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Experte zu Protesten im Libanon: "Lage ist brandgefährlich"

ICO-Mitarbeit Maier nach Lokalaugenschein: Land wirtschaftlich und sozial am Ende - Warnung vor Chaos - Patriarch Rai fordert neue, moralisch integre Regierung
05.11.2019, 15:30 Uhr Österreich/Libanon/Kirche/Konflikte/Politik/Soziales/ICO/Rai
Linz-Beirut, 05.11.2019 (KAP) Der Libanon steht an der Kippe, "die Lage ist brandgefährlich": Mit dieser Botschaft ist der Libanon-Experte Stefan Maier am Montag aus dem Zedernstaat zurück nach Österreich gekommen. Die "Initiative Christlicher Orient" (ICO) unterstützt im Libanon zahlreiche kirchliche Einrichtungen und Maier ist als verantwortlicher Projektreferent regelmäßig vor Ort. Sein jüngster Lokalaugenschein war aber stark von den seit rund drei Wochen anhaltenden Protesten gegen die libanesische Regierung getrübt.

Seit 17. Oktober protestieren die Menschen im Libanon gegen die korrupte Regierung. Premierminister Saad Hariri legte daraufhin vergangene Woche sein Amt nieder. Von den Medien weitgehend untertrieben seien bis zu 1,5 Millionen Menschen auf die Straße gegangen, berichtete Maier. Und das bei einer Gesamtbevölkerung von gerade einmal vier Millionen. Das öffentliche Leben sei völlig zum Erliegen gekommen. Alle Schulen waren geschlossen, alle Banken ebenso. Die Hauptverkehrswege waren unpassierbar, weil sie von den unzähligen Demonstranten blockiert waren.

Die kirchlichen ICO-Projektpartner vor Ort zeigten Verständnis für die Proteste, so Maier, denn immer mehr Menschen schlitterten in bittere Armut. "Die Familien wissen nicht mehr, wie sie über die Runden kommen sollen."

Experten hätten immer wieder vor einem solchen Szenario gewarnt. Die wirtschaftliche, soziale und humanitäre Krise im Libanon ist seit Jahren evident, hervorgerufen vor allem durch mehr als 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien, die das Land einfach nicht mehr verkraften könne, noch dazu, wo man von der internationalen Staatengemeinschaft weitgehend allein gelassen werde. Kurios sei freilich, was das Fass Mitte Oktober zum Überlaufen gebracht habe: "Die Regierung hat auf das Telefonieren mit WhatsApp eine Steuer eingeführt."

Wie Maier berichtete, würden sich die meisten Demonstranten mit dem Rücktritt der Regierung nicht mehr zufrieden geben. Man wolle, "dass das gesamte politische Establishment vom Präsidenten bis zu den Parlamentariern den Hut nimmt. Doch was kommt danach? Chaos kann auch keine Lösung sein."

Einige wenige positive Aspekte in der Krise: Die Proteste seien bisher weitgehend friedlich abgelaufen und der Protest vereine die Menschen der unterschiedlichsten Religionen und Konfessionen. Maier sprach sogar eher von einer "Volksfeststimmung".

In welche Richtung die Lage sich aber auch entwickeln könnte, zeigten zwei Vorfälle, als die Hisbollah zwei Schlägertrupps auf die Demonstranten losließ. Das sei ein Warnsignal für die Demonstranten gewesen, mit dem die Hisbollah andeutete, "dass sie jederzeit imstande wäre, die Kontrolle im Land gewaltsam zu übernehmen. Die Möglichkeiten dazu hat sie. Ihre militärischen Kräfte sind stärker als die der libanesischen Armee."

Kardinal fordert unabhängige Regierung

Der maronitische Patriarch Kardinal Bechara Rai hatte am Sonntag eine politisch brisante Predigt gehalten. Angesichts der anhaltenden Massenproteste im Libanon forderte der Kardinal eine "neutrale und zeitlich begrenzte" Regierung, die für das Wohl der libanesischen Bevölkerung arbeitet, berichtete "Vatican News". Die libanesische Jugend akzeptiere keine "halben Lösungen" und glaube nicht mehr an leere Versprechen, betonte Rai in Bkerke, Kloster und Winterresidenz des Patriarchen nahe der Hauptstadt Beirut.

Die neue Regierung müsse aus Menschen bestehen, "die für ihre moralischen und bürgerlichen Werte bekannt sind" und "die lang ersehnten Reformen umsetzen können", so der Kardinal. Die herrschende Klasse forderte er auf, die Hoffnungen der Menschen nicht zu enttäuschen und deren Protestbewegung als "grundlegenden Motor" für Reformen zu sehen. Rai schloss seine Predigt mit dem Aufruf an alle, die "nationale Einheit" zu bewahren.

ICO hilft ärmsten Kindern

Die in Linz ansässige ICO unterstützt vor allem Bildungseinrichtungen von Ordensgemeinschaften im Libanon. In den Kindergärten, Schulen und Internate würden tausende Kinder eine gute Ausbildung erhalten, so Maier. Aufgrund der zunehmenden Armut könnten sich viele Eltern das Schulgeld aber nicht mehr leisten. Auch die Ordensgemeinschaften selbst seien am finanziellen Limit. Um den Kindern, darunter viele syrische Flüchtlingskinder und Kinder aus den ärmsten libanesischen Familien - weiterhin den Schulbesuch zu ermöglichen, übernimmt die ICO das Schulgeld. Oder sie hilft bei notwendigen Instandsetzungsarbeiten in den Einrichtungen. Dringend nötig sind auch finanzielle Zuschüsse, damit die Schulen im Winter geheizt werden können.

(Infos: www.christlicher-orient.at)
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