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Prüller: "Christliche Prägung leben statt verteidigen"

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Pressesprecher der Erzdiözese Wien in Kirchenzeitung "Der Sonntag": Schlüssel für christliches Österreich liegt nicht in Abwehrhaltung, sondern in Glaubenserneuerung
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12.10.2017, 16:16 Uhr Österreich/Kirche/Politik/Christentum/Prüller
Wien, 12.10.2017 (KAP) Wer die "christliche Prägung" Österreichs "verteidigen" will, der "muss sie immer wieder neu von innen her leben". Das betont Michael Prüller, Kommunikationschef und Pressesprecher der Erzdiözese Wien in einem Interview in der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag". Ein Land habe nur dann wirklich eine christliche Prägung, "wenn hier Christen ihren Glauben ernst nehmen und sie in der Politik und im Zusammenleben das christliche Menschenbild hochhalten." Die Prägung, die ein Land dadurch bekommt, "kann man nicht wie im Museum konservieren und gegen außen verteidigen." Der Schlüssel liege also nicht in einer Abwehrhaltung, "sondern in der Glaubenserneuerung und in der Mission hier in Österreich".

"Der Sonntag" thematisiert in seiner aktuellen Ausgabe die Frage, ob Österreich eine "christliche Leitkultur" braucht. Nur Heinz-Christian Strache (FPÖ) und Sebastian Kurz (ÖVP) hätten diese Frage bei einer TV-Diskussion mit "Ja" beantwortet. Alle anderen Kandidaten - Christian Kern (SPÖ), Ulrike Lunacek (Die Grünen), Matthias Strolz (Neos), Peter Pilz (Liste Pilz) - votierten mit "Nein".

Ihn überrasche das Ergebnis nicht, so Prüller. Sowohl der Begriff "christlich" als auch der Begriff "Leitkultur" würden im politischen Umfeld sehr kontrovers diskutiert: "Ich sehe es so, dass Grundwerte, die uns heute gefährdet scheinen, wie Gleichberechtigung, Rechtsstaatlichkeit, individuelle Freiheit auf einem christlichen Boden gewachsen sind. Andere betrachten die Geschichte aber anders und haben die Auffassung, dass die Aufklärung dem Christentum diese Werte abgetrotzt hat."

FPÖ und ÖVP würden sich aus unterschiedlichen Motiven zur christlichen Tradition bekennen und hier spiele der stärker werdende Islam auch eine Rolle. "Christlich" werde leicht zum Überbegriff für "nicht-islamisch". Die Frage nach der Stärkung des christlichen Glaubens spiele hingegen in der politischen Debatte so gut wie keine Rolle, kritisierte Prüller. Zugleich müsse man aber einräumen, dass es bei einzelnen Politikern "auch eine echte Verbundenheit mit den christlichen Kirchen" gebe.

Unterschiedliche Herleitung

Ähnlich wie Prüller äußerte sich im "Sonntag" auch der Journalist Michael Jungwirth: Auch wenn Strache und Kurz die Frage zur christlichen Leitkultur mit "Ja" beantworten, heiße das nicht, "dass sie Religion und die Kirche mehr fördern möchten". Ihre Motivation liege eher darin, "im Zuge einer globalisierten Welt und eines zunehmenden Unsicherheitsgefühls aufgrund des politisch motivierten Islamismus ein Gefühl der Stabilität und des Heimatbewusstseins zu vermitteln, indem sie sich auf christliche Werte berufen".

Die anderen Parteien wiederum würden sich vermutlich sowohl am Begriff "christlich" als auch am Begriff "Leitkultur" stoßen, so der Innenpolitik-Chef der "Kleinen Zeitung". SPÖ, NEOS, Die Grünen und auch Peter Pilz würden eine Vormachtstellung des Christentums aus ideologischen Gründen ablehnen und eher für eine Gleichstellung der Religionen eintreten und auch nicht einer Kultur den Vorrang einräumen wollen. "Man muss bedenken, dass die genannten Vertreter trotz der Flüchtlingskrise eher einen Multikulti-Ansatz präferieren", so Jungwirth.

Trotzdem würden sich alle Parteien zu zentralen christlichen Werten wie Gerechtigkeit und Solidarität bekennen, diese aber unterschiedlich herleiten. Jungwirth: "Ein gläubiger Christ wird hier klarerweise eine andere Antwort darauf geben als ein liberaler Politiker, der unsere demokratischen Werte nicht nur auf die christliche Vergangenheit zurückführt, sondern vor allem auf die Aufklärung und auf das Erbe der großen bürgerlichen Revolutionen im 18. und 19. Jahrhundert." Fazit Jungwirths: "Christliche Werte, sofern sie nicht fundamentalistisch vertreten werden, und ein liberales Gesellschaftsverständnis schließen sich definitiv nicht aus."

Keine kirchliche Wahlempfehlung

Eine Antwort auf die Frage, warum die katholische Kirche keine Wahlempfehlung gibt, lieferte Prüller ebenfalls im aktuellen "Sonntag". Menschen, die es mit dem Christsein ernst nehmen, könnten durchaus zu völlig unterschiedlichen Parteien tendieren. Der Weltkatechismus liefere hier bei der Entscheidung nur eine vage Richtschnur, wenn er Achtung des Gemeinwohls, der Grundrechte jeden Menschens, des sozialen Wohls, des Friedens und der "Sicherung einer gerechten Ordnung" fordere.

Bei der Nationalratswahl gehe es nicht darum, den richtigen von zwei Wegen zu wählen, sondern "mit seiner Stimme in einem Dickicht von möglichen Koalitionen, programmatischen Kompromissen und politischen Stilmixen das Bestmögliche zu unterstützen", betonte Prüller. Die kirchliche Lehre lasse hier "keine unzweifelhafte Antwort" zu, vielmehr gebe es die Pflicht, "sich gut zu informieren, abzuwägen und sich zu prüfen, ob die eigenen Motive lauter und anständig sind", so der diözesane Kommunikationschef, und weiter: "Darüber hinaus sind wir - und das ist gut so - frei."

Gesammelte Beiträge zum Thema Kirche und Nationalratswahl unter www.kathpress.at/nrw17
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