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Bischof Zsifkovics: Null-Toleranz bei Missbrauch

Bischof Ägidius Zsifkovics
Seelsorgertag 2018 der Diözese Eisenstadt thematisierte sexualisierte Gewalt im Kontext der Kirche - Deutscher Psychotherapeut und Theologe Müller: Krise in der Kirche als "Chance für Heilung" sehen: "Endlich ist ein Damm gebrochen"
14.09.2018, 14:09 Uhr Österreich/Kirche/Missbrauch/Zsifkovics/Müller
Eisenstadt, 14.09.2018 (KAP) In der Diözese Eisenstadt gilt "bei Fehlverhalten gegenüber Kindern und Jugendlichen ein Null-Toleranz-Prinzip". Das betonte Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics in seinen Ausführungen beim Seelsorgertag 2018, den die Diözese am Donnerstag im Eisenstädter Haus der Begegnung veranstaltete. Der diesjährige Seesorgertag stand vor allem im Zeichen sexualisierter Gewalt im Kontext der Kirche. Hauptreferent war der deutsche Psychotherapeut und Theologe Wunibald Müller.

Jeder müsse sich bewusst sein, "wie hoch die Fallhöhe ist, wenn es im kirchlichen Bereich zu Missbrauch und Gewalt kommt", so Bischof Zsifkovics. Jegliche Form des Missbrauchs im kirchlichen Bereich müsse verhindert werden: "Wir als Seelsorger müssen unserer großen Verantwortung für das Wohl schutzbefohlener Menschen gerecht werden." Wenn es um die Würde junger Menschen geht, müsse diese von der Kirche "mit einem ewig jungen Gott im Zentrum mit allen Mitteln geschützt werden."

Kirche und Jugend

Die Sorge um die Jugend stand im Mittelpunkt der Worte des Bischofs. "Der stärkste Gradmesser unserer kirchlichen Arbeit ist das Vermögen, junge Menschen für Gott zu begeistern", so Zsifkovics und weiter wörtlich: "Gelingt es uns nicht, diese Begeisterung zu wecken, sind wir als Kirche vom Baum des Lebens abgeschnitten, dann veraltern wir, und schließlich vergreisen wir. Papst Franziskus zeigt, wie Jung und Alt zusammen leben, gemeinsam wachsen und die Gesellschaft menschlicher machen können."

Die Kirche müsse gegenüber der Jugend "dialog-, gesprächs- und auskunftsfähig bleiben", und zwar gerade hinsichtlich zentraler Fragen unserer Zeit: "Ob es nun um die 'Wegwerfgesellschaft' oder die Flüchtlingsfrage geht, um den Klimaschutz oder die atomare Bedrohung, um Erziehung und Familie, um Arbeit und Würde oder um das Verhältnis von Glaube und Wissenschaft". Die Kirche müsse offen für junge Menschen sein, sodass für sie "Gott nicht als abstrakt, kalt und weltfremd, sondern als Realität erlebbar wird".

Ausdrücklich nahm Bischof Zsifkovics auf das Buch "Gott ist jung" von Papst Franziskus Bezug, in dem der Papst dazu ermutigt, nicht nur "alte Träumer und junge Propheten zu sein. Vielmehr will der Papst, dass wir Protagonisten statt bloß Touristen des Lebens sind." Die Kirche müsse eine ständig junge Kirche bleiben, in der auch die Älteren nie ihre Kreativität und Authentizität verlieren dürfen, "weil genau das uns selbst jung erhält und uns anziehend und glaubhaft für junge Menschen macht."

Blick auf Diözesanjubiläum 2020

Den Weg, den es in der Diözese Eisenstadt konsequent weiterzugehen gelte, sei der Neue Pastorale Weg. Dieser sei mittlerweile zu einem "irreversiblen, konkreten und positiven Prozess" gereift, der die ersten Seelsorgeräume auf Schiene gebracht hat, so der Bischof weiter. Neben der Organisation der Seelsorgeräume sei auch die Frage nach dem effektiven und effizienten Einsatz der bestehenden Ressourcen in der Kirche aktueller Gegenstand der kirchlichen Arbeit.

Und schließlich fordert Bischof Zsifkovics dazu auf, das Diözesanjubiläum im Jahr 2020 als Anlass zu einer "ehrlichen Selbstvergewisserung" zu nehmen, "um sich zu fragen, wo wir dann - 60 Jahre nach Gründung der Diözese Eisenstadt - als kirchliche Gemeinschaft stehen werden, wie effektiv und glaubwürdig wir als Christen sind", so der Bischof.

