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Deutschland: Kirchen gedachten des Mauerfalls vor 30 Jahren

Zahlreiche Apelle für Freiheit und Demokratie und gegen Ausgrenzung und Rassismus
09.11.2019, 20:00 Uhr Deutschland/Kirche/Politik/Mauerfall/Gedenken
Berlin, 09.11.2019 (KAP/KNA) Kirchen und Staat haben am Samstag in Deutschland des Falles der Berliner Mauer vor 30 Jahren gedacht. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch erklärte, vor 30 Jahren habe die Welt auf Deutschland geschaut, "voller Staunen und Anerkennung, dass eine Revolution ohne Waffengebrauch und Blutvergießen möglich war". Daraus erwachse eine bleibende Aufgabe, sagte Koch im rbb-Radio: "Wir sollten dies als Auftrag verstehen gegenüber allen, die Mauern bauen, zu verstehen zu geben, dass eine Welt ohne Mauern nicht nur möglich ist, sondern dass es auch eine menschlichere Welt ist." Dabei gehe es ihm nicht nur um Mauern aus Stein und Stacheldraht, "sondern auch um so manche Mauer in den Köpfen".

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki sprach von einem "Wunder". Zwar gebe es immer noch Probleme zwischen Ost und West, die er nicht kleinreden wolle und die gelöst werden müssten, so Woelki am Samstag bei domradio.de. "Aber das trübt nicht unsere große Freude über die Wiedervereinigung."

Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige verwies auf aktuelle Herausforderungen. "Überall in Europa nehmen Ressentiments und Abgrenzungen wieder zu, werden nationale Eigeninteressen wichtiger als der Sinn für Solidarität, kommt es zu Polarisierungen und Übergriffen, gerät die Menschenwürde immer mehr in Gefahr", sagte er bei einem Gottesdienst in Marienborn. Feige bat um Gottes Beistand für Politik und Kirchen, "wirksam und geistvoll für Gerechtigkeit und ein menschenfreundliches Miteinander einzutreten". Auch beim Gelingen der friedlichen Revolution in der DDR habe "Gott selbst ein Zeichen gesetzt und unser Tun mit seiner Hilfe begleitet".

Nordkirchen-Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt und Hamburgs Erzbischof Stefan Heße würdigten bei einer Feier in Ratzeburg den Mut der Ostdeutschen, sich gegen Unterdrückung und Unrecht in der früheren DDR zu stellen. Sie riefen dazu auf, sich auch heute für eine freie und friedliche Gesellschaft zu engagieren. Auch das Kolpingwerk erklärte, man dürfe nicht nachlassen im Einsatz für Frieden, Freiheit, Demokratie und Einheit.

"Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall bin ich immer noch ergriffen und begeistert von dem Mut der damaligen DDR-Bürger, mit dem sie einen ganzen Staat zu Fall gebracht haben", sagte Heße. Natürlich habe die Teilung auch Narben hinterlassen, aber genau da beginne die heutige Aufgabe. "Wir müssen uns auch nach 30 Jahren jeden Tag um Heilung und damit um die Einheit bemühen", so der Erzbischof, dessen Diözese Hamburg, Schleswig-Holstein und den ostdeutschen Landesteil Mecklenburg umfasst.

Kühnbaum-Schmidt erinnerte auch an die von den Nationalsozialisten organisierten Pogrome gegen Juden in der Nacht des 9. November 1938. Während man heute die Grenzöffnung vor 30 Jahren feiere, würden zugleich die Sicherheitsvorkehrungen vor Synagogen und jüdischen Einrichtungen verschärft. Angesichts dessen sei es ermutigend und notwendig, "dass viele Menschen in Ost und West zusammenstehen gegen Hass und Hetze, gegen Rassismus, gegen Antisemitismus, gegen Antiislamismus", so die Bischöfin.

Schulterschluss der Politik

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief zum Engagement gegen Ausgrenzung und Rassismus auf. "Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen ausgegrenzt und angegriffen werden, dass die Demokratie verhöhnt, dass der Zusammenhalt in diesem Land zerstört wird", sagte Steinmeier bei der zentralen Gedenkfeier in der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße.

