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Beck: Corona soll zu Respekt vor Natur und einsichtigem Glauben führen

Matthias Beck
© ordensgemeinschaften / Katrin Bruder
Moraltheologe und Mediziner in "Langer Nacht"-Veranstaltung über Corona, Glaube und Kirche: "Es war gut, dass sich die Kirche der Wissenschaft solidarisch angeschlossen hat" - "Es gibt wenig gute Gründe, sich nicht impfen zu lassen"
28.05.2021, 23:33 Uhr Österreich/Pandemie/Kirche/Glaube/Beck
Wien, 28.05.2021 (KAP) "Wenn die Menschheit aus der Corona-Pandemie nichts lernt, dann wird die nächste Pandemie, die sicher kommen wird, noch viel dramatischere Folgen haben". - Diese Einschätzung hat der Wiener Theologe Prof. Matthias Beck bei einer Veranstaltung im Rahmen der "Langen Nacht der Kirchen" am Freitagabend in Wien geäußert. Was man jetzt erlebt habe, sei nur ein "Hauch" gewesen, der sich zu einem "Windhauch und letztendlich zu einem Sturm" auswachsen könne, wenn der Mensch nicht mit mehr Vernunft, Verantwortung und Ehrfurcht vor der Natur seine Geschicke in die Hand nimmt. Wenn die gegenwärtige Pandemie etwas Positives bewirken könne, dann "die Erkenntnis von der Zerbrechlichkeit der Welt verbunden mit mehr Respekt vor der Natur und ihrer Gewalt", so die Hoffnung des Mediziners und Pharmazeuten.

"Schockiert" zeigte sich der Moraltheologe von der "großen Unvernunft, ja Dummheit und Ignoranz, selbst in akademischen Kreisen": Viele hätten die Gefährlichkeit des Corona-Virus bis heute nicht erkannt und würde es verharmlosen. Tatsächlich müsse man aber aus naturwissenschaftlicher Sicht feststellen, dass die gegenwärtige Pandemie "erstmals wirklich die ganze Welt gleichzeitig im Griff hat" aufgrund der besonderen Gefährlichkeit des Virus, das "eine tödliche Waffe" für die Menschheit sei. Dabei hätte man durchaus das Wissen und die Möglichkeit gehabt, die Gefahr rechtzeitig einzudämmen, zeigte sich der Bioethik-Experte überzeugt: "Man muss dem Virus nur von Anfang an die Nahrung entziehen. Das hätte bedeutet, rigoros Abstand zu halten und Grenzen zu schließen."

Vernunft und Glaube

Vor diesem Hintergrund zollte Beck der Kirche Lob für ihr Mitziehen bei den Lockdowns, auch wenn dies von gewissen kirchlichen Kreisen kritisiert worden sei: "Es war gut, dass sich die Kirche der Wissenschaft solidarisch angeschlossen hat." Corona sei so gesehen zum Testfall für das Verhältnis von Vernunft und Glaube geworden, die nicht im Widerspruch zueinander stünden, denn: "Das Gegenteil eines recht verstandenen Glaubens ist die Unvernunft." Gott habe dem Menschen aber die Vernunft geschenkt, um sie zu gebrauchen, gerade angesichts tödlicher Gefahren. Von daher müsse die Kirche grundsätzlich auf Einsicht setzen. "Einsicht ist die erste Gabe des Heiligen Geistes und die Kirche ist gut beraten, auf Glaubenseinsicht anstelle von Gehorsam zu setzen", so Beck.

Auf Einsicht setzte der Moraltheologe auch beim Impfthema. Er sprach sich für die Corona-Schutzimpfung, aber zum jetzigen Zeitpunkt noch gegen eine generelle Impfpflicht aus: "Es gibt wenig gute Gründe, sich nicht impfen zu lassen, wenn man gesund, einsichtsfähig und die Wahl zwischen Impfstoffen hat", so die differenzierte Antwort des Mitglieds der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt. Anders sei es mit Impfstoffen, die lange erprobt und nahezu keine Nebenwirkungen hätten, wie dies beispielsweise beim Masernimpfstoff sei. Hier könne man zu Recht eine Impfpflicht fordern, gerade angesichts des großen Nutzens.

Corona und Theodizee

Keine "glatte Antwort" gäbe es auf die Frage, warum gerade oft die Unschuldigen, Armen und Abhängigen zu den Opfern von Katastrophen wie dieser Pandemie gehören, die nach bisherigen Erhebungen rund 3,1 Millionen Tote gefordert habe. Beck wörtlich: "Die anklagende Frage, warum Gott dies zulasse, dieser Protest des Menschen ist zulässig und zeige gleichzeitig die unstillbare Sehnsucht nach Gerechtigkeit."

Weil entstandenes Leid meist die Folge menschlichen Handelns und Unterlassens sei, gehe es dabei letztlich um seine Freiheit. "Mit der von Gott gewollten Freiheit des Menschen hat sich Gott seiner Allmacht begeben", so die Antwort des Theologen. Gott könne sich nur dem Bösen stellen und habe in Leiden und Tod Jesu Christi am eigenen Leib den Missbrauch menschlicher Freiheit erfahren. "Durch die Auferstehung hat er sich die Allmacht wieder zurückgeholt, ohne aber weiter in die Geschicke des Menschen direkt einzugreifen. Von daher bleibt dem Menschen Eigenverantwortung als Kehrseite der Freiheit, auch im Blick auf die Pandemie."

Die Pandemie könne und solle nicht nur die Verbindung von Glaube und Vernunft stärken. Das nötige Abstandhalten auch im religiösen Leben sei wie ein "Zurückgeworfen Sein auf sich selbst" gewesen und hätte die ganz persönliche Frage nach dem Verhältnis zu Gott zur Folge gehabt. Corona könnte bei vielen zur "existenziellen Glaubenserfahrung" geführt haben, "dass mir der lebendige Gott trotz der Pandemie beigestanden ist", so die Hoffnung des Theologen und Wiener Priesters.
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