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Libanon: Experten befürchten Zusammenbruch des Bildungssystems

© ICO
"Initiative Christlicher Orient": Erste Privatschulen bereits geschlossen - Bis zu 80 Prozent der katholischen Schulen stehen vor dem Aus
13.07.2020, 13:36 Uhr Libanon/Kirche/Bildung/Soziales/ICO
Linz/Beirut, 13.07.2020 (KAP) Ende Mai warnte das in Linz ansässige Hilfswerk "Initiative Christlicher Orient" (ICO) bereits, dass im Libanon aufgrund der Wirtschafts- und Coronakrise 80 Prozent der katholischen Privatschulen vor dem Aus stehen und aufgrund fehlender finanzieller Mittel im neuen Schuljahres im Herbst nicht mehr öffnen würden. Nun wurden bereits dieser Tage die ersten Schulen geschlossen, wie die ICO am Montag mitteilte.

Ein Beispiel ist die Schule der Antoninen-Schwestern in Achkout im Libanongebirge. Die vor 50 Jahren gegründete Schule wurde zuletzt noch von 110 Schülern (70 Mädchen und 40 Buben) besucht. Die ICO zitierte die Oberin der Schule, Sr. Jocelyne Kabalan: "Eine Schule zu schließen, bedeutet ein Gefängnis zu öffnen". Die Ordensschwestern hätten aber ohne finanzielle Mittel keine andere Möglichkeit mehr gehabt. Sie hofften aber, zumindest noch das angeschlossene Internat weiterführen zu können, um so sozial besonders bedürftigen Kindern Stabilität und Geborgenheit zu bieten. Der Unterricht der Kinder müsse aber auswärts stattfinden.

Die Verantwortlichen bemühen sich, dass möglichst viele dieser Kinder in der Schule St. Josef der Barmherzigen Schwestern in Ajeltoun aufgenommen werden können. Freilich stehe auch diese Einrichtung unter großem finanziellem Druck, wie die ICO berichtete. Das Linzer Hilfswerk unterstützt sowohl die Barmherzigen Schwestern als auch die Antoninen-Schwestern.

Auch die Schule Notre Dame de Loueize des Mariamiten-Ordens in der Ortschaft Faytroun und eine Schule der Antoninen-Priester in Mrouch wurden bereits geschlossen, wie Sr. Marie Harika, Oberin der Schule St. Vinzenz der Schwestern von Besancon, der ICO berichtete. Die Vinzenz-Schule, der auch ein Internat für Mädchen angeschlossen ist, werde zwar auf jeden Fall im Herbst wieder öffnen, man wisse aber nicht, wie lange man durchhalten kann. Hilfe aus dem Ausland sei unerlässlich.

Selbst das prestigeträchtige Notre Dame de Jamhour College der Jesuiten, das als eine der besten Bildungseinrichtungen nicht nur des Libanon, sondern im ganzen Nahen Osten angesehen wird, ist inzwischen ein Opfer der Wirtschaftskatastrophe. Die Schule sah sich gezwungen, an all ihre ehemaligen Schüler in den USA, in Europa und im Nahen Osten zu schreiben und um finanzielle Unterstützung zu bitten, wie die ICO berichtete.

In den katholischen Schulen waren im aktuellen Schuljahr 2019/20 184.010 Schüler eingeschrieben, von denen 49.310 keine Christen sind. Insgesamt werden zwei Drittel aller Schüler des Landes im privaten Erziehungssektor unterrichtet. In absoluten Zahlen: 710.000 Schüler besuchen insgesamt 1.556 Privatschulen, nur 260.000 Kinder staatliche Schulen.

Lehrkräfte ohne Gehalt

Eine Studie, die vom Generalsekretariat der Katholischen Schulen zusammen mit der Universität St. Josef in Beirut verfasst wurde, zeigt auf, dass die katholischen Schulen des Landes im zweiten Semester des aktuellen Schuljahres im Durchschnitt nur 18 Prozent der Schulgebühren erhalten haben, während es im ersten Semester noch knapp 40 Prozent waren. Die Zahlung der Lehrergehälter sank von 81Prozent im Februar auf 56 Prozent im März. Die meisten Schulen haben inzwischen kein Geld mehr, um die Gehälter der Lehrkräfte ab April 2020 zu bezahlen. Betroffen davon sind ca. 16.500 Lehrkräfte.

In einem offenen Brief an den libanesischen Staatspräsidenten Michel Aoun hat der Generalsekretär der Katholischen Schulen im Libanon, Pater Boutros Azar, eindringlich vor einer Bildungskatastrophe gewarnt. Im schlimmsten Fall würden hunderttausende Schüler von Privatschulen Plätze in den ohnehin völlig überforderten öffentlichen Schulen benötigen und zehntausende Lehrer und Angestellte ihre Arbeit verlieren würden, was die ohnehin enorme Arbeitslosenrate und die allgemeine Armut im Land nur noch weiter verstärken würde, so Azar.

Die Auswirkungen der Schulkrise würden aller Voraussicht nach auch gravierende Folgen auf den politischen und sozio-ökonomischen Status der Christen im Land haben. Es drohe eine verstärkte Auswanderung der noch im Land verbliebenen Christen.

Die Dramatik der Situation ist auch Papst Franziskus bewusst. Er hat vor Kurzem 200.000 US-Dollar zur Verfügung gestellt, die insgesamt 400 Schülern und Studenten im Libanon zugutekommen sollen.

Die ICO unterstützt u.a. zahlreiche Ordensschulen im Libanon und bittet um Spenden, um zumindest einigen Schulen Hilfe leisten zu können und eine Schließung noch abzuwenden.

(Infos und Spenden: www.christlicher-orient.at)
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