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Bischöfe zu Novemberpogrom 1938: "Erinnerung eröffnet Zukunft"

Die Synagoge wurde im Zuge des Novemberpogroms 1938 zerstört. Aufgenommen wurde das Foto im Frühjahr 1941 von Kurt Mezei (geb. 1924, am 12. April 1945 gemeinsam mit weiteren sieben Juden und Jüdinnen von einem SS-Kommando erschossen)
Bischofskonferenz hält bei Herbstvollversammlung fest: Christliche Kirchen stehen heute, 80 Jahre nach dem Pogrom und nach dem darauf folgenden Holocaust, "unverbrüchlich an der Seite der jüdischen Gemeinde und ihrer Treue im Glauben" - Erinnerung an vergangenes Leid soll stärken, um gegen Antisemitismus aufzustehen und Menschenrechte zu verteidigen - Schönborn nach Gedenkstunde im Parlament: "Hass überwinden"
Gedenkjahr
09.11.2018, 11:00 Uhr Österreich/Kirche/Geschichte/Pogrom/1938/Bischöfe
Wien, 09.11.2018 (KAP) Die Bedeutung einer lebendigen Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse des Novembers 1938 für Gegenwart und Zukunft haben die österreichischen Bischöfe unterstrichen. "Eine lebendige Erinnerung eröffnet Zukunft, weil der Blick auf die dunklen Seiten der Geschichte davor schützt, Fehler der Vergangenheit zu wiederholen", heißt es in einer Presseerklärung der österreichischen Bischofskonferenz zum Novemberpogrom von 1938, die am Freitag im Anschluss an die Herbstvollversammlung der Bischöfe in Wien veröffentlicht wurde.

In ihrer Erinnerung stünden die christlichen Kirchen heute "unverbrüchlich an der Seite der jüdischen Gemeinde und ihrer Treue im Glauben"; Christen würden zudem deutlich erkennen, "dass im Judentum die Wurzel ihres Glaubens liegt": "Ein Christ kann kein Antisemit sein", unterstrichen die österreichischen Bischöfe ein entsprechendes Wort von Papst Franziskus. Daher gelte es heute auch, Seite an Seite "gegen alle Formen des Antisemitismus entschieden vorzugehen und für das Menschenrecht auf Religionsfreiheit hier und weltweit einzutreten".

Zugleich räumten die Bischöfe ein, dass die Erinnerung an die Ereignisse von 1938 und deren Folgen für Christen und die Kirchen verbunden sei mit dem "schmerzlichen Eingestehen eines mehrfachen Versagens: Zu lange habe ein "religiös verbrämter Antijudaismus" jene Kräfte geschwächt, die nötig gewesen wären, "um als Christen dem nationalsozialistischen Rassenwahn und Antisemitismus entschieden entgegenzutreten". Zu leise seien außerdem jene wenigen Stimmen aus der Kirche gewesen, die das Unrecht deutlich benannten: "Es waren zu wenige, viel zu wenige Gerechte."

"Hass überwinden"

Kardinal Christoph Schönborn nahm am Freitagvormittag auch an einer Gedenkstunde im Großen Redoutensaal des Parlamentsausweichquartiers in der Hofburg anlässlich der Novemberpogrome 1938 teil. Im Anschluss zeigte er sich bei der Pressekonferenz zum Abschluss der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz berührt von der Veranstaltung und beeindruckt von Rabbi Arthur Schneier, der im Parlament das Wort ergriffen hatte. "Hass überwinden durch Brücken und Versöhnung. Das ist die Botschaft dieses Tages", so Schönborn wörtlich.

Der Wiener Erzbischof würdigte Rabbi Schneier als lebenslangen Vorkämpfer für die Friedensrolle der Religionen. Dies sei auch das Ziel der von Schneier gegründeten "Appeal of Conscience Foundation". "Ich selbst unterstütze als Mitglied diese Stiftung und bin sehr dankbar für die Freundschaft mit Rabbi Schneier", so Schönborn.

Rabbi Schneier meinte in seiner Rede laut APA, er sei davon ausgegangen, dass man nach dem Holocaust nicht mehr über Antisemitismus sprechen müsse, habe sich aber geirrt: "Jetzt ist der Krebs wieder zurück und hat Metastasen gebildet, in Europa und jetzt in der USA." Schneier mahnte aber auch, sich nicht von der Vergangenheit lähmen zu lassen, sondern aus dieser zu lernen: "Die Gegenwart und die Zukunft haben zu viele Herausforderungen, als dass wir uns nur auf die Vergangenheit beschränken."

Arthur Schneier floh im November 1938 als Kind mit seinen Eltern vor dem NS-Regime von Wien nach Budapest, wo er den Holocaust überlebte. Bei der Gedenkstunde im Parlament teilte er seine eigene Erfahrung über die Novemberpogrome mit: "Über Nacht war ich zum Außenseiter geworden. Die meisten meiner christlichen Klassenkameraden wollten nichts mehr mit mir zu tun haben, im Klassenzimmer, im Park und in der Konditorei: Juden und Hunde unerwünscht. Ich habe sehr gerne Lederhosen getragen, aber Lederhosen, Dirndl für Juden? Kommt nicht infrage, verboten." Er habe aber seine erste Lektion gelernt, denn Kinder würden nicht mit Hass geboren, sondern es werde ihnen beigebracht, wie man hasst. "Früh in meinem Leben habe ich das Beste und die Bestie im Menschen kennengelernt. Ich glaube fest daran, dass das Beste im Menschen die Oberhand behalten wird."

1947 wanderte Schneier in die USA aus. Er wurde Rabbiner und promovierte zum Doktor der Theologie an der Yeshiva University in New York City. Seit 1962 ist er das religiöse Oberhaupt der Park East Synagogue. Schneier widmet sein Leben als Holocaust-Überlebender der Verständigung und Toleranz.

An der Veranstaltung im Parlament nahmen auch österreichische Shoah-Überlebenden teil, die derzeit auf Einladung von Bundeskanzler Sebastian Kurz in Wien weilen. Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) bat die Gäste aus Israel in seiner Ansprache im Namen Österreichs um Verzeihung. Sobotka sagte wörtlich: "Niemals wieder dürfen Verhetzung und Hass unsere Gesellschaft derart bestimmen und zu Taten verleiten, die gegen alles gehen, was uns als Menschen ausmacht." Bundeskanzler Kurz erklärte: "Ich kann Ihnen versichern, dass Österreich heute ein anderes Land ist und sich seiner historischen Verantwortung bewusst ist."
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