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Europäische Rabbiner: Für Sicherheit muss mehr getan werden

Juden und Muslime in Deutschland fordern konkrete Maßnahmen nach Attacke in Halle - WJC-Vizepräsident Muzicant gegen "Einzeltätertheorie"
10.10.2019, 15:59 Uhr Deutschland/Kriminalität/Anschlag/Judentum/Sicherheit/Muslime/Gesellschaft
Berlin, 10.10.2019 (KAP/KNA) Für die Sicherheit von Synagogen in Europa muss aus Sicht der Konferenz der Europäischen Rabbiner deutlich mehr getan werden. Zwar sei die Situation von Staat zu Staat unterschiedlich, sagte Generalsekretär Gady Gronich einen Tag nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle der deutschen Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Donnerstag in Bonn. Auch sei der Schutz in großen Gemeinden meist besser als in kleinen, etwa in London oder Frankfurt am Main. "Die Lücken sind aber da", betonte Gronich.

Die öffentliche Hand müsse insgesamt mehr Geld und Konzepte für den Schutz jüdischen Lebens in die Hand nehmen, forderte er. Es gebe in Europa Gemeinden, die mehr als 50 Prozent ihres Etats für Sicherheit ausgäben. "Wir sind kein Fremdkörper", sagte Gronich. "Wir sind ganz normale Bürger dieses Landes und oft besser integriert als andere Gruppierungen." Daher hätten auch Juden ein Recht auf Sicherheit - genau wie beispielsweise Menschen, die in eine Kirche gingen.

Auch die deutsche Staatsministerin für Integration, Annette Widmann-Mauz (CDU), verlangte am Donnerstag mehr Polizeischutz für Synagogen und Moscheen. Dieser Forderung schlossen sich auch der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und das Berliner Jüdische Bildungszentrum Chabad Lubawitsch an. "Wir erwarten von den Behörden, dass jede Synagoge in Deutschland während der Gebetszeiten geschützt werden soll", so deren Rabbiner Yehuda Teichtal.

Das AJC Berlin Ramer Institute kritisierte unter Hinweis auf die Synagoge von Halle, dass "das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland von der Stabilität einer Eingangstür abhängt". Zudem wandte sich die jüdische Organisation gegen die "abstrakten Bekenntnisse gegen Antisemitismus". Das Institut fordert: "Wer etwas gegen Judenhass unternehmen möchte, der muss vor allem damit beginnen, ihn aus jeder Richtung kommend und in jeder Schattierung schonungslos zu benennen und sich nicht immer nur die Tätergruppe herauszugreifen, die in die eigene politische Agenda passt."

"Wir müssen ernsthafter als bisher darüber nachdenken, wie jüdische Mitbürger in Deutschland sicher leben können", sagte auch Hamburgs katholischer Erzbischof Stefan Heße am Donnerstag im israelischen Tabgha, wo er sich zurzeit mit einer Lehrergruppe aufhält. "Mir ist es wichtig, dass wir uns als Christen solidarisch zeigen mit unseren jüdischen Glaubensschwestern und -brüdern und einen aktiven Beitrag zum Frieden in unserer Gesellschaft leisten."

Nein zur "Einzeltätertheorie"

Der Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Ariel Muzicant, wandte sich nachdrücklich gegen die "Einzeltätertheorie". "Wir haben das vorausgesehen, und wir haben es vorausgesagt", betonte der ehemalige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien im Interview mit der "Presse" (Freitagausgabe). "Alle Versuche, das auf einen Einzeltäter zu reduzieren, sind falsch", führte Muzicant aus. Der Täter in Halle sei nicht als Antisemit auf die Welt gekommen, sondern habe seine Ideologie und Gesinnung in einem Umfeld erworben. Muzicant gab jenen Mitverantwortung für die Tat, die rechtsextremes Gedankengut verbreiten: "In Deutschland die AfD, in Österreich einige Herrschaften in der FPÖ, Burschenschafter, die Identitären."

Auch die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) kritisierte die "Einzeltätertheorie" als einen Versuch "diesen Akt des Terrors zu relativieren". Vielmehr seien die Gründe Antisemitismus und Rassismus, erklärte der TGD-Vorsitzende Gökay Sofuoglu. Der Co-Vorsitzende der TGD, Atila Karabörklü, betonte, es sei keine Zufall, dass der Täter auch einen Sprengsatz in einen Dönerimbiss geworfen habe. "Das rassistische Gedankengut des NSU lebt weiter", kritisierte Karabörklü. Der Kampf dagegen müsse "endlich oberste Priorität haben".

Auch der deutsch-türkische Moscheeverband Ditib wies "Einzeltäter-Theorien" zurück. Sie dürften nicht davon ablenken, "dass das gesellschaftliche Klima zunehmend durch rechtes Gedankengut vergftet wird", so der Ditib-Vorstandsvorsitzende Kazim Türkmen. Es müsse spätestens nach dem Terror-Angriff in Halle bewusst sein, "dass die Drohungen gegenüber fast 20 Moscheen allein in diesem Jahr sowie mehreren weiteren muslimischen Einrichtungen keine leeren Drohgebärden sind".
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