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Wut und Solidarität in Halle nach Anschlag auf Synagoge

Am Tag nach dem Anschlag von Halle kommen hunderte Menschen zur Synagoge und zeigen ihre Solidarität - Doch viele empfinden neben Trauer auch Wut über die Tat und den zunehmenden Antisemitismus und Rassismus im Land - Von Karin Wollschläger
10.10.2019, 15:55 Uhr Deutschland/Kriminalität/Anschlag/Judentum
Berlin, 10.10.2019 (KAP/KNA) "Es war furchtbar. Ehrlich gesagt wussten wir nicht, ob wir lebend aus der Synagoge rauskommen." Noch sichtlich bewegt erzählt der Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, am Donnerstag von dem Anschlag auf das jüdische Gotteshaus vom Vortag. Mit 60 Gläubigen hatte er dort den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur begangen, als ein schwer bewaffneter Mann vergeblich versuchte, in die Synagoge einzudringen. Anschließend erschoss er zwei Menschen. "Jetzt brauchen wir erstmal ein bisschen Zeit für uns - wenn die ganzen Journalisten und Politiker weg sind."

Am Tag nach dem Anschlag gleicht die Humboldtstraße, in der die Synagoge steht, einem Taubenschlag. Bei strahlendem Sonnenschein haben sich mehrere hundert Menschen zu einer Mahnwache eingefunden. Stumm legen sie Blumen und Kerzen nieder. Zahlreiche Journalisten tummeln sich. Polit-Prominenz ist da: Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kommt zusammen mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ist da, ebenso Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU).

Nach einem Besuch der Synagoge spricht Steinmeier von einem "Tag der Scham und der Schande". Er betont, es reiche nicht, den "feigen Anschlag" zu verurteilen: "Die gesamte Gesellschaft muss Haltung zeigen und entschiedene Solidarität mit den jüdischen Mitmenschen in unserem Land - nicht nur nach Ereignissen wie diesen." Wer jetzt "noch einen Funken Verständnis" zeige für Rechtsextremismus, der mache sich mitschuldig.

Igor Matviyets trägt seine Kippa nur selten in Öffentlichkeit, aus Sorge vor Anfeindungen. Doch nun steht der 28-Jährige mit jüdischer Kopfbedeckung vor der Synagoge. Nein, er sei am Vorabend nicht dort gewesen, erklärt er und erzählt, wie geschockt er war, als ihn erste Nachrichten von dem Anschlag erreichten: "Ich habe das Schlimmste befürchtet. Unsere Gemeinde ist ja klein, und ich kenne fast alle." Knapp 600 Mitglieder sind es derzeit.

Die große Solidarität, die seine Gemeinde jetzt aus Politik und Gesellschaft erfährt, sieht der junge Mann indes mit gemischten Gefühlen: "Anteilnahme ist schon richtig, aber wer sich überrascht zeigt, hat sich nicht wirklich mit dem jüdischen Leben in Deutschland beschäftigt."

Benjamin Leins hängt direkt gegenüber der Synagoge ein bemaltes Bettlaken aus dem ersten Stock: "Humboldtstr. gegen Antisemitismus + Hass". Der Kirchenmusikstudent will mit seinen Nachbarn ein Zeichen der Solidarität setzen: "Aber auch, dass wir uns nicht von der Angst lähmen lassen." Er habe sich hier nie gefährdet gefühlt, auch wenn gelegentlich ein Polizeiauto vor der Synagoge stehe. Dass an Jom Kippur indes kein Polizeischutz vor Ort war, sorgt für breite Kritik. Gemeindevorsteher Privorozki sagte: "Ich sehe ein generelles Defizit beim Schutz jüdischer Einrichtungen in Sachsen-Anhalt."

Viele, die zur Mahnwache gekommen sind, empfinden neben Trauer auch Wut. "Denn das ist nicht nur diese eine Tat, sondern es steht ja was dahinter", sagt Leins und verweist auf einen Wandel des gesellschaftlichen Klimas, wo Populisten Hass schürten und versuchten, Rassismus wieder salonfähig zu machen. Ähnlich sieht es Mia Kugelmann, die mit Blumen zur Synagoge gekommen ist: "Es heißt immer, dass es in Deutschland einen leichten Rechtsruck gebe - aber jetzt sehen wir: Es ist nicht nur ein leichter. Wann werden endlich Konsequenzen gezogen?"

Am Abend findet in der nahen Sankt Pauluskirche ein Friedensgebet und ein Gedenkmarsch zur Synagoge statt. Die Kirchen in Halle planen zudem nächste Woche einen zentralen Gedenkgottesdienst. Außerdem soll am Sonntag in allen Gottesdiensten der Opfer gedacht werden, wie der katholische Propst Reinhard Hentschel ankündigt. Es sei wichtig, den traumatisierten Menschen einen Ort zu geben, das Geschehene zu verarbeiten.

Nach dem Anschlag hatte die Polizei alle Gläubigen aus der Synagoge evakuiert und ins Sankt Elisabeth und Sankt Barbara Krankenhaus gebracht, wo sich auch der katholische Krankenhausseelsorger Reinhard Feuersträter um sie kümmerte. "Das war schon ganz erstaunlich: Wir haben dann zusammen das Fastenbrechen zum Ende des Jom Kippur gefeiert. Und es war so beeindruckend, wie diese Menschen ganz bewusst das Leben gefeiert und sich gehalten haben."
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