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ICO-Obmann Dadas nach Syrien-Besuch: "Hilfe dringend notwendig"

Obmann der "Initiative Christlicher Orient" mit heimischen Journalisten in Damaskus, Homs und Aleppo: "Alles tun, damit die Menschen wieder auf eige­nen Beinen stehen können"
Syrien
22.09.2019, 08:53 Uhr Österreich/Syrien/Kirche/Konflikte/Soziales/ICO
Linz-Damaksus, 22.09.2019 (KAP) Hilfe in Syrien vor Ort ist möglich und auch unbedingt erforderlich. Dieses Resümee hat der Linzer Generaldechant und Obmann der "Initiative Christlicher Orient" (ICO), Slawomir Dadas, nach einem Lokalaugenschein vor Ort gezogen: "Wir müssen alles tun, damit die Menschen wieder auf eige­nen Beinen stehen können, damit sie in ihrem Land bleiben können." Die ICO und Kathpress luden dieser Tage zu einer Journalistenreise nach Syrien. Stationen waren u.a. Damaskus, Homs und Aleppo. Begleitet wurden sie vom melkitischen Wiener Pfarrer Hanna Ghoneim, der die "Korbgemeinschaft" leitet.

Im Vergleich zu seinem Besuch 2018 sei zwar einiges wieder aufgebaut worden, doch viele Gebiete würden immer noch in Trümmern liegen, in einigen Teilen des Landes werde noch gekämpft und vor allem der Zustand der Wirtschaft sei desolat, berichtete Dadas. Die Menschen würden unter dem westlichen Wirtschaftembargo leiden. Die kirchlich Verantwortlichen vor Ort bemühten sich u.a. um kleine Wirtschaftsprojekte für die Bevölkerung, doch ohne Hilfe von außen würden es die Leute nicht schaffen.

Zur politischen Situation befragt, sagte Dadas, dass es für die christliche Minderheit im Land zur Regierung von Präsident Baschar al-Assad keine Alternative gebe. Er schütze die Minderheiten. Politische Reformen würden auch eine entsprechende Opposition im Land voraussetzen, doch die sei abgesehen von islamistischen Gruppierungen derzeit nicht vorhanden, und die Herrschaft letzterer "will niemand erleben".

Die ICO unterstützt zahlreiche kirchliche Hilfsprojekte in Syrien, so etwa die Franziskanerinnen und Franziskaner in Aleppo, die sich u.a. um die Gesundheitsversorgung von Kindern oder um traumatisierte Frauen (Christinnen wie Muslimas) annehmen.

Die ICO-Delegation unter der Leitung von Dadas und die heimischen Journalisten absolvierten ein umfangreiches Programm im Land. In Damaskus standen Gespräche mit dem Apostolischen Nuntius Kardinal Mario Zenari, Großmufti Ahmad Badr ad-Din Hassun, dem Minister für religiöse Angelegenheiten Mohammed Abdul Sattar und dem Direktor der Umayyaden-Moschee, Issam Sukkar, auf dem Programm. Ein Lokalaugenschein im völlig zerstörten Stadtteil Ost-Ghouta zeigte den Journalisten das Ausmaß der Kriegskatastrophe im Land.

In Maarat Saidnaya bei Damaskus traf die österreichische Delegation mit dem syrisch-orthodoxen Patriarchen Mor Ignatius Aphrem II. Karim zusammen. "Wir Christen hoffen auf eine starke Regierung. Wir wollen Frieden, bitten nicht um Hilfe von außen", so der Patriarch. Er forderte ein Ende der Einmischung des Auslands und der Sanktionen. Seit die syrische Armee im Vorjahr die Ostbezirke von Damaskus (Ost-Ghouta) befreit habe, "geht es uns wieder besser", so der Patriarch. Die Wirtschaftssanktionen der USA, mitgetragen von den Europäern, kommentierte Aphrem mit dem Satz: "Warum wollt ihr uns aushungern?"

Das Patriarchat habe viele Projekte initiiert, um die Rückkehr von Christen zu fördern. Doch auch den Muslimen werde geholfen. Eine Fabrik zur Herstellung von Medikamenten sei im Bau, ebenso ein Altersheim und ein Waisenhaus. Die neue kirchliche Universität in Maarat Saidnaya biete eine Ausbildung in vielen technischen und ökonomischen Bereichen an und gehe jetzt ins zweite Studienjahr. Dass sich der Militärdienst von zwei Jahren aus Kriegsgründen oft auf bis zu acht Jahren ausdehne, schrecke freilich viele junge Männer ab. Aphrem: "Sie verlieren ihre Zukunft."

"Es begann am Palmsonntag 2011"

In Homs stand u.a eine Begegnung mit dem syrisch-orthodoxen Bischof Selwanos Boutros Alnemeh auf dem Programm. Er erinnerte sich im Journalistengespräch, wie der Krieg begonnen hatte: "Homs war das Zentrum der Revolution. Es begann am Palmsonntag 2011. Man bereitete sich auf die Karwoche vor, alle waren in der Kirche. Plötzlich fielen Schüsse, wir blieben vier Stunden in der Kirche. Dann kam die Nachricht der syrischen Armee, dass sich die Lage beruhigt hätte und wir wieder raus könnten. Wir hatten zwei Jahre lang keinen Strom, kein Wasser. Bis 2012 wollten die Menschen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen, danach haben sich viele entschieden, überhaupt wegzugehen."

