Druckansicht - Thursday 17. May 2012

Inhalt:

Fastenhirtenbrief von Erzbischof Alois Kothgasser 2010

 

unknown    
     

Liebe Brüder und Schwestern

auf dem Weg zur österlichen Auferstehung!

 

Wir gehen hinein in die Fastenzeit. Wir gehen Christus entgegen. Wir sind als pilgerndes Gottesvolk unterwegs. Ist Euch schon einmal aufgefallen, wie oft in den Evangelien davon die Rede ist, dass Jesus unterwegs war? Er geht von Dorf zu Dorf. Er steigt auf einen Berg. Er wandert mit seinen Jüngern durch die Felder. Jesus hat als Wanderprediger gewirkt. Er ist auf die Menschen zugegangen und mit den Menschen mitgegangen. Er war und ist und bleibt mit uns Menschen unterwegs.

 

Die Fastenzeit ist eine Einladung, uns auf den Weg zu machen. Johannes der Täufer lädt zu dieser Suche nach einem neuen Weg ein: "Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe!" (Mt 3,2). Umkehren besteht nicht einfach darin, eine Kehrtwendung zu machen. Umkehr besteht auch nicht darin, von einem Tag auf den anderen in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Umkehr bedeutet: Umdenken und einen gangbaren Weg suchen und finden.

 

Umkehr ist die Suche nach einem Weg, auf dem wir wirklich gehen können. Ein gangbarer Weg führt uns an ein Ziel. Ein gangbarer Weg lässt uns gemeinsam gehen. Ein gangbarer Weg hält uns in Bewegung und bewahrt uns vor Stillstand. Umkehr ist die Suche nach einem Weg. Denn der Weg, auf dem wir jetzt gehen, ist vielleicht in vielerlei Hinsicht kein echter Weg.

 

Wir haben noch die Diskussionen auf der Weltklimakonferenz im Dezember 2009 in Kopenhagen im Ohr. Immer wieder war davon die Rede, dass sich die Menschheit mit großer Geschwindigkeit in einer Sackgasse fortbewegt; immer wieder wurde betont, dass es so nicht weitergehen kann; dass wir uns ändern müssen, kurz: Dass wir umkehren müssen, dass wir einen neuen Weg suchen sollen.

 

Umkehr ist die Bereitschaft, einen Weg zu suchen. Was kann das für ein Weg sein? Auch hier finden wir die Antwort, wenn wir Johannes den Täufer befragen. Er sagt über Jesus Christus: "Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden" (Joh 3,30). Das ist die Einladung an uns Christen: Wir müssen Raum schaffen für Christus – für Christus in uns und für Christus in der Welt.

 

Er sagt: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6). Wir können Raum schaffen für diesen Weg des Lebens. Damit das Leben möglich ist, sollen wir kleiner, einfacher, offener und freier werden. Was heißt das konkret? Zunächst einmal sollen wir uns nicht aufblähen mit Wünschen und Ansprüchen. Die Fastenzeit ist eine

Einladung, "Wege des Weniger" zu finden, Wege der Einfachheit, des Maßhaltens, des Verzichtes.

 

Der Philosoph Sokrates ging einst durch den Markt von Athen. Als er den Markt wieder verließ, sagte er vor sich hin: "Wie viele Dinge gibt es, die ich nicht brauche." Brauchen wir wirklich all das, was wir jeden Tag verbrauchen? Verbrauchen wir wirklich all das, was wir jeden Tag kaufen? Kaufen wir wirklich das, was wir wollen? Das sind einfache Fragen. Sie stellen sich gerade in der Fastenzeit.

 

Nicht von ungefähr sind wir in der Fastenzeit dazu eingeladen, über unseren Umgang mit der Schöpfung nachzudenken – über unsere Autofahrten und über unsere Einkäufe, über unseren Wasserverbrauch und über unseren Energiebedarf. Experten sagen uns, dass wir, wenn es um das "Reduzieren" geht, bei drei ganz einfachen Dingen anfangen können: bei unseren Einkäufen, bei unserem Transportverhalten und bei unserem Beitrag zum Müllberg. Was und wie viel kaufen wir? Wie und wie viel sind wir unter-wegs? Welchen Müll und wie viel Müll erzeugen wir? Diese einfachen Fragen helfen uns auf dem Weg eines "guten Weniger". Sie helfen uns, das Maßhalten einzuüben, einfacher zu leben. Die Zukunft wird es uns abverlangen.

