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Kräutler fordert vor Amazonassynode "Erneuerung der Kirche jetzt"

Österreichisch-brasilianischer Bischof in neuem Buch überzeugt: Bischöfe der Amazonasregion mehrheitlich für "Viri probati" - Fünftel des Regenwaldes durch Brandrodung, landwirtschaftliche Nutzung und Wasserkraftwerke zerstört
20.09.2019, 14:17 Uhr Österreich/Brasilien/Vatikan/Kirche/Religion/Amazoniensynode/Kräutler/Viri.probati/Frauen/Umwelt/Indigene
Wien, 20.09.2019 (KAP) Bischof Erwin Kräutler ist überzeugt, dass das Anliegen einer Weihe sogenannter "viri probati" (bewährte Männer) von den Bischöfen der Amazonasregion bei der ins Haus stehenden Amazonien-Synode im Vatikan mehrheitlich vertreten werden wird. Es werde nicht zuletzt an der "Überzeugungskraft und gemeinsamen Entschlossenheit" der Amazonien-Bischöfe liegen, dem Papst bei der Synode aufzuzeigen, "warum unserer Erfahrung und Einsicht nach die Zeit reif sei, wenigstens für viri probati", schreibt Kräutler in seinem neuen Buch. Unter dem Titel "Erneuerung jetzt - Impulse zur Kirchenreform aus Amazonien" ist es dieser Tage im Tyrolia-Verlag erschienen.

Papst Franziskus höre auf die Menschen und bestärke die Bischöfe in deren Verantwortung für ihre Diözesen wie auch für die Weltkirche, so der aus Vorarlberg stammende 80-jährige emeritierte Bischof der brasilianischen Prälatur Xingu. Mehrfach habe er persönlich erlebt, "wie dieser Papst ein Hörender und Zuhörender ist. Es liegt an uns Bischöfe, dieses Charisma des Papstes für die notwendige Erneuerung der Kirche fruchtbar zu machen."

Im Amazonien gebe es tausende Gemeinden, die nur "ein, zwei, drei, maximal vier Mal im Jahr" die Möglichkeit hätten, an einer Eucharistiefeier teilzunehmen, "weil die längste Zeit des Jahres kein Priester verfügbar ist", schreibt Kräutler. "Das macht es erforderlich, die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt zu überdenken."

Der Bischof betont, es gehe ihm dabei ausdrücklich nicht um eine Debatte für oder gegen den Zölibat: "Sich für ein eheloses Leben zu entscheiden, um ganz für Gott und sein Volk da sein zu können, ist eine besondere Gnade und soll niemals 'abgeschafft' werden. Aber die Eucharistiefeier darf nicht davon abhängen, ob ein Priester vorhanden ist. Die Leute haben ein Recht, dass sie sich um den Altar versammeln können."

Für "personae probatae"

Er selbst spreche zudem lieber von "personae probatae" ("bewährten Personen"), so Kräutler, "weil für mich auch die Frauen dazugehören, die zwei Drittel unserer Gemeinden in Amazonien leiten". Mit der Möglichkeit zur Weihe von Männern zu "viri probati" sollte für Frauen "wenigstens die Diakonatsweihe" kommen, fordert er.

Er habe bei einer Vorbesprechung der Synode in Rom in Anwesenheit des Papstes darauf hingewiesen, dass die Weihe von Diakoninnen in das Schlussdokument hineinkommen müsse, schildert Kräutler in seinem Buch. Er setzt hier auch auf jene Vertreter der Indigenen, die als sogenannte Auditoren den Debatten bei der Synode folgen und sich an der Arbeit in den Kleingruppen beteiligen werden. "Wenn unsere Leute selbst darlegen, dass zwei Drittel unserer Gemeinden von Frauen geleitet werden und dass man diesen Frauen nicht die Diakoninnenweihe vorenthalten könne, dann hat das mehr Gewicht, als wenn irgendein Bischof aus der Peripherie das fordert."

Es sei ein Faktum, dass immer mehr Frauen nun auch in der Kirche eine wachsende Beteiligung und Gleichberechtigung verlangen. Immer mehr höre er den "berechtigen Vorwurf, unsere Kirche sei eine 'Männerkirche'", in der nur Männer das Sagen hätten, so der Bischof weiter: "Frauen dürfen den Altar schmücken, Lesungen vortragen, Lieder anstimmen, als Kommunionhelferinnen amtieren. Sie haben aber kaum Einfluss auf die Entscheidungsfindung im kirchlichen Leben. Sind wir da nicht mehr als hundert Jahre im Rückstand? Es ist längst an der Zeit, dass sich in unserer Kirche endlich etwas weiterentwickelt."

Die Weihe von Frauen sei für ihn jedenfalls eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit, keine des Priestermangels, hält Kräutler fest: "Ich bin überzeugt, dass die gleiche Würde der Frau bei der Zulassung zu den Weiheämtern kommen wird. Und ich hoffe, dass die Amazoniensynode dafür bahnbrechend sein wird oder wenigstens einige Schritte in die richtige Richtung macht. Wenn nicht, dann haben wir eine weitere Chance der längst notwendigen Erneuerung der Kirche vertan."

