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Kinofilm präsentiert Vergebung als "Das größte Geschenk"

Filmplakat von 'Das größte Geschenk'
Versöhnung zwischen Terrorattentätern und -opfern sowie Friedensarbeit nach Bürgerkriegen im Zentrum des Doku-Dramas von "Mary's Land"-Regisseur Juan Manuel Cotelo - Kinostart am 24. Jänner
Kino
11.01.2019, 10:51 Uhr Österreich/Film/Gesellschaft/Friedensprozess/Terrorismus/Glaube/Kino
Wien, 11.01.2019 (KAP) Ist es möglich, jeden Fehltritt und jedes Verbrechen - so ungeheuerlich diese auch seien - zu vergeben bzw. darum um Vergebung zu bitten? Ja, behauptet der Film "Das größte Geschenk", der am 24. Jänner in österreichischen Kinos anläuft. Der Spanier Juan Manuel Cotelo widmet sich dabei nach "Mary's Land" und "Footprints" erneut seinem Lieblingsgenre des Doku-Dramas, diesmal mit dem erklärten Ziel, eine Versöhnungs-Botschaft auch im Leben des Publikums zu vermitteln. Dies geschieht mit wahren Geschichten, die aufrütteln: Da umarmen Opfer von Bombenanschlägen oder Mütter ermordeter Kinder die Täter, versöhnen sich mit ihnen und feiern gemeinsam. Getrennte Ehepaare finden wieder zueinander und jemand vergibt den Eltern, die ihn als Kind misshandelten.

Fiktion ist bei Cotelos Film einzig die Rahmenhandlung, die er in ein Wildwest-Dorf mit dem bezeichnenden Namen "Hateful Town" verlegt und bewusst als Komödie anlegt. Zwei Revolverhelden sind gerade dabei, eine Generationen zurückreichende Familienfehde im Schießduell zu entscheiden, als der Regisseur - von Cotelo selbst gespielt - die Szene unterbricht, das Drehbuch unter Protest der Schauspieler zerreißt und im Namen des Kinopublikums ein "richtiges Happy End" fordert, weil: "Die Geschichte ist sonst nicht aus, sondern wird von den Kindern und Enkeln nur fortgesetzt." Der Filmemacher schwingt sich auf seinen Rappen mit dem festen Entschluss, Modelle einer friedlichen Lösung zu finden und seine Crew davon zu überzeugen.

Einstmalige Anführer von kolombianischen Paramilitärs gaben den entscheidenden Anstoß für den Film, berichtete Cotelo am Donnerstag bei der Pressevorführung des Films im Wiener "Actor's Studio". Nach persönlichen Bekehrungserlebnissen und freiwilliger Inhaftierung hatten sie bei dem Spanier den Wunsch deponiert, sich über das Medium Kino bei den Angehörigen der hunderten von ihnen eigenhändig Ermordeten öffentlich zu entschuldigen. "Bei meiner Zusage habe ich keinen Moment gezögert", so der Regisseur, dessen Vater ermordet wurde, als er 13 war. Mit seiner Kamera wurde er Zeuge der Versöhnungsszenen bei den Familien der Opfer und war auch noch in seinen Berichten sichtlich bewegt davon. Sätze wie "um Frieden zu finden, musst du vergeben können" haben aus dem Mund betroffener Mütter eben ganz besonderes Gewicht.

Dem Bomber verzeihen

Alle dokumentierten Vergebungs-Beispiele - er habe beim Dreh keine der Geschichten gesucht, vielmehr hätte eines das andere ergeben, erklärte Cotelo - sprechen mit ihrer Kraft für sich. Da ist etwa die spanische Journalistin und Sportlerin Irene Villa, die 1991 als Zwölfjährige durch eine Autobombe der Terrorgruppe ETA beide Beine verlor. Sie sei damals vor den Optionen gestanden, die Täter zu hassen und unglücklich zu bleiben oder aber ihr Leben neu zu beginnen. "Ich entschied damals, dass ich bereits ohne meine Beine geboren wurde", hört man im Film Villa, die ihren Geburtstag seither jeden 27. Oktober - Tag des Attentats - feiert. Selbst ihre Mutter schloss Frieden mit den Terroristen: Vor dem Anschlag, erinnert sie sich zurück, habe sie sich einmal geschworen, ein Leben der Rache zu führen, krümmte jemand ihrer Tochter auch nur ein Haar. Es kam ganz anders.