Der Bischof sagte, die UN-Sanktionen gegen Präsident Assad und das Land sollten aufgehoben werden, denn darunter leide nur die Bevölkerung. Der militärische Krieg sei vorbei, jetzt müsse der wirtschaftliche beendet werden. "Die meisten Hilfsorganisationen konzentrieren sich auf Aleppo und Damaskus. Homs wird vergessen", kritisierte der syrisch-orthodoxe Bischof: "Wir hätten gerne auch ein paar Brosamen. 1.500 Häuser sind wieder aufgebaut, das ist aber ziemlich wenig."

Bischof Abdo Arbach von der griechisch-katholischen (melkitischen) Kirche in Homs, der auch Caritas-Bischof ist, fasste die Hauptprobleme für die leidende Bevölkerung so zusammen: die Wirtschaftssanktionen gegen Syrien; Mangel an Rohstoffen für den Wiederaufbau, wie Öl und Baumaterial; ärztliche Versorgung und Mangel an Geräten und Medikamenten; Wohnungen und Arbeit. All das münde in einen Exodus der Jungen, denen die Perspektiven fehlen. "Ein Visum für Europa gilt als No-Return-Ticket."

Der Krieg in Syrien sei nicht zu Ende, "Kriege toben im ganzen Nahen Osten", zog der melkitische Bischof ein bitteres Resümee. Einer der Hauptgründe dafür sei, die Christen aus ihrer Urheimat zu vertreiben. Den Weltmächten gehe es um "Hegemonie im Nahen Osten" und um die Kontrolle der regionalen Bodenschätze.

Die Wirtschaft liegt am Boden

In Aleppo stand u.a. ein Besuch im Franziskanerkloster auf dem Programm. P. Ibrahim Alsabagh bedauerte, dass es viel zu wenig Rückkehrer gibt. Einst war die Stadt im Norden die syrische Wirtschaftsmetropole. Davon sei nichts mehr übrig. P. Ibrahim nannte ein drastisches Beispiel: "In einer Kriegsnacht wurden in Aleppo 150 Industriefirmen zerstört und die Anlagen von den Rebellen in einer konzertierten Aktion in die Türkei gebracht." Die Wirtschaft liege am Boden. "Eltern wissen nicht, wie sie ihre Familien ernähren sollen." Die Kirche bemühe sich, "den Menschen ihre Würde zurückzugeben".

Sozialprojekte sollen helfen, die Kriegsfolgen zu bewältigen. Für die Bewohner in Aleppo sei der Krieg noch nahe, so der Pater. Nachts höre man Einschläge aus der besetzten Provinz Idlib. Die Franziskaner versorgen täglich Notleidende und Kranke. Im Fokus der Hilfe stünden Kinder mit Behinderungen und Krebs - viele sind Muslime - sowie Menschen in ländlichen Gebieten. Schülern werden spezielle Englisch- und Mathematikstunden, aber auch kreative Kurse wie Malen und Feriencamps geboten.

In der melkitischen Al-Inahit-Schule traf die österreichische Delegation u.a. mit Direktor George Jamous zusammen. Wie eigentlich alle Syrer, hätte er nie mit einem Krieg im Land gerechnet. "Es war unvorstellbar, dass so etwas geschehen konnte. Die meisten Terroristen, die kamen, waren ungebildet, sie hetzten die Menschen auf. Es war ein Albtraum."

Der Direktor betonte, dass trotz des Krieges der Schulbetrieb aufrecht erhalten wurde. "Wir hatten nur einen einzigen Tag geschlossen." Bezirke, die unter Kontrolle der syrischen Armee waren, galten als relativ sicher. Oft gab es keinen Strom, kein Wasser. Man habe Brunnen gebohrt. Kinder hatten Angst um ihre Eltern daheim, mussten von Lehrern "psychisch gestärkt" werden. Viele Kinder mussten Lernstoff nachlernen. Mit Extrastunden wurde dem abgeholfen, erzählt der Direktor.

Ein Spitalsbesuch in Aleppo gab der heimischen Delegation über die Lage im Gesundheitsbereich Aufschluss. Der Direktor der Universitätsklinik, Maher Al-Araj, nahm sich kein Blatt vor den Mund: "Das ist ein Krieg der großen Mächte." Drei Jahre lang habe man Tag und Nacht gearbeitet. "Oft gab es 50 bis 100 Tote und Verwundete am Tag, nach militärischen Aktionen bis zu 170." 2013 gab es kein Essen, keinen Strom.

Über die geflüchteten Ärzte zeigte sich der Direktor verbittert: "Sie sind abgehauen." In der Uni-Klinik waren es die Hälfte. 600 Ärzte seien jetzt aber wieder in Ausbildung. Aber noch immer emigrierten viele junge Mediziner. Wegen der Sanktionen fehle es an medizinischen Geräten und Ersatzteilen. Al-Araj schloss mit den Worten: "Ich wünsche mir, dass die nächste Generation nicht das erlebt, was wir erlebt haben."

(Infos: www.christlicher-orient.at)
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