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Abgetriebene Kinder mit Trisomie 21 ein "blinder Fleck"

Kinder mit und ohne Trisomie 21
"Aktion Leben": In Gesundheitsstatistiken "nicht einmal eine Notiz wert" - "Jugend für das Leben" fordert Abschaffung der eugenischen Indikation - Dompfarrer Faber bei Messe zum Welttag: Betroffene ermutigen durch die "besondere Gabe, anderen ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken"
Down-Syndrom-Tag
20.03.2017, 14:07 Uhr Österreich/Behinderte/Politik/Schwangerschaftsabbruch/Kirche/Down-Syndrom/Aktion.Leben/Faber
Wien, 20.03.2017 (KAP) Wegen einer vorgeburtlich diagnostizierten Trisomie 21 abgetriebene Kinder sind in den Gesundheitsstatistiken "nicht einmal eine Notiz wert": Auf diesen weiteren "blinden Fleck" hinsichtlich der in Österreich vorgenommenen Schwangerschaftsabbrüche hat am Montag die "Aktion Leben" in einer Aussendung anlässlich des Welt-Down-Syndrom-Tages hingewiesen: "Sie kommen nicht vor. Das ist eine unglaubliche Respektlosigkeit den Kindern gegenüber und auch den Paaren, die mit dieser dramatischen Wendung in ihrer Schwangerschaft in eine existenzielle Krise geraten", erklärte Generalsekretärin Martina Kronthaler.

Etwa 50 Prozent aller chromosomalen Auffälligkeiten, die mittels Pränataldiagnostik gefunden werden, betreffen nach Angaben der "Aktion Leben" das Down-Syndrom; international entschieden sich 90 bis 95 Prozent der betroffenen Eltern für einen Schwangerschaftsabbruch. Wie viele Paare in Österreich betroffen sind und wie viele Kinder mit Down-Syndrom nicht auf die Welt kommen, wisse niemand, bemängelte Kronthaler das Fehlen entsprechender Statistiken. Daten über Abtreibungen aus diesem Grund, über Spätabbrüche insgesamt gebe es genauso wenig wie die Statistik über Abbrüche, die innerhalb der Fristenregelung durchgeführt werden.

Die "Aktion Leben" vermisse hier "jegliche Bereitschaft mancher Parteien", Kronthaler warb einmal mehr für die Bürgerinitiative "Fakten helfen!", die auf eine anonyme Statistik über Schwangerschaftsabbrüche abzielt: "Damit würden natürlich auch die Spätabbrüche gezählt werden. Man wüsste, in welcher Schwangerschaftswoche diese durchgeführt werden und welche Diagnosen diesen vorausgehen."

Spätabbrüche sind Abbrüche ab der 16. Schwangerschaftswoche, die durch eine Einleitung der Geburt erfolgen. Ab der 23. Schwangerschaftswoche ist der Fötus lebensfähig, weshalb - das Einverständnis der Eltern vorausgesetzt - ein Fetozid der Geburtseinleitung vorausgeht. Abbrüche nach einem auffälligen pränatalen Befund sind immer Spätabbrüche, da erst dann die genetischen und damit weitgehend verlässlichen Tests gemacht werden können.

Die "Aktion Leben" forderte, die Betroffenen mit diesem Thema nicht allein zu lassen. "Es ist die ganze Gesellschaft gefordert. Denn nur wenn Menschen mit Down-Syndrom selbstverständlich als Teil der Gesellschaft gelten, werden sich mehr Frauen und Familien dazu entscheiden, auch diese Kinder anzunehmen." Mehr Aufklärung wäre aus der Sicht des politisch und konfessionell unabhängigen Vereins dringend nötig, ebenso ein Überdenken der Praxis der Pränataldiagnostik: Ein "Screening auf Down-Syndrom" sei abzulehnen.

"Jugend für das Leben": Bewusste Selektion

Für die Abschaffung der eugenischen Indikation demonstrierte am Samstag die Organisation "Jugend für das Leben" vor dem Parlament. Bei der Ermöglichung der Abtreibung von Kindern mit Behinderung bis zur Geburt - bei "gesunden" Kindern ist sie nur in den ersten drei Monaten straffrei - handle es sich um eine "bewusste Selektion", wird Sprecherin Myoslava Mashkarynets in einer Aussendung zitiert. Erinnert wird auch daran, dass Österreich für diese gesetzliche Ungleichbehandlung bereits 2013 von der UN-Staatenprüfung in Genf scharf kritisiert worden war.

