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Libanon: Bevölkerung durch Corona-Epidemie doppelt hart betroffen

© ICO/Stefan Maier
"Initiative Christlicher Orient": Virus trifft auf Staatsbankrott und marodes Gesundheitssystem - Linzer Hilfswerk um weitere Unterstützung von Projektpartnern vor Ort bemüht
25.03.2020, 13:34 Uhr Libanon/Österreich/Soziales/Epidemie/Kirche/ICO
Beirut/Linz, 25.03.2020 (KAP) Zum Staatsbankrott kommt nun auch noch Corona: Den Libanon und dessen Bevölkerung trifft es dieser Tage doppelt hart, wie der Nahost-Experte Stefan Maier, Mitarbeiter des Hilfswerkes "Initiative Christlicher Orient" (ICO), am Mittwoch gegenüber "Kathpress" berichtete. Zwar gebe es derzeit erst rund 300 bestätigte Coronafälle im Land, die Dunkelziffer liege aber unzweifelhaft weit höher und die Menschen hätten große Angst, wohl wissend um das marode Gesundheitssystem des Landes. Mittlerweile sei mit Ausgangs- und Versammlungsverboten und der Schließung öffentlicher Einrichtungen auch das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen gekommen. Die Schulen und Universitäten seien bereits seit 1. März geschlossen.

Die in Linz ansässige ICO unterstützt vor allem Bildungseinrichtungen von Ordensgemeinschaften im Libanon. Was die aktuelle Situation für die Partner vor Ort bedeutet, erläuterte Maier am Beispiel der Barmherzigen Schwestern von Ajeltoun. Deren Ordensniederlassung St. Josef nördlich der Hauptstadt Beirut umfasst einen Kindergarten, eine Volksschule sowie ein Internat und wird insgesamt von rund 500 Kindern besucht, darunter etwa 80 syrische Flüchtlingskinder. Nun stehe alles leer, auch das Internat, in dem rund 60 Kinder aus sozial schwachen bzw. zerrütteten Familien gelebt hatten.

Die Schwestern hätten Ende Februar mit Spenden noch rasch Lebensmittelpakete organisieren können, die sie den Schülern der ärmsten Familien mit nach Hause gaben. Viele Familien der Schüler, aber auch viele Lehrer stünden vor dem Nichts. Die Lehrer hätten ihr letztes Gehalt im Jänner bekommen. Im März hätten die Schwestern auch den übrigen Angestellten im Schulkomplex das letzte Mal das Gehalt auszahlen können. Jetzt seien alle finanziellen Reserven vollständig aufgebraucht.

Schon vor Corona sei das Land vor dem völligen wirtschaftlichen und sozialen Kollaps gestanden, sagte Maier. Strom habe es auch davor nur mehr für wenige Stunden am Tag gegeben, Treibstoff und Heizöl seien zuletzt auch knapp geworden und man habe nur mehr bar in Dollar bezahlen können, was für die wenigsten Menschen möglich war. Die Geldentwertung nehme ungeahnte Ausmaße an, die Banken würden kaum noch Geld ausgeben. Die libanesische Regierung hat in den vergangenen Tagen auch weitgehend alle internationalen Zahlungsverpflichtungen eingestellt. Im Land selbst gebe es immer mehr Arbeitslose. Schon im vergangenen Jahr hatten 400.000 Libanesen (bei einer Gesamtbevölkerung von sechs Millionen) ihre Arbeit verloren.

Und nun sei das Land wegen Corona auch noch völlig isoliert, sagte Maier: "Der Flughafen von Beirut ist längst schon geschlossen, die letzten Grenzübergänge zu Syien sind nun auch zu."

Wenn es in der derzeitigen Situation überhaupt ein wenig Hoffnung gebe, dann gäben dazu am ehesten spontane Solidaritätsaktivitäten der libanesischen Bevölkerung Anlass. So habe Sr. Zahia Franjieh, Oberin von St. Josef in Ajeltoun, berichtet, dass sich im Ort Jugendliche spontan organisiert hätten, um Lebensmittelspenden an die ärmsten Familien im Dorf zu verteilen.

Die ICO versuche, so gut es geht, den Kontakt zu den Projektpartnern vor Ort im Libanon zu halten, berichtete ICO-Generalsekretärin Romana Kugler. Hilfe sei derzeit u.a. wegen Corona nur eingeschränkt möglich, "aber wir haben bisher auch immer Wege gefunden, die Menschen vor Ort zu unterstützen und das werden wir auch weiter machen". Freilich sei man auf Spenden angewiesen. Nachsatz: "Mehr denn je!" (Infos: www.christlicher-orient.at)

Corona behindert Hilfsprojekte

Dass die Coronakrise die Umsetzung von Hilfsprojekten im Libanon immer schwieriger macht, berichtete auch das katholische Hilfswerk "Kirche in Not" am Dienstag in München. Die Tafel "Johannes der Barmherzige" im libanesischen Zahle musste demnach ihre Arbeit umstellen. Das von der melkitischen griechisch-katholischen Erzdiözese von Furzol, Zahle und der Bekaa-Ebene betriebene Projekt versorge normalerweise jeden Tag rund 1.000 Menschen mit Mittagessen. Die meisten seien Flüchtlinge, da die syrische Grenze nicht weit sei. Nun habe die Essensausgabe den Bewirtungsbetrieb in den eigenen Räumen wegen Pandemie-Schutzmaßnahmen der Regierung einstellen müssen.

Die Arbeit geht laut Mitteilung dennoch weiter, wenn auch unter veränderten Umständen. Nun brächten Helfer die Mahlzeiten zu rund 400 besonders bedürftigen Menschen, die ihre Häuser nicht mehr verlassen könnten. Der zuständige Erzbischof Issam John Darwich habe den Helfern für diesen Dienst gedankt. Zugleich rief er die Menschen auf, zu Hause zu bleiben sowie Gebete und Gottesdienste über Radio und Internet zu verfolgen.
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