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"Humanae vitae" im Spiegel der "Kathpress"

Die inner- wie auch außerkirchlich starke Resonanz auf das Lehrschreiben Pauls VI. über Ehe, Sexualität und Empfängnisverhütung spiegelt sich wider in der damals von Chefredakteur Richard Barta geleiteten Nachrichtenagentur - Hintergrundbericht von Robert Mitscha-Eibl
12.07.2018, 09:43 Uhr Österreich/Kirche/Glaube/Humanae.vitae
Wien, 12.07.2018 (KAP) Mitten im Sommer 1968 bewegten die Weltöffentlichkeit nicht nur die französischen Atomwaffentests auf dem polynesischen Mururoa-Atoll, in deren Folge eine radioaktive Wolke das nördliche Chile überquerte - auch im Vatikan ging eine "Bombe" hoch: Am 25. Juli wurde mit "Humanae vitae" (Hv) die wohl meistdiskutierte päpstliche Enzyklika der neueren Kirchengeschichte veröffentlicht. Die inner- wie auch außerkirchlich starke Resonanz auf dieses Lehrschreiben über Ehe, Sexualität und Empfängnisverhütung spiegelt sich wider in der damals von Chefredakteur Richard Barta, dem geistigen Vater der "Mariazeller Erklärung" von 1952 ("freie Kirche in einer freien Gesellschaft"), geleiteten Nachrichtenagentur "Kathpress". Im Folgenden einige Schlaglichter aus deren Archiv:

Noch am Donnerstag, dem 25. Juli 1968, wurde in einem "Kathpress"-Kommentar "über den wahrscheinlichen Inhalt" der Enzyklika spekuliert, deren Veröffentlichung "noch in diesem Jahr" erwartet wurde. Als "am wahrscheinlichsten" wurde ein "vorläufiger Charakter" des Dokuments erachtet. D.h. Papst Paul VI. werde "einstweilen" die bisherige Linie des kirchlichen Lehramtes hinsichtlich der sittlich gerechtfertigten Familienplanung bestätigen, sich aber angesichts der medizinischen Fortschritte bei der Geburtenkontrolle die Möglichkeit einer Weiterentwicklung offenlassen.

Es kam anders. Am Montag, 29. Juli, informierte Kathpress ausführlich über die Kernaussagen in Hv (siehe Artikel "Was in 'Humanae vitae' drinsteht"). Paul VI. legte sich fest - und er entschied anders als die noch von Papst Johannes XXIII. eingesetzte Studienkommission und eine von ihm selbst formierte Bischofskommission, die mehrheitlich zur Auffassung kamen, empfängnisverhütende Mittel seien an sich nicht verwerflich und die Wahl der Familienplanungs-Methode sei den Eheleuten selbst zuüberlassen. Wer sich über die "untrennbare Verbindung" von Liebe und Offenheit für Fortpflanzung beim ehelichen Akt hinwegsetzt, "stelle sich in einen Widerspruch zur inneren Wesensstruktur der Ehe und zum Willen des Urhebers der Schöpfung", fasste "Kathpress" zusammen.

"Keine unfehlbare Äußerung des Lehramtes"

Ein "Kathpress"-Interview am 29. Juli mit dem deutschen Theologen Prof. Johannes B. Hirschmann SJ (1908-1981) stellt die Frage nach der Verbindlichkeit von Hv für die Gläubigen. In seiner Antwort wies der Jesuit zunächst darauf hin, dass Hv "keine unfehlbare Äußerung des päpstlichen Lehramtes" sei, trotz der hohen Verbindlichkeit für das Gewissen. "Wie bei anderen Äußerungen des authentischen Lehramtes ist nicht jede weitere Frage und Diskussion ausgeschlossen", wird Hirschmann zitiert.

Und die Diskussion war bereits in vollem Gange. Am 30. Juli publizierte "Kathpress" katholische Reaktionen aus dem Ausland sowie österreichische Pressestimmen. Die Deutsche Bischofskonferenz kündigte "geeignete Hilfen" für Seelsorger und Gemeinden bei der Vermittlung der Lehrinhalte von Hv an, die niederländischen Bischöfe zeigten sich "betroffen" über die "Geburtenregelungsenzyklika". Über einen Schweizer Moraltheologen - Anton Meinrad Meier aus dem Priesterseminar Solothurn - berichtete "Kathpress", die päpstlichen Direktiven widersprächen seiner bisherigen Lehrtätigkeit; deshalb lege er sein Mandat als Dozent zurück.

Als Verteidiger des Papstes und dessen "großen Mutes" trat in derselben "Kathpress"-Ausgabe der italienische Moraltheologe Ferdinando Lambruschini auf, der Hv in einer Pressekonferenz am 29. Juli präsentiert hatte. Paul VI. habe sich "dem Drängen nach einer die Mühe scheuenden Öffnung die rigorose Bekräftigung des traditionellen Lehramtes gegenübergestellt", wohl wissend, dass dies "nicht von allen leicht angenommen werden würde".

