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Organspende: Deutsche Bischöfe gegen Widerspruchslösung

Anders als in Österreich kann in Deutschland derzeit eine Organentnahme nur stattfinden, wenn der Patient ausdrücklich zugestimmt hat - Am Donnerstag stimmt der Bundestag über einen Systemwechsel ab
15.01.2020, 15:53 Uhr Deutschland/Parlament/Kirche/Medizin/Ethik/Organspende
Berlin, 15.01.2020 (KAP/KNA) Vor der Abstimmung des Deutschen Bundestags zur Organspende am Donnerstag haben Befürworter und Gegner einer Widerspruchslösung nochmals ihre Positionen deutlich gemacht. "Das aktuelle System funktioniert nicht", betonte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in der "Augsburger Allgemeinen" (Mittwoch). "Notwendig ist ein Paradigmenwechsel bei den rechtlichen Bedingungen für die Organspende", erklärte Lauterbach laut Bericht der deutschen Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er strebt gemeinsam mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und einer Gruppe weiterer Abgeordneter eine sogenannte doppelte Widerspruchslösung an, bei der alle Bürger automatisch als Spender gelten sollen, wenn sie zuvor nicht aktiv widersprochen haben.

Spahns Amtsvorgänger, der frühere CDU-Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) lehnt die Widerspruchslösung dagegen als falschen Weg ab. Er befürwortet einen ebenfalls im Parlament eingebrachten Antrag für eine sogenannte Entscheidungslösung, bei der die Bürger bei Arztbesuchen, Ausweisverlängerungen und Behördengängen um eine Entscheidung gebeten und daran erinnert werden sollen.

Anders als in Österreich gilt in Deutschland derzeit eine Zustimmungslösung. Danach kann eine Organentnahme nur stattfinden, wenn der Patient ausdrücklich zugestimmt hat. Ersatzweise können auch die Angehörigen zustimmen.

Deutsche Kirchenvertreter erneuerten im Vorfeld der Bundestagsabstimmung ihre Kritik an einer Widerspruchslösung. "Wichtig ist, darauf hinzuweisen: Es ist immer gut, ein Organ zu spenden. Aber es muss ein freier Akt sein, den ein Mensch als Person setzt", sagte Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck im Interview dem Kölner Portal domradio.de. Eine Spende sei eine Spende, und die sei immer freiwillig. Zudem forderte er, dass neue Strukturen in Krankenhäusern geschaffen werden müssten. Bischof Gebhard Fürst schrieb auf Twitter, die Hilfsbereitschaft der Menschen per Gesetz vorauszusetzen sei "eine Entwertung der Solidarität, die unsere Gesellschaft trägt".

"Es muss weiterhin der Grundsatz gelten, dass die Organentnahme an die ausdrückliche Zustimmung der verstorbenen Person oder ihrer Angehörigen gebunden bleibt", erklärte auch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, und sprach sich für eine erweiterte Zustimmungslösung aus. "Nur dann handelt es sich um eine freiwillige Organspende. Eine Widerspruchslösung, bei der auf eine ausdrückliche Zustimmung verzichtet werden könnte, ist mit dem Persönlichkeits- und Selbstbestimmungsrecht der sterbenden Patienten nicht vereinbar."

Sternberg verwies darauf, dass im Prozess des Sterbens der Patientenwille umzusetzen sei: "Eine fremdnützige intensivmedizinische Weiterbehandlung, die dem sterbenden Patienten nicht mehr helfen kann, aber für die Organentnahme nach Eintreten des Hirntods erforderlich ist, darf es ohne Einwilligung des Patienten oder seiner Angehörigen nicht geben."

Viele EU-Staaten mit Widerspruchslösung

Der Katechismus der Katholischen Kirche nennt die Organspende eine "edle und verdienstvolle Tat". Zugleich heißt es dort, Organspende sei "sittlich unannehmbar, wenn der Spender oder die für ihn Verantwortlichen nicht ihre ausdrückliche Zustimmung gegeben haben" (Artikel 2296).

In den europäischen Staaten wird derzeit überwiegend eine Widerspruchslösung praktiziert. Neben Österreich gilt diese etwa auch in Belgien, Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland Italien, Kroatien, Lettland, Liechtenstein, Luxemburg, Malta, Norwegen, Polen, Portugal, Schweden, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, der Türkei, Wales und Ungarn. Unterschiedlich ist in diesen Staaten die Einspruchsrechte von Angehörigen geregelt.

Eine erweiterte Zustimmungslösung gibt es in Dänemark, Island, Litauen, Rumänien, der Schweiz sowie in England, Nordirland und Schottland. Auch in den Niederlanden gilt noch die Zustimmungslösung. Allerdings hat das niederländische Parlament eine Widerspruchslösung beschlossen, die im kommenden Jahr in Kraft treten soll.
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