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Peter Handke: Vom "enfant terrible" zum Nobelpreisträger

Am 16. Juni 2019
Die Biografie des gebürtigen Kärntner mit slowenischen Wurzeln weist schon frühe und auch spannungsvolle Bezüge zur Kirche und Religion auf - Von Christoph Arens und Robert Mitscha-Eibl
10.10.2019, 15:46 Uhr Österreich/Literatur/Auszeichnung/Kirche/Handke
Wien, 10.10.2019 (KAP/KNA) "Den Nobelpreis sollte man endlich abschaffen." Noch 2014 ließ Peter Handke (76) kein gutes Haar am Literaturnobelpreis. Die Auszeichnung bringe mit ihrer "falschen Kanonisierung" der Literatur nicht viel Gutes. Sie verschaffe "einen Moment der Aufmerksamkeit, sechs Seiten in der Zeitung", aber für das Lesen bringe sie nichts.

Jetzt kommt der gebürtige Kärntner, der schon mehrfach bei den Buchmachern hoch gehandelt wurde und seit Jahren in Paris lebt, selber in den Genuss des ungeliebten Preises. Am Donnerstag sprach ihm die Akademie in Stockholm die begehrteste literarische Auszeichnung für das Jahr 2019 zu.

Handke gilt als zorniger Rebell, er polarisiert. "Ich bin ein friedlicher Mensch, glaube ich, aber das Friedliche geht bei mir ab und zu mit dem Streit zusammen", sagte er zu seinem 75. Geburtstag.

Als junger Mann brüskierte er 1966 die deutschsprachige Schriftstellerelite der Gruppe 47 auf ihrer Jahrestagung in Princeton und attestierte Böll, Grass und Co eine "Beschreibungsimpotenz". Sein damaliger Vorwurf: "Die Sprache bleibt tot, ohne Bewegung, dient nur als Namensschild für die Dinge."

Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Erzählungen "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter", mit der eine ganze Generation Gymnasiasten und Studenten groß wurde, aber auch "Wunschloses Unglück" und "Der kurze Brief zum langen Abschied" sowie die Theaterstücke "Publikumsbeschimpfung" und "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten". Insgesamt hat Handke mehr als 70 Erzählungen und Prosawerke sowie knapp zwei Dutzend Theaterstücke verfasst. Darüber hinaus hat er viele Werke ins Deutsche übertragen.

Handke wurde als erster "Popstar" unter Deutschlands Dichtern gehandelt. Für seine Arbeiten erhielt der Österreicher zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1973 den Georg-Büchner-Preis und 1987 den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur.

Umstrittene Position zu den Balkankriegen

Besonders seine Position zu den Balkankriegen sorgte für Kritik. 1996 erregte Handke Aufsehen mit der Schrift "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien". Darin mahnte er eine differenzierte Berichterstattung über die Rolle Serbiens im Balkan-Krieg an. Er verurteilte die Bombardierung des Landes durch die Nato als Verbrechen.

2006 trat er als Grabredner bei der Beerdigung des vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagten jugoslawischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic auf. In der Folge entzündete sich eine Debatte um die Vergabe des Heinrich-Heine-Preises der Stadt Düsseldorf an Handke, auf den er schließlich verzichtete.

2005 meldete sich Handke auch mit Kommentaren zur Papstwahl zu Wort. Es falle ihm schwer, "einen Hitlerjungen als Papst" zu sehen, sagte er mit Blick auf die Wahl von Benedikt XVI., nachdem Berichte über dessen Mitgliedschaft in der Hitlerjugend bekannt wurden. "Einer, der jetzt Papst wird, muss damals Widerstand geleistet haben", befand der Schriftsteller.

Ausdrücklich unterstützt Handke dagegen das kirchliche Eintreten für das ungeborene Leben. "Das mit den Abtreibungen" sei ein echtes Problem. Harte Worte fand Handke für den verstorbenen Johannes Paul II. Dieser sei "kein großer Papst, sondern ein Herrenmensch" gewesen. Er selbst habe gesehen, wie Johannes Paul II. lateinamerikanische Befreiungstheologen niedergeschrien habe.

Frühe und spannungsvolle Bezüge zur Kirche

Handke wurde am 6. Dezember 1942 als uneheliches Kind in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Griffen geboren; seine Familie hat slowenische Wurzeln.

Die Biografie Handkes weist schon frühe und auch spannungsvolle Bezüge zur Kirche und Religion auf: Mit sechs Jahren kehrte er 1948 aus Berlin, der Heimatstadt seines Stiefvaters Adolf Bruno Handke, in seine Heimat zurück, dem Dorf Griffen im zweisprachigen Süden Kärntens. In seinem sein Romanerstling "Die Hornissen" (1966) schildert Handke später den Zwiespalt zwischen Außenseitertum und dem idyllisch-provinziellen Dorfleben mit seinen wiederkehrenden Arbeiten, Kirchenbesuchen und Unterhaltungsarten. Die Selbsttötung der Mutter verarbeitete er mit der Erzählung "Wunschloses Unglück".

Nach der Volksschule und zwei Jahren Hauptschule in Griffen wechselte der gute Schüler in das Priesterseminar Marianum in Maria Saal mit dem angeschlossenen katholisch-humanistischen Gymnasium Tanzenberg. Die dafür nötigen Formulare und Empfehlungen besorgte sich der Zwölfjährige selbst vom Pfarrer.

In der Tanzenberger Zeit veröffentlichte Handke erste literarische Texte für die Internatszeitschrift. In der siebten Gymnasialklasse, war er es wiederum selbst, der - zunehmend angestoßen von der katholischen Internatsenge - einen neuerlichen Schulwechsel nach Klagenfurt erwirkte. Das in Graz begonnene Studium der Rechtswissenschaften schloss Handke wegen der Entscheidung für die Schriftstellerei nicht ab. Zunächst als "enfant terrible" des Literaturbetriebes gehandelt, wandte sich Handke später immer mehr "leiseren" Themen zu, sein Verhältnis zur Religion war nicht nur mehr durch erlittene Konflikte geprägt, jenes zur Eucharistie gar von Faszination.

Handke, der zweimal verheiratet und mit der deutschen Schauspielerin Katja Flint liiert war, ist ein Freigeist. "Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muß durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen."
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