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Europas Kirchen setzen Kontrapunkt zu Brexit

Europafahne
Bischofskonferenz von England, Wales und Schottland als Beobachter weiterhin Mitglieder der EU-Bischofskommission ComECE - Europabischof Zsifkovics: "Deutliches Zeichen, dass Kirchen für ein vereintes Europa stehen"
EU-Bischöfe
15.03.2019, 15:33 Uhr Großbritannien/Belgien/Österreich/Kirche/Politik/Gesellschaft/Brexit/Zsifkovics/ComECE
Brüssel, 15.03.2019 (KAP) Die Bischofskonferenz von England, Wales und Schottland werden - trotz "Brexit" - auch künftig in der EU-Bischofskommission ComECE vertreten sein. Die Kirchen in der EU wollen damit ein deutliches Zeichen setzen, dass sie für ein vereintes Europa stehen, so der österreichische Europabischof Ägidius Zsifkovics im "Kathpress"-Interview. Er äußerte sich am Freitag unmittelbar nach Abschluss der ComECE-Vollversammlung (13.-15. März) in Brüssel.

Zsifkovics nahm als Österreich-Vertreter an den Beratungen teil. Er bezeichnete den "Brexit" als "tragische Entwicklung", noch dazu, wo Europa Großbritanninen so viel verdanke. Deshalb sei es auch allen Mitgliedern der Vollversammlung wichtig gewesen, dass Vertreter aus Großbritanninen weiterhin an den ComECE-Beratungen teilnehmen können. Die besagten Kirchen besitzen fortan Beobachterstatus.

Hauptthema der Vollversammlung waren die Europawahlen (23.-26.5.). Bereits im Februar hatten die EU-Bischöfe die Europäer zur Teilnahme an der Wahl aufgerufen. "Wählen ist nicht nur ein Recht und eine Pflicht, sondern auch die Möglichkeit, den Aufbau Europas konkret mitzugestalten", hieß es nun in einer Erklärung. Bischof Zsifkovics wollte in diesem Sinne auch eindrücklich zur Wahlbeteiligung aufrufen. "Europa darf uns nicht egal sein!", so sein Appell: "Europa ist ein inklusives Projekt mit einem christlichen Erbe, in dem die Würde des Menschen, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie der Einsatz für Frieden oberste Priorität haben. Dafür müssen wir uns als Christen einsetzen."

Sehr positiv bilanzierte Zsifkovics die Begegnung der Bischöfe mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Donnerstag. Juncker hatte die Mitglieder der ComECE-Vollversammlung eindringlich ersucht, sich noch stärker in den europäischen Integrationsprozess einzubringen. Weiters rief er dazu auf, die Katholische Soziallehre wieder mehr in den Blick zu nehmen. Es brauche eine Neuentdeckung der Werte und Leitprinzipien der Soziallehre der Kirche, forderte Juncker. Dem könne er nur voll und ganz zustimmen, so Zsifkovics.

Integrative Kraft der Kirchen

Der Bischof merkte an, dass die integrative Kraft der Kirchen von den EU-Verantwortlichen mehr denn je gewünscht bzw. erwartet wird, gerade weil es derzeit auch so viele antieuropäische Entwicklungen gebe.

Zwar würden sich alle ComECE-Mitglieder grundsätzlich zu Europa bekennen, Zsifkovics räumte aber ein, dass es dabei durchaus unterschiedliche Geschwindigkeiten gebe. Westliche Ignoranz gegenüber den östlichen Mitgliedern sei hinsichtlich dieser Herausforderung freilich nicht hilfreich. Es gelte mit Geduld und Beharrlichkeit aufeinander zuzugehen und Brücken zu bauen.

Mit Sorge blickte Zsifkovics im "Kathpress"-Interview auf die zunehmende Kluft zwischen arm und reich in der EU. Als österreichischer Europa-Bischof erwarte er sich vom nächsten EU-Parlament, dass man sich dieses Problems mit Nachdruck annehme und mehr soziale Gerechtigkeit schafft. Selbige Forderung richte sich freilich auch an die nächste EU-Kommission. Europa brauche eine Sozial- und Wirtschaftspolitik, die den Menschen dient und ganz generell Politiker, die sich der wirklichen alltäglichen Probleme der Menschen annehmen.

Als "Skandal und Schande" bezeichnete der Bischof das Faktum, dass in der EU jährlich 80 Millionen Tonnen Nahrungsmittel weggeschmissen werden. Auch hier erwarte er sich künftige gemeinsame europäische politische Initiativen. Selbiges treffe auch auf das Engagement gegen die massiven Waffenexporte zu. Hier werde derzeit viel zu wenig geatn, kritisiert Zsifkovics. In der Asyl- und Migrationspoliitk brauche Europa zudem mehr interne Solidarität, weniger Emotionen und mehr praktischen Realismus.

Blick über den Tellerrand

Europa müsse zudem auch über den eigenen Tellerrand schauen, forderte der Bischof. Er wies in diesem Zusammenhang u.a. auf den Einsatz für weltweite arbeitsrechtliche Mindeststandards hin. Ebenso müsse sich Europa künftig verstärkt Afrikas annehmen, durch verstärkte Investitionen, die Etablierung gerechterer Wirtschaftsbeziehungen und mehr Entwicklungszusammenarbeit.

Die 1980 gegründete "Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft" (ComECE) setzt sich aus den Delegierten der katholischen Bischofskonferenzen aus dem Gebiet der Europäischen Union zusammen. Für Österreich nimmt Bischof Ägidius Zsifkovics diese Funktion wahr.

Ziel der Einrichtung ist es, die europäischen politischen Prozesse in Brüssel verfolgen, begleiten und auch beeinflussen zu können. Die ComECE bzw. deren Mitglieder und Mitarbeiter stehen in ständigem direkten Kontakt zu den maßgeblichen EU-Institutionen und deren Vertretern. Die ComECE betreibt dazu auch ein Büro vor Ort in Brüssel. Durch regelmäßige Dialogseminare, Veranstaltungen und auch informelle Treffen stehen die Kirchenvertreter in regelmäßigem Kontakt zu den EU-Institutionen.
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