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Theologie als Theodizee: Johann Baptist Metz wird 90

Johann Baptist Metz, Wien, 20.9.2001
Der Münsteraner Theologe und Begründer der Neuen Politischen Theologie gilt als eine der prägendsten theologischen Figuren des 20. Jahrhunderts - Von Henning Klingen
Theologie
30.07.2018, 10:22 Uhr Österreich/Kirche/Leute/Theologie/Metz/90
Wien, 30.07.2018 (KAP) Was treibt jemanden dazu, Theologie zu treiben, leidenschaftlich, mit dem Pathos eines Berufenen? Viele sprechen vom "fascinosum", von der Ergriffenheit von Gott, vielleicht auch von einer spirituellen Not, die sie zur Theologie getrieben hat. Bei Johann Baptist Metz, dem großen deutschen Theologen, der am 5. August seinen 90. Geburtstag feiert, war es stets das Gegenteil: die dunkle Seite Gottes, das "tremendum", dass ihn bewegte und welches ihn zu einem der produktivsten und einflussreichsten Theologen der Nachkriegszeit werden ließ.

Sinnfällig schildert Metz diesen zutiefst biografisch geprägten Zugang zur Theologie in einer Episode, als er - damals gerade einmal 16 Jahre alt - gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zu seiner Kompanie zurückkehrte. Dort fand er - wie er schreibt - "nur noch Tote, lauter Tote", überrollt von einem Jagdbomber- und Panzerangriff. "Ich konnte ihnen allen, mit denen ich noch tags zuvor Kinderängste und Jungenlachen geteilt hatte, nur noch ins erloschene tote Antlitz sehen. Ich erinnere nichts als einen lautlosen Schrei." Eine Erfahrung, die Metz, wie er weiter schreibt, nicht etwa auf die Couch eines Psychiaters führte, sondern in die Kirche, in deren Raum er seinen lautlosen Schrei formulierte und in eine Anklage Gottes münden ließ.

Wo andere Theologen bereits kurz nach Kriegsende zu ihrem theologischen Alltagsgeschäft zurückkehrten und im Beharren auf der Kontinuität bürgerlicher Religiosität die dunklen NS-Jahre gleichsam als historischen "Fehler in der Matrix" übersprangen, wurde für Metz diese Erfahrung zur Unterbrechung und zum Anstoß der leidenschaftlichen Rückfrage an Gott. "Warum", so fragte Metz seinen Freund und Lehrer Karl Rahner, "habt ihr uns von diesen Katastrophen nichts erzählt? Warum sieht man unserer Theologie die Leidensgeschichte der Menschen so wenig oder überhaupt nicht an?"

Politische Theologie "nach Auschwitz"

Religion "nach Auschwitz", dies ist für Metz fortan nurmehr denkbar im Widerspruch gegen Gott, im Widerspruch auch gegen jene, die im Angesicht der Leidenden gelingendes Leben spirituell umschlungen zelebrieren. Mit Walter Benjamin gesprochen: "Dass es 'so weitergeht', ist die Katastrophe". So formuliert er die Frage Romano Guardinis, "Warum, Gott, zum Heil die fürchterlichen Umwege, das Leid der Unschuldigen?", um in die Frage nach dem "Wie lange noch?" Endet nicht auch mit dieser zur Frage geronnenen Theodizee der neutestamentliche Erzählstrang in der Offenbarung des Johannes? "Maranatha", "Komm, oh, Herr Jesus!"

Das theologische Programm, dass Metz seit Anfang der 1960er Jahre in einem fruchtbaren Dialog mit den Vordenkern der "Frankfurter Schule", Theodor W. Adorno und zuletzt Jürgen Habermas, entwickelte, benannte er selbst zunächst bezeichnenderweise als "Theologie der Welt", gemeint ist: Theologie mit dem Gesicht zur Welt.

Als Grundformel seiner "Neuen Politischen Theologie" formulierte Metz bereits damals: "In ihr wird Welt primär als gesellschaftliche Mitwelt und Geschichtswelt, Geschichte primär als Endgeschichte, Glaube primär als Hoffnung, Theologie primär als eschatologisch-gesellschaftskritische Theologie sichtbar." Anders formuliert: wo Leidenserfahrungen die Hoffnung auf eine konsistente Heilsgeschichte Gottes brüchig werden lassen, wo die "Dialektik der Aufklärung" den Menschen mit voller und gewaltvoller Wucht trifft, dort ist der Mensch aufgerufen, sozusagen "Gott zum Trotz" die Geschichte als seine eigene, seine einzige Geschichte zu begreifen und Erlösungshoffnung in verantwortungsvolles Befreiungshandeln umzumünzen.