Das erscheint geradezu als Euphemismus angesichts des Raschelns im österreichischen Blätterwald, das "Kathpress" am 30. Juli auf drei Seiten zusammenfasste. Verständnisvolle Worte für das "Sich-Durchringen" des Papstes zu einer absehbar unpopulären Wegweisung äußerte Pia Maria Plechl in der "Presse"; von einem "Sieg der Weltfremdheit, der nicht dem Leben dient", schreibt Paul Blau in der "Arbeiter Zeitung", und Kritik äußerte angesichts der globalen Bevölkerungszunahme auch "Cato" (Hans Dichand) in der "Kronenzeitung". Und die kirchennahe "Kleine Zeitung" bedauerte, dass in der Kirche nach ihrer geachteten Rolle im Kalten Krieg nun wieder "Abfall und Irrglaube" gewittert werde. In den "Salzburger Nachrichten" bekundete Hubert Feichtlbauer Unverständnis darüber, dass Geburtenregelung mit Kalender und Thermometer anders zu beurteilen sein soll als mit Antikonzeptiva; schließlich gebe es auch mit Brillen und Prothesen technische Ergänzungen der Natur.

Kardinal König meldet sich aus dem Urlaub zu Wort

Am 31. Juli meldete sich Kardinal Franz König - eine prägende Persönlichkeit des II. Vatikanums - aus dem Urlaub zu Wort. "Die (kritische, Anm.) Reaktion der Weltöffentlichkeit auf diese Enzyklika ist zwar verständlich, wird aber dem Fragenkomplex meiner Meinung nach nicht ganz gerecht", schrieb der Wiener Erzbischof in einer Stellungnahme an "Kathpress". Besonders wichtig scheine ihm der Hinweis in Hv auf "weitere Ergebnisse der medizinischen Forschung" zu sein, "von denen zu hoffen ist, dass sie eine richtige Handhabe für die Geburtenregelung geben werden". Für das einzelne Ehepaar wird - so König - neben der Ausrichtung nach den Grundsätzen des kirchlichen Lehramtes auch "eine Reihe anderer Überlegungen maßgebend sein". An erster Stelle nannte der Kardinal hier das persönliche Gewissen, weiters "die spezielle Situation" und eben die "Errungenschaften der Medizin". Und der folgende Satz Königs könnte auch 50 Jahre später von Papst Franziskus stammen: "Der Seelsorger hat hier nicht unbarmherziger Richter zu sein, sondern in erster Linie Helfer seiner Mitmenschen." König gab damit eine Leitlinie vor, die er und die anderen Bischöfe mit der "Mariatroster Erklärung" am 1. Oktober 1968 aufgriffen. Darin wollten sie - ähnlich wie andere Bischofskonferenzen - den Gläubigen einen Zugang zu "Humanae vitae" erschließen.

Am 1. August berichtete "Kathpress" über eine am Vorabend vom späteren Wiener Bürgermeister Helmut Zilk geleitete ORF-TV-Diskussion. Der damalige Theologie-Dozent und Wiener Kaplan Adolf Holl berichtete dabei über Gespräche mit Priesterkollegen und Gläubigen, in denen über die Enzyklika viel Enttäuschung, Schmerz und Trauer zum Ausdruck gekommen sei. Er selbst könne die Lehre in Hv aus Gewissensgründen nicht akzeptieren. Helmut Erharter, vierfacher Vater, Pastoratheologe und verantwortlich für die Zeitschrift "Der Seelsorger", meinte, "auch gute Katholiken" fänden in Hv keine Lösung ihrer Probleme im Zusammenhang mit der Familienplanung. Er sehe nicht ein, warum die "Kalender-Methode" natürlicher sein solle als andere Methoden. "Kathpress" lobte in einem Kommentar die hohe Qualität der vom damaligen Fernsehdirektor Zilk persönlich geleitete Sendung. Nachsatz: "Wer weiß, wie schwierig es ist, Stellungnahmen zur Frage der Enzyklika zu erhalten (und die Kathpress weiß es), muss auch das Bemühen des Fernsehens anerkennen, hier weitgehend zuständige Leute zu Wort kommen zu lassen."

Zahlreiche weitere kritische Stellungnahmen von Fachleuten und Medien aus dem In- und Ausland dokumentieren, dass inhaltliche Differenzen Ende der 1960er Jahre in der "Kathpress", dem "offiziösen" Nachrichtenorgan der katholischen Kirche Österreichs, nicht unter den Teppich gekehrt wurden. In einer Erklärung der Katholischen Aktion (KAÖ) am 2. August wird ungeschminkt darauf hingewiesen, dass die öffentliche Meinung "und eine große Zahl von Katholiken in diesem Land und in aller Welt" die Lehrentscheidung von Papst Paul VI. "bedauern". Die KAÖ wünschte sich ein weiteres kirchliches Wort, "das die konkrete Situation der Eheleute und ihre Gewissensnot berücksichtigt".

Diesem mehrfach geäußerten Wunsch entsprachen die österreichischen Bischöfe mit ihrer "Mariatroster Erklärung". Ihren inhaltlichen Kern bildet die Position: Wenn jemand aus seiner Gewissensentscheidung heraus glaubt, auch gegen den Papst stehen zu müssen, so hat die Kirche dies zu akzeptieren. Diese Möglichkeit, zur persönlichen Gewissensentscheidung zu stehen, aber trotzdem in der Kirche bleiben und sich ihr zugehörig fühlen zu können, ist in den fünf Jahrzehnten seit "Humanae vitae" von vielen wahrgenommen worden.

Weitere Meldungen und Hintergrundberichte zur vor 50 Jahren veröffentlichten Enzyklika "Humanae vitae" im Kathpress-Themenpaket unter www.kathpress.at/humanae-vitae
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