Bischöfe in Österreich, Deutschland oder der Schweiz schauten sehr genau darauf, was mit der Amazoniensynode passiere, so Kräutler. "Manche Bischöfe, mit denen ich gesprochen habe, sind voller Erwartung." Es sei daher "keine Frage, dass ein erster Schritt in Amazonien auch Auswirkungen auf die Weltkirche haben wird". Dass angesichts des Priestermangels heute in Deutschland oder Österreich "Blaulicht-Priester" von Gemeinde zu Gemeinde jagen müssten und so "kaum mehr Kontakt mit dem Volk" hätten sei "auf Dauer keine Lösung". Kräutler: "Sie sind Zelebranten und Sakramentenspender, aber sie leben nicht mit und unter dem Volk in ihrer Gemeinde. Es ist unmöglich, dass sie die Menschen zu Hause besuchen, einen Kontakt zu den Familien, zu kranken und alten Menschen haben."

Fünftel des Regenwaldes zerstört

Der seit mehr als 50 Jahren in Amazonien tätige Erwin Kräutler war von 1980 bis 2015 Bischof der brasilianischen Prälatur Xingu. Als Mitglied des 18-köpfigen vorsynodalen Rates war Kräutler wesentlich in die Erstellung des grundlegenden Arbeitspapiers für die nunmehrige Sondersynode zur Amazonasregion beteiligt, die von 6. bis 27. Oktober unter dem Titel "Amazonien: neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie" im Vatikan stattfindet.

Das Bischofstreffen will die Belange der Indigenen und die Seelsorge in der riesigen und schwer zugänglichen Amazonasregion in den Blick nehmen. Damit zusammenhängend geht es um die Umweltschäden in Amazonien und deren soziale Folgen. Durch Brandrodung, landwirtschaftliche Nutzung und Wasserkraftwerke seien mittlerweile beinahe 20 Prozent des Regenwaldes zerstört, erinnert Kräutler, der seit Jahrzehnten für die Rechte der Indios und die Erhaltung des Urwalds eintritt. "Ein Ende ist nicht abzusehen."

Dem amtierenden brasilianischen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro wirft der Bischof in seinem Buch einmal mehr eine "anti-indigene Einstellung" vor. Hintergrund sind Bolsonaros Ankündigungen, Umweltschutzgebiete sowie indigene Reservate für die wirtschaftliche Nutzung durch multinationale Konzerne zu öffnen.

In dem neuen Buch schildert Kräutler auch ausführlich die Historie Amazoniens und die Leidensgeschichte der Indigenen in der Region, deren Grundrechte auf ihren Lebensraum und ihre Kultur untergraben werden sowie so manche Hintergründe zu den sozialen und ökologischen Konflikten.

Einblicke in Synodenvorbereitung

Einblicke gibt der Bischof zudem in die kirchlichen Vorbereitungen zur Amazoniensynode. So betont Kräutler, dass in den vergangenen Monaten in allen Diözesen Amazoniens Versammlungen des Kirchenvolkes durchgeführt wurden, deren Ergebnisse in das grundlegende Arbeitspapier der Synode, das "Instrumentum laboris", eingeflossen sind. Dementsprechend sei das 59-seitige Dokument "keine akribisch verfasste Abhandlung über die sozialen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Verhältnisse in Amazonien, vielmehr bekamen alle Christinnen und Christen das Recht, in diesem synodalen Prozess ihre Freuden und Leiden, ihre Hoffnungen und Ängste, ihre Enttäuschungen über und ihre Erwartungen an die Kirche zu äußern und nach Rom zu schicken."

Als wesentlichen Punkt der anstehenden Synode betont der Amazonasbischof u.a. die Notwendigkeit der Berücksichtigung der besonderen Ausdrucksformen der indigenen Völker durch die Kirche im Sinne einer Inkulturation. "Es ist eine der zentralen pastoralen Fragen in Amazonien, inwieweit indigene Traditionen in die katholische Liturgie einfließen können", schreibt Kräutler etwa zur Suche nach dem "amazonischen Antlitz" der Kirche und gibt ein Beispiel: "Wir singen laut 'Großer Gott, wir loben dich', aber den indigenen Völkern sagt das wenig. Ihre Ausdrucksformen sind andere, zum Beispiel der Tore bei vielen dieser Völker, ein ritueller, gleichzeitig religiöser, militanter, ja sogar unterhaltsamer Tanz. Welchen Platz also können solche Tänze der indigenen Völker in der Liturgie bekommen?"

Kathpress-Themenschwerpunkt mit Meldungen und Hintergrundberichten zur bevorstehenden Amazonien-Synode abrufbar unter www.kathpress.at/amazoniensynode
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