Metz' Theologie ist damit Fundamentaltheologie im Sinne einer fundamentalen Theologie, die an den Fundamenten bürgerlich verfasster Religiosität rüttelt. Entsprechend darf auch der Terminus der "Neuen Politischen Theologie" nicht zu einer realpolitisch informierten Theologie verengt werden. "Politisch" bedeutet laut Metz "öffentlich-belangvoll". Damit wehrt er sich nach eigener Auskunft bis heute "gegen die Selbstprivatisierungssymptome in der Theologie und im Christentum", d.h. gegen den Reflex der Einigelung der Theologie in überkommener Heilsrhetorik.

Distanz zu Carl Schmitt

Außerdem wehrt sich Metz mit dem Terminus der "Neuen Politischen Theologie" gegen jene alte "Politische Theologie" des "Kronjuristen" Adolf Hitlers, Carl Schmitt. Hatte dieser in seiner "Politischen Theologie" ein Konzept der religiösen Legitimation staatlicher Hegemonie und totalitärer Gewalt formuliert und aus Metz Sicht damit eine Kernspaltung des Glaubens betrieben, so geht es der "Neuen Politischen Theologie" stets um das Gegenteil: die politische und gesellschaftliche Emanzipation des einzelnen Individuums - auch in seiner Haltung gegenüber Gott.

Dass man die Metzsche "Neue Politische Theologie" heute als eine der letzten profilierten Theologien bezeichnen kann, die in ihrer Sperrigkeit immer eine gewisse Distanz zur universitären Theologie wie auch zur kirchlichen Hierarchie bewahrt hat, liegt nicht zuletzt darin begründet, dass sie ihre Produktivität ständigen Kämpfen und Streitigkeiten verdankt. Das bekannteste "Scharmützel" ist dabei wohl der seit rund 40 Jahren andauernde Streit zwischen Metz und dem damaligen Erzbischof von München-Freising, Joseph Ratzinger. Dieser hatte Metz 1979 einen Ruf an die Universität München verwehrt. Schließlich lehrte Metz bis zu seiner Emeritierung 1993 in Münster, wo er bis heute lebt.

Biografische Notizen

Der nüchterne Blick auf die biografischen Stationen lässt - ähnlich wie bei Rahner - nichts Außergewöhnliches erahnen. Es ist die intellektuelle Biografie eines Theologen, der die Menschen und das Leben liebt, der die Mühen der akademischen Tiefebene ebenso wenig scheute wie den seelsorglichen Nahkampf als Priester: Die "Kultur der Empfindsamkeit" ist für ihn keine wissenschaftliche Attitüde, sondern Realität seines Lebens - und so kritisiert er "monströse Großraumpfarreien" und wirbt für Gemeinden, die "lernbereite Erzählgemeinschaften" bilden.

Metz wurde am 5. August 1928 in Auerbach in der Oberpfalz geboren. Nach Studien in Bamberg, Innsbruck und München promovierte er in Philosophie und Theologie und wurde 1954 zum Priester geweiht. Nach Jahren in der Seelsorge lehrte er schließlich 30 Jahre Fundamentaltheologie in Münster. Nach dem Konzil war er Berater des römischen Sekretariats für die Nicht-Glaubenden. Zudem ist Metz Mitbegründer der internationalen theologischen Zeitschrift "Concilium".

Großen Einfluss hatte Metz indes auch als Berater der Synode der Diözesen der Bundesrepublik Deutschland von 1971 bis 1975 in Würzburg. Der Synodenbeschluss "Unsere Hoffnung" über das Christsein im Alltag trägt seine Handschrift. Nach seiner Emeritierung lehrte der "sanftmütige Feuerkopf" (Th. Assheuer) u.a. an der Universität Wien, wo ihm 1994 ein Ehrendoktorat verliehen wurde. 2002 ehrte ihn der Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit mit der Buber-Rosenzweig-Medaille. 2007 erhielt er den "Theologischen Preis der Salzburger Hochschulwochen".

Zu den wichtigsten Veröffentlichungen zählt neben dem Frühwerk "Zur Theologie der Welt" (1968) u.a. "Glaube in Geschichte und Gesellschaft" (1977) - gleichsam ein Kompendium des Ansatzes der Neuen Politischen Theologie -, "Memoria Passionis" (2006) und zuletzt der Band "Mystik der offenen Augen" (2011).
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