhnung noch nicht mitgehen können. Wir hoffen, dass ihnen - nicht zuletzt auf Grund der Neugestaltung unserer nachbarschaftlichen Beziehungen - Möglichkeiten eröffnet werden, an der gemeinsamen Zukunft mitzuwirken, ohne ihre bittere Erfahrung zu verdrängen.


Eine Zukunft in Frieden


Dank dieser gemeinsamen Erkenntnisse können wir den Blick auf eine friedliche Zukunft wagen und in der uns so vertrauten Nachbarschaft an einem neuen Miteinander bauen. Dazu sind das Bemühen um Verständnis unterschiedlicher Sichtweisen und ein offener Dialog notwendig. Mit Freude stellen wir fest, dass das Versöhnungswerk nicht von Stunde Null an beginnen muss, weil schon viele Menschen aus beiden Völkern mit großem Erfolg dabei sind, Gräben zu schließen, gemeinsame Projekte zu entwickeln und über die Grenzen hinweg Vertrauen aufzubauen.

 

Die gesellschaftlich und politisch Verantwortlichen unserer Länder sind ebenso wie wir als Kirche aufgerufen, diese vielen Initiativen zu fördern. So ist schon heute im zusammenwachsenden Europa die gemeinsame Grenze vielfach nicht Trennlinie, sondern Herausforderung zu fruchtbringender Begegnung. Bestehende Brücken zwischen unseren Völkern sind zu sichern und neue zu bauen. Im Jahr 2002 haben wir in beiden Ländern erlebt, wie tobende Naturelemente Brücken beschädigt oder weggerissen haben. Das mag uns daran erinnern, wie und mit welchen Folgen schon vor der Mitte des 20. Jahrhunderts Beziehungen zerstört und Bindungen zerrissen wurden.

 

Was damals gewaltsam getrennt wurde, wollen wir wieder zusammenführen.An vielen Brücken in unseren Ländern steht der uns vertraute heilige Johannes von Nepomuk, der Orientierung gibt sowie zu Wachsamkeit und Zuversicht mahnt. Als Gemeinsamkeit diesseits und jenseits unserer Grenzen ist er sichtbares Zeichen für das Vertrauen, Gräben und Gefahren überwinden zu können. Unsere gemeinsame Verantwortung für Europa Wir, die römisch-katholischen Bischöfe in der Republik Österreich und in der Tschechischen Republik, wollen angesichts des europäischen Einigungsprozesses gemeinsam für die Überwindung des verhängnisvollen Gegeneinanders durch ein neues Miteinander unserer Völker ans Werk gehen und gemeinsam darum beten.

 

Wir bitten alle Gläubigen und alle Menschen guten Willens in unseren Ländern, diesen Weg der Versöhnung mitzugehen.


Wien - Prag, 21.3.2003


Kardinal Christoph Schönborn, Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz

 

Erzbischof Jan Graubner, Vorsitzender der Tschechischen Bischofskonferenz.

 

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