 

Umkehr heißt: Einen Weg suchen. Dieser Weg soll uns befreien. Es liegt eine besondere Freiheit darin, unnötigen Ballast abzuwerfen. Der hl. Petrus Chrysologus hat im fünften Jahrhundert in seinen Predigten zum Matthäusevangelium das Fasten mit dem Ablegen und Ausfahren vom Hafen verglichen: Das Schiff löst sich von den Ketten, die es ans Ufer hängen, und bewegt sich in Freiheit auf das offene Meer. Ähnlich frei macht uns das Maßhalten, das Loslassen, das Verzichten. Wir werden "kleiner" und „leichter" und "freier", können mit dieser neu gewonnen Leichtigkeit neue Wege gehen. Wir schaffen Platz für Gottes Gegenwart in uns. Wenn wir frei sind von vielen Dingen und von uns selbst, dann kann Gott in uns wohnen.

 

Umkehr ist die Bereitschaft, einen Weg zu suchen. Wir sagen "Ja" zum Unterwegssein. Wir wollen nicht stehen bleiben. Wir wollen den Weg finden, auf dem wir langsam und stetig, mit Ausdauer im Alltag vorangehen können. In der christlichen Tradition ist der Weg, der ruhig und stetig zu Gott hinführt, ein Weg des Maßes und der Mäßigung. Der heilige Franz von Sales hat in seiner "Philothea", der Anleitung zum christlichen Leben, immer wieder auf das rechte Maß im guten Leben verwiesen. Fasten stärkt den Geist, schreibt der Heilige, aber langes und unmäßiges Fasten schadet.

 

Es ist besser, jeden Tag ein mäßiges Stück zurück zu legen, als sich einen Tag lang über die Maßen anzustrengen, um dann zwei Tage rasten zu müssen. So verhält es sich mit vielen Dingen unseres Lebens. Es ist besser, regelmäßig das Kleine zu tun, als unregelmäßig das Große. Umkehr ist die Suche nach einem Weg, auf dem wir vorankommen. Die Fastenzeit ist damit auch eine Einladung, nicht stehen zu bleiben. Immer wieder hören wir in den Heilungserzählungen der Evangelien den Anruf Jesu: "Steh auf" und "Geh"! Jesus heilt die Menschen. Er richtet sie auf. So können die Menschen wieder Schritt für Schritt auf einem Weg des Lebens gehen. Diese Umkehr hin auf einen Weg des Lebens schaffen wir nicht allein aus eigener Kraft. Dazu brauchen wir den Beistand Gottes. Wir wollen ja von innen her verwandelt werden.

 

Klemens von Alexandrien erinnert schon im dritten Jahrhundert daran, dass Fasten dann gut ist, wenn es von Gebet begleitet wird. Fasten ist gut, wenn wir in Taten, in Worten und auch in Gedanken das Gute suchen. Wenn wir uns in der Fastenzeit neben dem bewussten Blick auf das Äußere auch auf die Suche nach dem Weg „nach innen" machen, dann kann das Umdenken, die Umkehr gelingen.

 

Umkehr ist die Bereitschaft, einen Weg zu suchen. Dazu müssen wir aufstehen, aufbrechen, uns auf den Weg machen. Das größte Aufstehen, die Auferstehung, feiern wir zu Ostern. Jesus schenkt uns einen neuen Weg des Lebens, auf dem wir alle gehen können. Für diesen Weg des guten Weniger, für diesen Weg des rechten Maßes, für diesen Weg der Wandlung von innen nach außen und von außen nach innen, wünsche ich Euch allen die Erfahrung der Auferstehungskraft und der österlichen Freude – mit Gottes guter Wegbegleitung und seinem Segen!

 

 

Mit auf dem Weg

Euer Erzbischof Alois Kothgasser

Teilen |

Zusatzinhalt:

unknown
unknown
unknown
unknown

Themenpaket Pfingsten

Meldungen, Informationen und Wissenswertes rund um das Pfingstfest


Kirche und "Social Media"

Meldungen, Informationen und Wissenswertes rund um den Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel am 20. Mai


Papst Benedikt XVI. wird 85 Jahre alt

Meldungen zum 85. Geburtstag Joseph Ratzingers am 16. April

Interreligiöse Rocker unterwegs nach Babylon

» mehr

© 1947-2012 by KATHweb: ein elektronischer Informationsdienst der Österreichischen Katholischen
Presseagentur KATHPRESS. Alle Rechte vorbehalten.
© 1947-2012 by KATHweb: ein elektronischer Informationsdienst der Österreichischen Katholischen
Presseagentur KATHPRESS. Alle Rechte vorbehalten.