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Schewtschuk: Kirche nicht politisch instrumentalisieren

Großerzbischofs Swjatoslaw Schewtschuk, Ukrainische Griechisch-katholische Kirche
Oberhaupt der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, Großerzbischof Schewtschuk, im "Glavcom"-Interview über die Beziehungen Kirche-Politik in der Ukraine, den innerorthodoxen Konflikt um die Ukraine und ein mögliches vereintes Kiewer Patriarchat, das von katholischer und orthodoxer Kirche gleichermaßen anerkannt wird
Ukraine
11.01.2019, 16:25 Uhr Ukraine/Kirche/Politik/Ökumene/Orthodoxie/Schewtschuk
Kiew, 11.01.2019 (KAP) Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, Oberhaupt der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, hofft auf eine baldige Überwindung der innerorthodoxen Kirchenspaltung, sowohl in der Ukraine als auch im Rahmen der Weltorthodoxie. Im Interview mit dem ukrainischen Medienportal "Glavkom" erläuterte er zudem seine Vision, dass die orthodoxe und griechisch-katholische Kirche in der Ukraine sich einmal zu einem einzigen Patriarchat vereinen könnten. An die neue unabhängige ukrainische orthodoxe Kirche richtete der Erzbischof dementsprechend die Hand zum intensiven Dialog aus. Gleichzeit warnte er die neue unabhängige orthodoxe Kirche aber auch davor, sich politisch instrumentalisieren zu lassen.

"Die Kirche muss die Kirche bleiben. Und staatliche Institutionen sowie Politiker müssen ihr das erlauben. Das heißt, Politiker müssen sich von der Versuchung frei machen, die Kirche für ihre eigenen Interessen zu instrumentalisieren", so der Großerzbischof wörtlich. Für seine eigene Kirche präzisierte Schewtschuk seine Position: "Wir versuchen, konstruktiv für das Wohl des ukrainischen Staates und des ukrainischen Volkes zu wirken. Gleichzeitig streben wir aber danach, eine angemessene Freiheit von Instrumentalisierung zu bewahren." Deshalb habe er auch gesagt, dass er die Autokephalie für die orthodoxe Kirche in der Ukraine befürworte, "denn diese Vorgänge sind wichtig für die staatliche Souveränität, sie sind wichtig für unsere orthodoxen Brüder".

Freilich: Trotz der Tatsache, dass die orthodoxen Kirchen in der Ukraine die Mehrheit bilden, "hoffen wir auf gleiche und faire Behandlung aller Bekenntnisse durch die Autoritäten, das heißt, keine der Kirchen sollte den Status einer Quasi-Staatskirche bekommen". Präsident Petro Poroschenko habe ihm das öffentlich zugesagt, so Schewtschuk.

Auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen Ende März in der Ukraine angesprochen, meinte der Großerzbischof: "Wir werden mit dem neuen Präsidenten zusammenarbeiten, wer auch immer es sein mag, denn wir respektieren die Wahl des ukrainischen Volkes." Er denke aber, so Schewtschuk, "dass das ukrainische Volk heute intelligent genug ist, dass sie jene wählen, welche die staatliche Souveränität verteidigen". Insbesondere werde das Volk "jene unterstützen, die klar und deutlich den Kurs der Entwicklung unserer Gesellschaft auf die Errichtung eines entwickelten europäischen Staates erklärt haben", zeigte sich der Großerzbischof von der künftigen pro-europäischen Ausrichtung seines Landes überzeugt.

Verstärkte ökumenische Zusammenarbeit

Der Großerzbischof bekräftigte sein Angebot an die neue ukrainische autokephale orthodoxe Kirche zur verstärkten Kooperation. "Wir haben sogar mit Seiner Seligkeit Epiphanius vereinbart, einen Leitfaden auszuarbeiten, um zu sehen, in welchen Bereichen unserer Kirchen - wobei wir weiter verschiedene Denominationen bleiben - wir tatsächlich viele verschiedene Dinge zusammen tun können." Und nochmals anders formuliert: "Das heißt, wir bleiben einerseits wir selbst, können und müssen aber auch zusammenarbeiten - im Namen des Wohles des ukrainischen Volkes, im Namen der Wahrheit, im Namen der Suche nach universaler Einheit mit Christen, was wir als ökumenische Bewegung bezeichnen."

Für die Ukraine bedeute dies u.a. auch, "Einheit wiederherzustellen innerhalb der heute gespaltenen Kiewer Kirche, die einst im Taufwasser des Flusses Dnipro geboren wurde". Die Kiewer Mutterkirche sei "die gemeinsame Wurzel sowohl der ukrainischen Orthodoxie als auch der griechisch-katholischen Kirche".

