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Der Papst weiß um die große weltkirchliche Bedeutung Mexikos

Mexiko ist zweitgrößte katholische Nation der Welt, im Blick auf Glaubenspraxis, Priester- und Ordensnachwuchs steht das Land aber mit Abstand an der Spitze - Kirche musste jahrelang blutige Verfolgung erleiden

10.03.2012

Ciudad de Mexico, 09.03.12 (KAP) Der bevorstehende Papstbesuch in Mexiko richtet den Scheinwerfer auf ein insgesamt von Mitteleuropa wenig beachtetes Land, das jedoch für die Weltkirche von ungeheurer Bedeutung ist. Denn Mexiko ist die zweitgrößte katholische Nation der Welt, im Blick auf Glaubenspraxis, Priester- und Ordensnachwuchs steht das Land aber mit Abstand an der Spitze in der Weltkirche.

Der Papst weiß um die Bedeutung Mexikos: Die katholische Kirche in Mexiko ist mit Abstand die größte Ortskirche in den spanischsprachigen Ländern. Rund 100 der 117 Millionen Einwohner gehören der katholischen Kirche an.

Von Lateinamerika-Experten wird jedoch ebenso auf die starke Abwanderungsbewegung von Katholiken in den Ländern südlich des Rio Grande zu protestantisch-fundamentalistischen Sekten hingewiesen. Auch der Papstbesuch muss in diesem Kontext gesehen werden.

Im September 2011 hatte Benedikt XVI. im Rahmen des Erfurter "Ökumenegipfels" darauf hingewiesen, dass eine der großen Herausforderungen an katholische und evangelisch-lutherische Kirche heute "die schnell wachsenden neuen Formen des Christentums" in den außereuropäischen Ländern seien. Die neuen Gemeinschaften in Lateinamerika, aber auch in Afrika und Asien, hätten "geringe institutionelle Dichte" und wenig "rationales und noch weniger dogmatisches Gepäck". Das neue Phänomen stelle die "klassischen Konfessionskirchen" jedenfalls "vor die Frage, was das bleibend Gültige ist und was anders werden kann oder muss - vor die Frage unserer gläubigen Grundentscheidung", so der Papst.

Die mexikanische Kirche versucht, der Abwanderung mit einer betont "indianischen" Akzentuierung des Katholizismus entgegenzuwirken. So wurde 2002 erstmals ein Indio heiliggesprochen: Juan Diego (1474-1548), der 1525 getauft wurde und dem 1531 eine "wunderschöne dunkelhäutige Frau" erschienen sein soll, die sich als die Gottesmutter zu erkennen gab. Sie redete in indianischer Sprache mit ihm und hinterließ ihr Bild auf dem Poncho des Indio.

Das Bild dieser Dunkelhäutigen - die Muttergottes von Guadalupe - ist seitdem Mittelpunkt der größten Wallfahrtsbewegung der Welt. "La Morenita" gilt auch als Symbol für die Armen und Entrechteten. Die 1971 neben der barocken Kirche erbaute neue Basilika von Guadalupe, die das Madonnenbild beherbergt, ist die größte Kirche der Welt.

Ärzte rieten ab

Vor allem aus gesundheitlichen Gründen hatte sich der Papst dennoch in der Vergangenheit nicht an eine Mexiko-Reise herangewagt. Seine Ärzte hatten ihm von Aufenthalten in hohen Lagen abgeraten. Die Strapazen, die große Höhe - die Hauptstadt Ciudad de Mexico liegt auf 2.300 Meter - und die Klimaunterschiede waren etwa an Johannes Paul II. bei dessen Mexiko-Besuch 1999 nicht spurlos vorübergegangen. Der Papst erkrankte in der folgenden Woche an einer besonders schweren Grippe, und seine Erholung danach war keineswegs zufriedenstellend.

Ärzte hatten damals auf die großen Gefahren eines schnellen Höhenwechsels ohne ausreichende Akklimatisierung hingewiesen. Herz und Kreislauf eines alten oder nicht mehr gesunden Menschen würden dadurch in extremer Weise belastet.

Dies dürfte ein gewichtiger Grund gewesen sein, weshalb diesmal der Besuch der Hauptstadt Ciudad de Mexico ausgeschlossen wurde. Stattdessen wurde die tiefer gelegene Millionenstadt Leon mit ihrem bekannt gesunden Klima als Ziel ausgewählt.

Stärkung nach dem Missbrauchsskandal

Mexikos Kirche benötigt dringend eine Stärkung, wie sie ein Papstbesuch darstellt. 2010 war die Kirche durch den Missbrauchsskandal in besonderer Weise in Mitleidenschaft gezogen worden - stärker als in jedem anderen lateinamerikanischen Land. Die Kirche stand damals ohnehin in der Kritik, weil viele Priester im Norden des Landes große Feiertagsmessen aus Angst vor Anschlägen der Drogenmafia abgesagt hatten.