Die Berliner Mauer sei weg, "ein für alle Mal", so Steinmeier. "Aber quer durch unser Land sind neue Mauern entstanden: Mauern aus Frust, Mauern aus Wut und Hass. Mauer der Sprachlosigkeit und der Entfremdung. Mauern, die unsichtbar sind, aber trotzdem spalten. Mauern, die unserem Zusammenhalt im Wege stehen", sagte der Bundespräsident.

Diese neue Mauer "haben wir selbst gebaut", so Steinmeier: "Und nur wir selbst können sie einreißen." Er rief dazu auf, sich "etwas von dem Mut, der Zuversicht und dem Selbstbewusstsein jener Tage des Mauerfalls in unsere Zeit heute zu holen".

Steinmeier hatte dazu auch die Staatsoberhäupter der Slowakei, Tschechiens, Polens und Ungarns - Zuzana Caputova, Milos Zeman, Andrzej Duda und Janos Ader - nach Berlin eingeladen. "Ohne den Mut und den Freiheitswillen der Polen und Ungarn, der Tschechen und Slowaken wären die friedlichen Revolutionen in Osteuropa und die deutsche Einheit nicht möglich gewesen", sagte er beim Denkmal für den Beitrag der vier Visegrad-Staaten zum Mauerfall. Die Freiheitsbewegungen in diesen Ländern hatten ihn erst möglich gemacht.

Merkel: Gegen Antisemitismus

Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel rief dazu auf, die 1989 errungene Freiheit gegen neue Anfeindungen zu verteidigen. "Der 9. November, in dem sich in besonderer Weise sowohl die fürchterlichen als auch die glücklichen Momente unserer Geschichte widerspiegeln, ermahnt uns, dass wir Hass, Rassismus und Antisemitismus entschlossen entgegentreten müssen", so Merkel in Berlin.

Der 9. November sei ein "Schicksalstag" der deutschen Geschichte, sagte Merkel. Sie erinnerte an die Pogromnacht der Nationalsozialisten von 1938. Darauf seien Menschheitsverbrechen und der Holocaust gefolgt. Zugleich forderte sie die Menschen bei den zentralen Feierlichkeiten in Berlin am Samstag auf, sich nicht entmutigen zu lassen. "Keine Mauer, die Menschen ausgrenzt und Freiheit begrenzt, ist so hoch oder so breit, dass sie nicht doch durchbrochen werden kann", sagte Merkel.

Bei dem Gedenken steckten Steinmeier, Merkel und andere hochrangige Politiker wie Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller für die Mauer-Opfer gelbe und orange Rosen in die Hinterlandmauer. Zur Erinnerung an den Mut der DDR-Opposition im Herbst 1989 wurden Kerzen entzündet. Bei Demonstrationen getragene Kerzen waren damals das Symbol des gewaltlosen Widerstands.

Während einer Andacht in der ebenfalls auf dem ehemaligen Todesstreifen gelegenen Kapelle der Versöhnung sagte der evangelische Bischof von Berlin und Brandenburg, Markus Dröge, die Erinnerung an die friedliche Revolution falle in diesem Jahr nachdenklicher als vor fünf Jahren aus. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle habe alle aufschrecken lassen. Zudem seien die gesellschaftlichen Diskussionen schärfer geworden. Auch werde deutlicher formuliert, welch radikale Umbrüche die Ostdeutschen in Beruf und Alltag nach 1989 erlebt hätten.

Mut, Freiheit, Demokratie

Auch in Österreich wurde der 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer gewürdigt. Bundespräsident Alexander Van der Bellen erklärte laut APA etwa auf Facebook, am 9. November 1989 sei "vielleicht zum ersten Mal" die Idee eines vereinten Europas "tatsächlich greifbar nahe" gewesen. "Damals, am 9. November 1989, haben der Mut, die Freiheit und die Demokratie einen Sieg errungen."

Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein bezeichnete den Fall der Berliner Mauer als "Zäsur in der Geschichte unseres Kontinents und unerlässlich für die Einheit Europas": "Bei allen noch immer bestehenden Herausforderungen und Unterschieden leben wir heute in eng verbundener europäischer Nachbarschaft, geprägt von Frieden und Freiheit", unterstrich Bierlein in einer Stellungnahme.
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