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Kathpress-Jahresrückblick 2018

Traditioneller Gottesdienst zum Weltfriedenstag mit Papst Franziskus am 1. Januar 2017 zum Jahresbeginn im Petersdom.
27.12.2018, 10:27 Uhr

Nach fünf Jahren wachsen sich die Missbrauchskrise und innerkirchliche Frontstellungen zur ersten Bewährungsprobe im Pontifikat von Franziskus aus. 2018 blieb einiges weltkirchlich und auch in Österreich offen. Ein kursorischer Jahresrückblick von Kathpress-Chefredakteur Paul Wuthe

Fakten
Kann Papst Franziskus die von ihm geweckten Hoffnungen auf Erneuerung in der Kirche einlösen - oder ist er nur das freundliche Antlitz einer selbstbezogenen und schwerfällig gewordenen Institution? Ungefähr so lautete die Frage in der medialen Öffentlichkeit zur heurigen Zwischenbilanz nach fünf Jahren des aktuellen Pontifikats. Nahezu einstimmige Anerkennung findet Franziskus für sein Verdienst, innerhalb der Kirche für Aufbruchsstimmung gesorgt und Diskussionen in Gang gebracht zu haben. Noch größer war auch 2018 die Wertschätzung für den Papst als "Global Player" bei weltweiten Themen wie Flucht, Armut, Umwelt und Frieden. Aber das bislang wohlwollend positive Bild des Papstes hat sich in den vergangenen zwölf Monaten merklich getrübt.

Es war ein schwieriges Jahr für Papst Franziskus und die katholische Kirche, die sich erneut mit schweren Verfehlungen in den eigenen Reihen konfrontiert sieht. Die Missbrauchskrise und - teils damit verbunden - Widerstände innerhalb der Kirche haben sich 2018 zur ersten großen Bewährungsprobe für das Pontifikat ausgewachsen.

Das beherrschende Thema dominierte schon im Jänner den Besuch des Papstes in Chile und Peru. Dabei benutzte Franziskus in einer spontanen Äußerung über Vertuschungsvorwürfe gegen den chilenischen Bischof Juan Barros das Wort, das alles ins Rollen brachte: "Verleumdung". Das kritisierte sogar der Missbrauchsberater des Papstes, der US-Kardinal Sean Patrick O'Malley. Franziskus reagierte, schickte im Februar seinen besten Mann für die juristische Seite von Missbrauchsvergehen, Erzbischof Charles Scicluna, als Sonderermittler nach Südamerika, und eine beispiellose Dynamik kam in Gang. Mitte Mai bestellte der Papst die chilenischen Bischöfe ein; nahezu alle boten anschließend ihren Rücktritt an. An das "Volk Gottes" in Chile richtete Franziskus einen Brief, in dem er die alten klerikalen Machtstrukturen als Wurzel des Übels ausmachte und verlangte, die Kirche im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils von Grund auf zu erneuern.

Papst im Zweifrontenkrieg

Seither steht Franziskus in einem Zweifrontenkrieg: auf der einen Seite gegen die Altlasten des Missbrauchs, auf der anderen gegen jene Konservative in der Kirche, die den Feldzug gegen "Klerikalismus" als verfehlt ansehen. Offenkundig wurde das durch die vom Papst verfügte Entlassung des früheren Washingtoner Erzbischofs Theodore McCarrick aus dem Kardinalsstand im Sommer. Während im August der US-Bundesstaat Pennsylvania einen niederschmetternden Bericht zu Missbrauch in der Kirche publizierte, attackierte Ex-Nuntius Carlo Maria Vigano - just zum Abschluss des ebenfalls vom Missbrauchsthema überschatteten katholischen Weltfamilientreffens in Dublin - den Papst frontal: Franziskus' Umgang mit der Causa McCarrick sei Ausdruck einer zeitgeistig-liberalen Haltung des Pontifex, der damit den Sittenverfall in der Kirche schüre. So lautet die Losung jener, denen der Papst aus Argentinien schon lange ein Dorn im Auge ist.