Die Krise von 2010 war das Ergebnis der Maciel-Affäre. Als Präfekt der Glaubenskongregation hatte Joseph Ratzinger im Jahr 1997 eine Untersuchungskommission im Vatikan gegen den Ordensgründer P. Marcial Maciel Degollado (1920-2008) geleitet. Der vor vier Jahren verstorbene Gründer des einflussreichen Ordens der "Legionäre Christi" (LC), aus dem sich eine große Zahl des Priesternachwuchses rekrutiert, war damals allerdings im Vatikan - nicht jedoch in der Glaubenskongregation - gut vernetzt. Jahrzehntelang soll sich Maciel an Burschen und Mädchen vergangen haben. Dutzende angebliche Missbrauchsopfer meldeten sich zwischen 1997 und 2010.

Benedikt XVI. leitete noch als Präfekt Maßnahmen gegen Maciel ein. 2009/10 erfolgt die Visitation des Ordens, danach die personelle Erneuerung. Mittlerweile stehen ein päpstlicher Delegat und ein erst 37-jähriger Deutscher - P. Sylvester Heereman - an der Spitze. Sie ziehen den Säuberungskurs voll durch.

Nachwirkungen der blutigen Kirchenverfolgung

Mexikos Staat-Kirche-Beziehungen sind heute zwar besser als je zuvor in den vergangenen 140 Jahren, allerdings besteht ein Grundzug von Distanziertheit. Jahrzehntelang hatten antikirchlichen Gesetze, die Präsident Plutarco Elias Calles in den 1920er-Jahren erlassen hatte, zumindest auf dem Papier Gültigkeit gehabt.

1926 war es zu einem dreijährigen blutigen katholischen Aufstand, der "Guerra de los Cristeros", gegen Calles gekommen. Er brachte zahlreiche Märtyrer hervor, von denen einige unter Johannes Paul II. seliggesprochen wurden.

Die Calles-Gesetze schränkten den Lebensraum der Kirche dramatisch ein und fungierten als Vorbild für die sowjetische Religionsgesetzgebung unter Stalin. Eine drastische Reduzierung der Priesterzahl wurde angestrebt; das Verbot, in der Öffentlichkeit ein geistliches Gewand zu tragen, private Messen zu feiern sowie Religionsunterricht in Privatschulen und sogar in Privathäusern zu geben, wurde erlassen. Die Atmosphäre der Kirchenverfolgung unter Calles und seinen Nachfolgern wurde literarisch von Graham Greene in seinem Meisterwerk "Die Kraft und die Herrlichkeit" festgehalten.

Von 1926 bis 2000 herrschte die von Calles gegründete linksliberale Partei PRI (Partido Revolucionario Institucional) unangefochten; Wahlfälschungen waren an der Tagesordnung. Erster erfolgreicher Gegenkandidat war Vincente Fox Quesada (2000-2006) von der Mitte-Rechts-Partei PAN, dem vor sechs Jahren Mexiko Felipe Calderon folge. In einem komplizierten Wahlprozedere wird ab Juli 2012 ein Nachfolger für Calderon, dem keine Wiederkandidatur erlaubt ist, gewählt.

2006 hatte der äußerst knappe Sieg Calderons, der sich gegen den linken Populisten Manuel Lopez Obrador behauptet hatte, heftige politische Konfrontationen ausgelöst. Während des Wahlkampfs hatten die mexikanischen Bischöfe betont, dass allen Konfessionen Religionsfreiheit zugestanden werden und die notwendigen Mittel für den Religionsunterricht an den staatlichen Schulen zur Verfügung gestellt werden müssten. Die Bischöfe unterstrichen nachdrücklich die Notwendigkeit, die Versöhnung voranzutreiben, die politischen Gegner zu respektieren und Ausbrüche von Gewalt zu verhindern.

Allerdings hatte sich das politische Klima der Konfrontation so sehr aufgeheizt, dass militante Aktivisten der linken Oppositionspartei PRD den Erzbischof von Ciudad de Mexico, Kardinal Noberto Rivera Carrera, während einer Messe in der Kathedrale angriffen. Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich ein Jahr später.

Ein Konfliktfeld auf regionaler Ebene wurde in der Folge der Schutz des Lebens: So verabschiedete die gesetzgebende Versammlung des Distrikts Ciudad de Mexico-Distrito Federal (Mexico D.F.) eine Reform des Strafgesetzbuches. Damit wurden auch Abtreibungen bis zur zwölften Schwangerschaftswoche in diesem Teilstaat erlaubt.

Vor der Verabschiedung dieses Gesetzes hatte Kardinal Rivera ein Dokument mit einer scharfen Drohung veröffentlicht. Jeder, der Gesetze gegen das menschliche Leben erlässt, und alle, die für die Freigabe der Abtreibung eintreten und arbeiten, würde mit einer Exkommunikation bestraft werden.

Der Papst wird aber voraussichtlich in seiner Botschaft an die Bischöfe Mexikos, aber auch ganz Lateinamerikas, am 25. März auch andere Probleme ansprechen. Wahrscheinlich wird es auch um Drogenkriminalität, Korruption, Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Unterdrückung gehen - alles Themen, zu denen sich Bischöfe in den vergangenen Jahren geäußert hatten.

 

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