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Jesuit warnt: Venezuela wegen Versorgungsmangel "am Limit"

Personas haciendo cola para comprar Gas licuado en el barrio Campo Rico. 01-10-2016 (MANUEL SARDA/ EL NACIONAL)
Missionsprokurator der Jesuiten für Deutschland und Österreich nach jüngstem Besuch in südamerikanischem Krisenstaat: Versorgungsmangel verschärft soziale Lage - Kirche versucht Not der Menschen über Caritas-Ausgabestellen für Medikamente und Lebensmittel zu lindern
15.03.2019, 15:39 Uhr Venezuela/Österreich/Konflikte/Kirche/Soziales/Politik/Orden
Wien, 15.03.2019 (KAP) Die soziale Lage in Venezuela spitzt sich in Folge der wirtschaftlichen Krise und im Machtkampf zwischen dem selbsternannten Interimspräsidenten Juan Guaido und Präsident Nicolas Maduro weiter zu. Das Land sei "am Limit" und leide an akutem Versorgungsmangel, sagte der Missionsprokurator der Jesuiten für Deutschland und Österreich, P. Klaus Väthröder SJ, im Kathpress-Interview (Freitag). Er sehe derzeit keinen Weg aus der Krise, so der Jesuit, der selbst zwölf Jahre in Venezuela gelebt hat und zuletzt den Jahreswechsel dort verbrachte. Die Bevölkerung könne sich die teuren Nahrungsmittel nicht leisten, Lehrer und Ärzte wanderten aus. Die Kirche versuche, mit Lebensmittel- und Medikamentenausgaben der Caritas die Not zu lindern und dränge die Behörden, Hilfslieferungen ins Land zu lassen.

Die venezolanische Bischofskonferenz habe sich bereits klar gegen Maduro, aber auch nicht für Guaido positioniert, schilderte Väthröder den aktuellen Stand. Der Jesuitenorden müsse vorsichtig auftreten, da man ordenseigene Bildungsprojekten auch von öffentlichen Geldern abhängig seien. Im Bildungsprojekt "Fe y Alegria" ("Glaube und Freude") unterrichte man rund 100.000 Schüler vor allem aus ärmeren Schichten, die teils hungrig in die Schule kämen. Als Reaktion darauf sei an 57 Schulstandorten mittlerweile eine kostenlose Mahlzeit eingeführt worden.

Die Bevölkerung verbringe derzeit die meiste Zeit damit, sich für subventionierte Lebensmittel, Wasser oder Gas-Kartuschen anzustellen, berichtete der Ordensmann. In den normalen Supermärkten sei wegen der hohen Preise ein Einkauf für die allermeisten undenkbar. So koste beispielsweise ein Kilogramm Käse 3.450 Bolivares und damit fast so viel wie der Mindestlohn von 4.500 Bolivares, den die meisten Venezolaner verdienen.

Der Versorgungsmangel führe immer wieder zu Demonstrationen, meinte der Jesuit. "Es wundert mich, dass die Menschen noch Kraft für Demonstrationen haben, da sie die meiste Zeit mit der Beschaffung von Lebensmittel beschäftigt sind." Der Kampf um das tägliche Überleben brauche viel Energie, so Väthröder.

Besonders dramatisch treffe es alte Menschen, die sich schon 24 Stunden vor Auszahlung ihrer Pensionen vor den Banken anstellen müssten. "Es kann vorkommen, dass der sechzigste Pensionist schon keine Pension mehr bekommt", so der Missionsprokurator der Jesuiten für Deutschland und Österreich. Gehe der Bank das Geld nicht aus, stellten sich die Menschen gleich wieder beim nächsten Geschäft an, um das Geld auszugeben. "Man weiß nie, ob es am nächsten Tag noch subventionierte Lebensmittel gibt."

Machtkampf entzweit das Land

"Die Mehrheit der Bevölkerung hat Maduro satt", so Väthröder. Bei seinem letzten Aufenthalt habe er tiefes Misstrauen der Menschen gegenüber dem sozialistischen Staatschef wahrgenommen. Der selbsternannte bürgerliche Interimspräsident Guaido erscheine in dieser Situation für viele als ein "unverbrauchtes neues Gesicht". Der Machtkampf zwischen beiden spalte das Land. Die Militärs stünden auf der Seite Maduros und fürchteten selbst um ihre Macht und ihr Vermögen, falls dieser entmachtet würde.

Guaido, der an einer Jesuiten-Universität studiert hat, fände vor allem bei jungen Menschen und Studenten Unterstützung. Der Oppositionspolitiker wirke als habe er "wenig mit der korrupten Politik" zu tun, so Väthröder. Guaidos Handicap sei jedoch, dass er von den USA unterstützt werde, denn, so Väthröder, "die Bevölkerung misstraut den Amerikanern".

Große Chancen für einen politischen Dialog sieht der Jesuit nicht. Väthröder hofft auf eine Übergangsregierung, an der sich möglich viele Parteien beteiligen, und geregelte Neuwahlen. Aus den EU-Staaten, von denen einige, darunter auch Österreich und Deutschland, Guaido bereits als Präsidenten anerkannt haben, erwartet sich Väthröder keine Impulse zur Lösung des Konflikts. Wenn, dann könnten die Vereinten Nationen, Mexiko oder Uruguay, auf diplomatischen Wegen in den Konflikt eingreifen könnten, so der Ordensmann.
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