Schewtschuk erläuterte in Folge diese seine Vision eines einzigen Kiewer Patriarchats: Es gehe um ein vereinigtes Kiewer Patriarchat, dass sowohl vom Heiligen Stuhl in Rom als auch von Konstantinopel anerkannt würde. Freilich räumte er ein: "Wir sind uns bewusst, dass diese Art von Einheit nur möglich sein wird, wenn der ökumenische Prozess auf universaler Ebene gekrönt wird von der Wiederherstellung der eucharistischen Gemeinschaft zwischen Rom und Konstantinopel." Doch das sei kein utopisches Denken, sondern "das ist das Ziel der ökumenischen Bewegung. Das ist die Erfüllung des Gebotes Christi, 'dass alle eins seien'".

Der Großerzbischof erinnerte in diesem Zusammenhang auch daran, dass die im 11. Jahrhundert ausgelöste Spaltung zwischen Rom und Konstantinopel damals in Kiew mit Schmerzen aufgenommen worden sei: "Viele Jahre lang haben es die ersten Hierarchen, der Episkopat, die Mönche und die Gläubigen der Kiewer Kirche als lokalen Konflikt betrachtet, ein Streit zwischen Lateinern und Griechen. Aber später hat diese Spaltung in der Kirche von Kiew Einzug gehalten."

Und deshalb müsse heute "jede Anstrengung unternommen werden, nicht nur die Spaltung in der ukrainischen Orthodoxie zu überwinden, sondern auch ernsthaft Theologie zu betreiben, zu beten und zu arbeiten, um die ursprüngliche Einheit der Kirche von Kiew in ihren orthodoxen und katholischen Zweigen wiederherzustellen".

Ukrainische ökumenische Alleingänge werde es aber nicht geben, so Schewtschuk. Zur Frage, ob es passieren könnte, dass die ukrainische griechisch-katholische Kirche und die orthodoxe Kirche der Ukraine die eucharistische Gemeinschaft allein wiederherstellen auf örtlicher Ebene sagte er deshalb wörtlich: "Heute sehen wir diese Möglichkeit nicht."

Symmetrische Beziehungen mit allen

Zum innerorthodoxen Konflikt meinte der Großerzbischof weiter, dass sich die katholische Kirche nicht befugt sehe, zu urteilen, "wer kanonisch und wer nicht kanonisch ist in der orthodoxen Welt". Schewtschuk: "Wir hoffen, dass die orthodoxen Brüder in der Lage sein werden, das herauszufinden. Wir streben danach, symmetrische Beziehungen mit allen zu bewahren, und wir wollen keinen der dünnen Fäden der menschlichen Kommunikation zerreißen, die zwischen uns in verschiedenen Richtungen existieren."

Die griechisch-katholische Kirche werde versuchen, "soweit wie möglich in Frieden mit allen zu leben. Wir hoffen auch, dass der Bruch der eucharistischen Gemeinschaft zwischen Moskau und Konstantinopel temporär ist, dass er überwunden werden kann, und dass er der weltweiten Orthodoxie nicht schadet". Freilich räumte der Großerzbischof ein, dass die Beziehungen zur russischen-orthodoxen Kirche nicht einfach seien. Doch auch hier gelte: "Unsere Position gegenüber der russisch-orthodoxen Kirche hat sich nicht verändert. Wir sind offen, mit jedem zu kommunizieren, der konstruktiv und in der Wahrheit mit uns sprechen will."

Die Frage, ob nach den neusten Entwicklungen nun griechisch-katholische Pfarreien in den Jurisdiktionsbereich der orthodoxen Kirche der Ukraine wechseln wollten, verneinte der Großerzbischof: "Bislang sehen wir keine Anzeichen einer Konversion von griechischen Katholiken zur orthodoxen Kirche der Ukraine. Und wir beobachten keine Trends." Zum einen sei die Einheit mit dem Papst "ein integraler Bestandteil unserer Identität", zum anderen "ist die Fülle der Kiewer christlichen Tradition vollkommen bewahrt, und sie blüht im Schoß unserer Kirche".

Das Interview mit dem ukrainischen Großerzbischof im Wortlaut (in deutscher Übersetzung) ist auf der Website des Ordinariats für die katholischen Ostkirchen in Österreich (www.erzdioezese-wien.at/unit/byzantinischesordinariat) abrufbar.
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