Gleichzeitig bewirkt diese Kritik eine Solidarisierung mit dem Papst und seinem Werben für eine barmherzige und dienende Kirche. Ein Beispiel dafür ist die vom Wiener Theologen Paul Zulehner mitbegründete internationale Initiative "Pro Pope Francis". Spätestens seit 2018 sind damit die innerkirchlichen Fronten geklärt. Gegen Missbrauch will der Papst weiter vorgehen. Wie, das wird sich schon bald bei der von ihm ab 21. Februar 2019 anberaumten Sonderkonferenz mit den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen aus aller Welt weisen.

Diese Großwetterlage prägte auch die Weltbischofssynode im Oktober im Vatikan, bei der erstmals Leben und Glauben von jungen Menschen das Topthema war. Eine Premiere feierte die "Vorsynode" im März mit 300 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich methodisch bewährt hat. Sie wird wohl auch künftig aufgrund der vom Papst ebenfalls in diesem Jahr geänderten Synodenordnung zum Repertoire einer von Synodalität geprägten Kirche gehören. Die Synode selbst beeindruckte die Teilnehmer durch ihre Offenheit. Immer wieder wurde dabei der Wunsch nach mehr Beteiligung von Frauen und Laien in Entscheidungsprozessen der Kirche laut. Zu großen inhaltlichen Durchbrüchen reichte es im Schlussdokument jedoch nicht. Dafür gab es im Rahmen der Synode einen anderen Höhepunkt: die Heiligsprechung von Papst Paul VI. (1963-78) und des salvadorianischen Märtyrer-Erzbischofs Oscar Romero (1917-80).

Für die Weltkirche bedeutsam und zu einem echten Fortschritt könnte sich die im September erfolgte Annäherung zwischen dem Heiligen Stuhl und China entwickeln. In einer historischen Einigung legten beide Seiten einen 70-jährigen Streit über Bischofsernennungen bei. Gleichzeitig fehlte es dabei nicht an warnenden Stimmen aus der Kirche: Es muss sich erst erweisen, ob mit der Vereinbarung zwischen Rom und Peking für Katholiken das Tor zu mehr Religionsfreiheit im Land der Mitte dauerhaft geöffnet werden konnte.

Österreich: Bischofswechsel und Vakanzen

Dass im mehrfachen Sinn in der Kirche vieles offen ist, zeigt auch der Blick auf Österreich. Offen im Sinne von vakant ist seit Jahresende die Apostolische Nuntiatur: Nach fast zehnjährigem Wirken als Apostolischer Nuntius ist Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen in den Ruhestand getreten. Im Wissen um die Sensibilität von Bischofsernennungen in Österreich hinterlässt der scheidende Nuntius eine stolze Bilanz: Das betrifft die Bischöfe Ägidius Zsifkovics (Eisenstadt, 2010), Benno Elbs (Feldkirch, 2013), Wilhelm Krautwaschl (Graz, 2015) und Hermann Glettler (Innsbruck, 2017) sowie Militärbischof Werner Freistetter (2015) und Weihbischof Hansjörg Hofer (2017). Hinzu kommen die Wechsel von Franz Lackner von Graz nach Salzburg (2014), von Manfred Scheuer aus Innsbruck nach Linz (2016) und zuletzt von Alois Schwarz aus Gurk nach St. Pölten.

Ebenfalls vakant ist seither der Bischofsstuhl für die Kirche in Kärnten, die derzeit von Diözesanadministrator Engelbert Guggenberger geleitet wird. Seit seiner Wahl durch das Domkapitel ist der ehemalige Generalvikar von Bischof Schwarz um Offenheit hinsichtlich der wirtschaftlichen Gebarung des bischöflichen Mensalguts bemüht. Nachdem die vatikanische Bischofskongregation zuerst über das Ergebnis der Prüfung informiert werden wollte und daher eine in Klagenfurt bereits angesetzte Pressekonferenz kurzfristig abgesagt hat, liegt jetzt der Ball in Rom. Auch hier ist der Status: offen.