Neue Kultur des achtsamen Miteinanders

"Die Prävention gegen sexualisierte Gewalt muss als ein integraler Bestandteil kirchlicher Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie erwachsenen Schutzbefohlenen verstanden werden. Ziel ist es, eine neue Kultur des achtsamen Miteinanders zu entwickeln." Das sagte Wunibald Müller in seinem Vortrag. Er beschäftigt sich in seiner Arbeit seit vielen Jahren mit Opfern und Tätern sexualisierter Gewalt. Für diese Kultur der Achtsamkeit würden alle in der Kirche Mitverantwortung tragen. Die Kirche müsse "allen Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Schutzbefohlenen einen sicheren Lern- und Lebensraum bieten, in dem ihre menschliche und geistliche Entwicklung gefördert sowie ihre Würde und Integrität geachtet wird", so Müller. Grundvoraussetzung seien "transparente, nachvollziehbare, kontrollierbare und evaluierbare Strukturen und Prozesse zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt".

Hinter verschiedenen Formen von Missbrauch stehe die gezielte Absicht, Kontrolle darüber zu erhalten, wie andere denken, fühlen und sich verhalten. Besonders anfällig für sexuellen Missbrauch seien Situationen, "in denen es ein Gefälle gibt in der Beziehung, in denen die sonst üblichen Schutzvorrichtungen zurückgenommen worden sind. Es sind Situationen, in denen Menschen sich aus ihrem Vertrauen heraus so sehr und so weit geöffnet haben, dass dadurch ihre Fähigkeit, sich zu schützen, eingeschränkt ist", erläutert der Experte in seinem Vortrag.

Macht spiele somit eine große Rolle bei sexuellem Missbrauch. Macht könne positiv zur Integration beitragen, im negativen Sinne werde Macht jedoch dazu eingesetzt, "um zu manipulieren oder auszubeuten", so Müller. Angst, Scham oder das Gefühl, verraten worden zu sein oder in der Falle zu sitzen, seien Gründe, warum Opfer über den Missbrauch zunächst oft schweigen und diesen nicht sofort melden. Der Schutz und die Würde von Kindern, Jugendlichen und schutzbedürftigen Erwachsenen müsse oberstes Anliegen kirchlicher Arbeit sein.

Müller fordert, dass sich "zukünftige Priester psychosexuellen Entwicklungsschritten stellen, die am Ende dazu führen, verantwortungsvoll mit ihrer Sexualität umgehen zu können und beziehungsfähig zu sein." Dazu gehöre eine "gelungene sexuelle Identitätsfindung und Befähigung zur Intimität". Die Fähigkeit zur Intimität zeige sich in der Fähigkeit, Nähe unterschiedlicher Art bei sich zulassen und anderen schenken zu können. Sie meine weiter die Fähigkeit, die Intimsphäre anderer respektieren sowie die eigene Intimsphäre schützen zu können", verdeutlichte der Psychotherapeut und Theologe. Es brauche eine geerdete Spiritualität, die achtsam mache und dazu befähige, anderen mit Respekt zu begegnen. "Ein Priester muss sich auch mit seiner vitalen Seite und insofern auch mit seiner Sexualität auseinandergesetzt haben", so Müller.

Die "augenblickliche Krise" in der Kirche sieht er aber auch als "Chance für Heilung": "Endlich ist ein Damm gebrochen, hinter dem so viel an seelischer Not, Scham, Hilflosigkeit, Angst, Schmerz zurückgehalten wurden. Jetzt kann für viele der Betroffenen der Heilungsprozess weitergehen. Das sollte auch von der Kirche so gesehen und gewürdigt werden und die Zahl derer unter den Verantwortlichen, die das so sehen, wächst."

Wichtige Sensibilisierung, aktive Prävention

Der für die Orden zuständige Bischofsvikar P. Lorenz Voith, zugleich Subregens im Priesterseminar, sprach vom Seelsorgertag als einen "wichtigen Baustein für die Sensibilisierung, die aktive Prävention und Bearbeitung von Missbrauchsfällen im Bereich der Kirche. Sexueller Missbrauch hat immer auch etwas mit Macht und Machtmissbrauch zu tun", betonte der Bischofsvikar. Er verwies zudem auf Papst Franziskus, der in diesem Zusammenhang von einem Klerikalismus gesprochen habe, den es zu überwinden gelte.

Das Thema des sexuellen Missbrauchs werde "auch im Ausbildungshaus der drei Priesterseminare Wien, St. Pölten und Eisenstadt in Wien zukünftig einen noch wichtigeren Platz einnehmen", hob Voith hervor. Mit September 2018 zählt das Priesterseminar knapp 50 Seminaristen, davon kommen sechs aus der Diözese Eisenstadt.

Der Bischofsvikar hob im Rahmen der Seelsorgertagung auch die Verantwortung der Pfarrer und Seelsorger vor Ort hervor, wenn es um geistliche Berufe geht. "Wann habt ihr zum letzten Mal einen für euch geeigneten jungen Menschen gefragt, ob er sich nicht vorstellen könnte einen geistlichen Beruf zu ergreifen?": diese Frage müssen sich Seelsorger vor Ort stellen, so Bischofsvikar P. Voith: "Aus den Erfahrungen in der Priesterbegleitung wissen wir, dass wir solche 'Anfragen' nicht unterschätzen dürfen. Berufungen sind mitten unter uns; manchmal brauchen diese aber einen 'Weckruf' Also nur Mut!", so der Appell des Bischofsvikars.
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