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Kärntner Volksabstimmung von 1920 war Zerreißprobe für Kirche

Abstimmungsgebiete der Kärntner Volksabstimmung von 1920
Gurker Diözesanarchivar Tropper bei Vortrag an Klagenfurter Universität: Feindselige Stimmung nach dem Weltkrieg mit Fehlern auf beiden Seiten, größerer "Exodus" von Priestern wurde aber verhindert
Geschichte
09.10.2019, 16:28 Uhr Österreich/Kirche/Geschichte/Volksabstimmung/Kärnten
Klagenfurt, 09.10.2019 (KAP) Für die katholische Kirche in Kärnten war die Zeit rund um die Volksabstimmung von 1920 eine Zerreißprobe, die jedoch nicht jene unüberbrückbaren Spaltungen hervorrief, die es anderorts in jener Zeit etwa zwischen dem deutsch- und tschechischsprachigen Klerus gab: Zu diesem Schluss ist der Archivar der Diözese Gurk-Klagenfurt, Peter Tropper, bei einem Vortrag am Dienstagabend an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt gekommen. Der konsequente Einsatz der damaligen Diözesanleitung für Frieden inmitten der Aufregung des "Heimatkrieges" habe einen "Exodus" größeren Ausmaßes aus der Kärntner Diözese verhindert - wenngleich damals immerhin an die 40 Geistliche das Land verließen.

Kärnten gedenkt jährlich am 10. Oktober mit einem Feiertag der Volksabstimmung von 1920, bei der nach der Besatzung durch Serben, Kroaten und Slowenen sowie nach dem Abwehrkampf zur Jahreswende 1919/20 die im südöstlichen Teil des Bundeslandes lebenden Slowenen mehrheitlich für den Verbleib bei Österreich stimmten. Die Volksabstimmung war zuvor im Friedensvertrag von St. Germain festgelegt worden. Mehrere der vor dem Plebiszit getätigten Zusicherungen wie etwa die Aufstellung zweisprachiger Ortsschilder, Förderungen zweisprachiger Kindergärten und slowenischer Kultureinrichtungen wurden allerdings erst viel später - teils erst 2011 - umgesetzt und blieben somit lange ein Politikum.

"Pfaffenhetze" und Pfarrhof-Plünderungen

Wie Diözesanarchivar Tropper festhielt, waren bereits die Weltkriegsjahre äußerst schwierig für die Kärntner Kirche: Eingaben, Beschwerden und Berichte dieser Zeit dokumentierten die feindselige Stimmung gegen den Klerus, eine regelrechte "Pfaffenhetze" und ein "Kesseltreiben" gegen Priester, von denen besonders die slowenischsprachigen mehrmals von Verhaftungswellen betroffen gewesen seien. Vor allem der Spionageverdacht sei immer wieder erhoben worden, bis das Höchste Armeekommando in Kärnten nach entkräftenden Untersuchungen im Sommer 1916 in einer von den Kirchenkanzeln verlesenen Erklärung bestimmte, "unwahre Geschichten über Verrat durch Geistliche" würden fortan bestraft.

Durchaus zutreffend sei, dass rund um den Zerfall der Donaumonarchie etliche Priester Propaganda für den Anschluss "Slowenisch-Kärntens" an den Staat der Serben, Kroaten und Slowenen betrieben hätten, erklärte Tropper, der für seine Recherchen Akten im Archiv der Diözese Gurk, im Österreichischen Staatsarchiv, im Kärntner Landesarchiv, im Vatikanischen Geheimarchiv sowie auch im erzbischöflichen Archiv in Ljubljana (Laibach) durchforstet hat. Bestrebungen zur Schaffung eines südslawischen Staates wurden im Frühjahr 1918 von 104 Kärntner Geistlichen namentlich unterstützt, obwohl dies zuvor der Gurker Fürstbischof Adam Hefter in einem vertraulichen Schreiben an die slowenischen Priester untersagt hatte.

Bischof Hefter habe dennoch - auch mit Blick auf Personalnotstand - Anfang 1919 bei der Kärntner Landesregierung energisch gegen die Vertreibung und Verhaftung der als "südslawische Agitatoren" bezeichneten Geistlichen in den Slowenen-Gebieten protestiert. Nach dem Rückzug südslawischer Verbände habe es auch Ausschreitungen der Volkswehr gegen Kirchengut und Geistliche gegeben, darunter Plünderungen von Pfarrhöfen, wobei die einheimische Bevölkerung mitwirkte. "Eine in unseren Breiten bisher unbekannte Tatsache", wie Tropper in seinem Vortrag betonte. Motiviert durch "persönliche Gegensätze" sei in St. Andrä im Lavanttal selbst den Jesuiten auf offener Straße nachgeschossen worden.

Fehler auf beiden Seiten

Angesichts der weiteren Agitation vieler Geistlicher via Flugblatt oder Predigten sowohl für Jugoslawien als auch für Österreich intervenierte schließlich vor der Abstimmung 1920 die interalliierte Abstimmungskommission beim Gurker Bischof, es möge für den 10. Oktober in der betroffenen Zone A ein Predigtverbot erlassen werden. Zu diesem kam es dann auch. Etliche Kleriker, die sich dadurch in Gewissensnot sahen oder protestierten, verließen im Zuge dessen die Diözese - Angaben der Gurker, Laibacher und Marburger Schematismen zufolge 44 Geistliche, wie Tropper berichtete. Die Motive hätten "von Flucht über Verdrängung und Entlassung bis hin zum eigenmächtigen Verlassen des angestammten Seelsorgepostens" gereicht.

Die emigrierenden Priester seien laut dem Diözesanarchivar zum Großteil in den Nachbardiözesen Marburg oder Laibach "gastlich" aufgenommen worden, wofür der Gurker Bischof seinen Amtskollegen im nunmehrigen Jugoslawien 1921 Dank aussprach - und sich zugleich um die Rückkehr mehrerer Geistlicher in die Diözese Gurk bemühte, was jedoch erfolglos blieb.

Als Resümee zitierte der Kärntner Diözesanarchivar bei seinem historischen Rückblick den damaligen Pfarrer von Ferlach, Josef Böhm: "Es wird eben auf beiden Seiten gefehlt worden sein. Meiner Ansicht nach hätte die Geistlichkeit mehr zum Frieden als zum Kampf rufen sollen, so wäre nach jeder Richtung hin viel Leid und Nachteil erspart geblieben. Mancher Priester wird im guten Glauben gelebt haben, ein nationaler Heros und Märtyrer für sein Volk zu sein, und er war vielleicht doch nur das Werkzeug von Kreisen, die dem Priester, wenn er seine ihm suggerierte Arbeit geleistet hat, keinen Dank wissen."

Feierlichkeiten 2020

Troppers Vortrag fand in Vorbereitung auf die Feierlichkeiten zu 100 Jahre Kärntner Volksabstimmung statt, die 2020 anstehen. Die ÖCV-Bildungsakademie veranstaltet zum selben Anlass am Samstag, 19. Oktober, einen Seminartag in Klagenfurt, bei dem neben Tropper auch der Historiker Werner Drobesch, der ehemalige Slowenisch-Fachinspektor Theodor Domej und der frühere Direktor des Kärntner Landesarchivs, Wilhelm Wadl, zum selben Thema referieren werden.
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