Asyl und "Ehe für alle"

In gesellschaftlichen Fragen war die katholische Kirche in Österreich 2018 um nichts weniger aktiv und hörbar als in früheren Jahren - durch das geänderte Umfeld kann christliches Engagement aber nicht mehr automatisch mit breiter Zustimmung rechnen. Am deutlichsten wird das beim Themenkreis Asyl, Migration und Integration. Die restriktive Haltung der Regierung, die sich dabei auf eine mehrheitliche Unterstützung in der Gesellschaft stützt, die Zunahme populistischer Tendenzen und eine enthemmte Netz-Kommunikation setzen jene immer mehr unter Druck, die Asylsuchenden helfen. Immer öfter kommen die kirchliche Caritas, Bischöfe oder engagierte Christen dabei in die biblische Rolle des "einsamen Rufers". An klaren Ansagen mangelt es nicht, wie jene nach einer großzügigeren Ausübung des humanitären Bleiberechts. "Asyl darf nicht zu einem Schimpfwort werden", mahnten die Bischöfe schon wiederholt.

Nicht mehr mehrheitsfähig - zumindest auf politischer Ebene - scheint indes auch das klassische und von der katholischen Kirche getragene Verständnis von Ehe und Familie zu sein. Die durch die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes zur "Ehe für alle" vor einem Jahr eröffnete Frist haben Regierung und Parlament ungenutzt verstreichen lassen, um als Gesetzgeber dafür eine Regelung zu treffen. Da halfen auch entsprechende Aufforderungen und Argumente aus der Kirche nicht. Wie sich das geänderte Eheverständnis auf die katholische Kirche auswirkt, wird sich ab dem nächsten Jahr weisen. Für die evangelische Kirche hat dieses Thema aufgrund ihres theologischen Eheverständnisses erhöhte Brisanz. Und es gibt sogar die Sorge, dass sie daran in Österreich intern zerbrechen könnte.

Glaube und Struktur

Gesellschaftlichen Verschiebungen zeigen sich auch im religiös-kirchlichen Bereich. Konstant hoch - zwischen 70 und 80 Prozent - ist das christliche Selbstverständnis der Österreicher, was die Prägung des Landes und die persönliche Lebenshaltung betrifft. Einem gesellschaftlichen Trend folgend nimmt gleichzeitig die Bindung an Institutionen ab. Das spürt die Kirche, wenn auch nicht so ausgeprägt wie andere große Mitgliederinstitutionen.

Vor diesem Hintergrund ringt die Kirche um zeitgemäße Strukturen, die ihrer geistlichen Sendung in die Welt besser dienen sollen. Alle österreichischen Diözesen sind davon betroffen - mit ähnlichen Tendenzen, aber nicht immer gleichen Methoden. So nützte beispielsweise die Diözese Graz-Seckau ihr 800-Jahr-Jubiläum zu einer Strukturreform mit ganz neuen Akzenten. Die Grundstimmung im kirchlichen Aktivsegment ist dabei insgesamt zwischen Dur und Moll oszillierend. Ein "Rumoren" in der Kirche vernehmen nicht nur Bischöfe, wenn es beispielsweise um die Zukunft der Gemeinden und die damit verbundene Ämterfrage geht.

Ob Papst Franziskus in der Frage des Frauendiakonats oder im Blick auf verheiratete Priester Klärungen herbeiführen kann, wird möglicherweise schon das nächste Jahr weisen (Stichwort: Amazonassynode). Letztlich entscheidend wird bei all dem sein, wie sehr es den Kirchen und Christen gelingt, den Glauben so überzeugend in Wort und Tat zu leben, dass andere auch Christen sein wollen.
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