In einem offenen Brief forderten die Jugendlichen die neue Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner auf, "Sorge zu tragen, dass Eltern, die ein behindertes Kind erwarten, adäquate Informationen und einfühlsame Beratung erhalten, statt die eugenische Indikation als pseudo-humane Lösung präsentiert zu bekommen". Schließlich sei die eugenische Indikation "ein Stolperstein auf dem Weg zur vollständigen Inklusion von Menschen mit Behinderung".

NGO warnt vor Bluttests

Auf die Problematik des neu entwickelten Non-invasive prenatale Bluttest (NIPT), der Trisomie 21 mit 99-prozentiger Sicherheit feststellen kann, hat indes am Freitag das Wiener Büro der internationalen NGO "Alliance Defending Freedom" (ADF) hingewiesen. Der Test, den viele Regierungen jetzt in die öffentliche Gesundheitsversorgung einführen wollen, sei de facto ein Todesurteil für Ungeborene mit Down Syndrom. Schon heute würden in Island 100 Prozent der Diagnostizierten abgetrieben, in Dänemark 90 Prozent, in Österreich gehen Ärzte von einer ähnlich hohen Rate aus.

Dabei seien Menschen mit Trisomie 21 mit ihrem Leben in voller Harmonie. Umfragen zeigten, dass sowohl Menschen mit Trisomie 21 als auch ihre Angehörigen ihr Leben positiver bewerteten als der Durchschnitt. Dank umfassender Forschung, treffsicherer medizinischer Versorgung und steigender gesellschaftlicher Anerkennung stünden zahlreiche Entwicklungsmöglichkeiten offen. "Die Ausweitung staatlich geförderter Früherkennungsmaßnahmen von Menschen mit Down Syndrom während der Schwangerschaft steht in massivem Widerspruch zum gesellschaftspolitischen Fortschritt der letzten 40 Jahre in Bezug auf Inklusion und Gleichberechtigung", so die ADF.

In einer Unterschriftenaktion der ADF, die u.a. vom Institut für Ehe und Familie (IEF) der Österreichischen Bischofskonferenz unterstützt wird, steht dieses Problem im Mittelpunkt. "Im Rahmen von öffentlich unterstützten Gesundheitsprogrammen sollen keine Untersuchungen von Schwangeren gefördert werden, die darauf abzielen, Down Syndrom systematisch zu erfassen und damit den Boden für eine selektive Abtreibungspraxis nähren", heißt es in dem an die UNO und EU gerichteten Appell. Gentests dürften einzig dafür eingesetzt werden, die medizinische Versorgung und das Wohlbefinden betroffener Personen zu verbessern, und nicht zur Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer genetischen Disposition missbraucht werden.

Down-Syndrom-Messe im Stephansdom

In Wien fand am Sonntagabend im Stephansdom eine Messe zum Welttag der Menschen mit Down-Syndrom statt. Es sei eine "ganz große Freude, Menschen mit Down-Syndrom ins Zentrum stellen zu können", sagte Dompfarrer Anton Faber in seinen Begrüßungsworten. Betroffene hätten eine "ganz besondere Gabe, anderen ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken" und seien damit auch eine "Ermutigung für uns alle, die wir andere Einschränkungen haben, mit diesen oder mit Behinderungen ideenreich umzugehen". Bestätigt sah Faber dies in einem fünfjährigen DS-Kind, das sich während der Predigt von seinen Eltern losriss und die Messbesucher der ersten Reihen einzeln begrüßte und willkommen hieß.

Zu dem jährlich jeweils am Sonntag vor dem 21. März veranstalteten Gottesdienst waren an die 600 Gläubige gekommen, darunter viele Kinder und Jugendliche, sowie rund 50 Menschen mit Trisomie 21 sowie ihre Familienangehörige. Zahlreiche Menschen mit Down Syndrom wirkten an der Gestaltung mit, darunter u.a. in der Musikgruppe "Faith4U&Me", in der Kulturinitiative "Ich bin O.K." sowie als Lektoren und Ministranten.
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