Auch auf Ruanda, wo eine ganze Gesellschaft nach dem Genozid die Versöhnung vollzog, blickt der Film und zeigt Einzelschicksale aus dem "Land des Friedens". Ebenso erzählt Cotelo die Geschichte eines französischen Boxers, der seinen Eltern nach Jahrzehnten vergab, nachdem ihn die Mutter als kleiner Junge einfach ausgesetzt und ihm der Vater in einem Wutanfall dutzende Knochen gebrochen hatte. "Er braucht viel Liebe, die er zuvor nie hatte", bezeugt seine Ehefrau. Zu den emotionalsten Momenten zählt der Bericht eines mexikanischen Ehepaares, bei dem sich die Frau nach drei Kindern trennte, ihr Mann jedoch die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung fünf Jahre hindurch nicht aufgab, nie schlecht über die Gattin redete und stets für fünf Personen decken ließ, denn: "Kommt sie zurück, und sei es einen Tag vor meinem Tod, so war es das Warten wert." Auch hier gibt es das Happy End.

Unaufdringlich, jedoch durchgehend verweist "Das größte Geschenk" auch auf die religiöse Ebene der Vergebung. "Gott gibt die Größe und den Mut zu vergeben", sagt eine der Frauen im kolumbianischen Bergland. Andere der porträtierten Personen verweisen darauf, dass echte Vergebung das Gebet darum benötigt - da sie eben nie erzwungen, sondern nur geschenkt werden kann. Beiläufig erfährt man, dass auch Gespräche mit Priestern, Wallfahrten und die Beichte in etlichen Biografien eine wichtige Rolle spielten.

Lektion im Kinosaal

In der fiktiv-komischen Rahmenhandlung scheitern die Darsteller während der Abwesenheit ihres Regisseurs dabei, in ihrer auf eigene Faust gestarteten Suche einen Ausgang mit nachhaltigem Frieden zu finden. Durchgespielt wird dabei etwa die Möglichkeit der Todesstrafe, bei der der Galgen als Art "öffentliche Toilette" Ruhe durch Rache erzwingen soll, sowie Formen der Selbstjustiz und Selbstverteidigung oder auch ein "Gleichheitsparadies", das Andersdenkende und von genetischen Normen Abweichende aussondert. Die Cowboys von "Hateful Town" lernen im Lauf des Films, dass Friede konkrete Taten und vor allem den Schritt der bedingungslosen Vergebung braucht.

Auch die Zuschauer sollen in den 105 Filmminuten diesen Prozess nachvollziehen, um "selbst zu vergeben oder andere um Vergebung zu bitten", legte Cotelo sein Motiv dar. "Wenn der Film gefällt und unterhaltsam ist, ist das schön, doch das erklärte Ziel ist ein anderes." Der wichtigste Erfolg der ersten zwei Monate seit dem spanischen Filmstart sei für ihn die Flut von Rückmeldungen, die in diese Richtung deuteten. Allein der kurze Fillmtrailer habe beispielsweise einen Häftling dazu bewogen, die Familienangehörigen der sechs Menschen, die er ermordet hatte, um Vergebung zu bitten; zwei Ehepaare hätten sich nach langer Trennung infolge des Kinobesuchs ebenso wieder versöhnt wie ein Brüderpaar nach langem Bruch wegen einer unbedeutenden Geldsumme.

Grassrouts für Vertrieb und Finanzierung

Außergewöhnlich wie die neueste Produktion von Cotelos kleinem Filmstudio "Infinito + 1" (auf Deutsch "unendlich plus Eins") ist auch deren Finanzierung und Vermarktung: Ein beachtlicher Teil des Low-Budget-Films wurde über Crowdfunding abgesichert, wovon 3.500 Namen im Abspann zeugen. Die Werbung setzt aus Kostengründen ganz auf Social Media, die Überzeugungsarbeit bei den Kinobetreibern sollen die Zuseher selbst leisten. "Möchtest du, dass 'Das größte Geschenk' auch in deine Stadt kommt? Dann trage dich hier ein", liest man auf der Filmhomepage www.dasgroesstegeschenk.com. Gibt es für ein Kino genügend Interessenten, wird dort angefragt. Die Rechnung geht auf: In zehn Ländern ist der Film bereits angelaufen, weitere zehn sollen es allein in den nächsten beiden Monaten sein.

Cotelo wird am 24. Jänner bei der offiziellen Österreich-Premiere von "Das größte Geschenk" um 18 Uhr im Village Cinema in Wien-Mitte erneut nach Österreich kommen. Ein weiterer Gast beim anschließenden Filmgespräch ist der Ire Shane O'Doherty, der als einziges früheres Mitglied der Terrorgruppe IRA die Opfer seiner Bombenanschläge um Vergebung bat. Auch seine Geschichte findet sich im Film wieder.

(Infos zum Film: www.dasgroesstegeschenk.com, Trailer unter www.youtube.com/watch?v=itJ6RQ5obVA)
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