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Marx-Rücktritt: Weitere Reaktionen von Lob bis Entsetzen

Französischer Bischofskonferenz-Vorsitzender signalisiert Überraschung - Bischof Bätzing: Kontrolle des Monarchischen in der Kirche nötig - Laienvertreter fordern vom Papst, Angebot nicht anzunehmen
06.06.2021, 15:14 Uhr Deutschland/Kirche/Personal/Marx
München, 06.06.2021 (KAP/KNA) Der angebotene Amtsverzicht von Kardinals Reinhard Marx als Erzbischof von München und Freising zieht weiter Reaktionen in Deutschland und darüber hinaus nach sich. So zeigte sich der Vorsitzende der Französischen Bischofskonferenz erschüttert und überrascht. "Sein Brief an den Papst stellt die Gründe für die Entscheidung dar - aber seine Einsamkeit beeindruckt mich", sagte Erzbischof Eric de Moulins-Beaufort von Reims "La Croix" (online Freitagabend).

In Frankreich hätten alle Bischöfe gemeinsam versucht, der Krise um sexuellen Missbrauch zu begegnen. Bei der Frühjahrsvollversammlung habe man "gemeinsam zu verstehen versucht, was passiert ist, und unsere Verantwortung für Gegenwart und Zukunft wahrzunehmen", betonte de Moulins-Beaufort. Zur Frage persönlicher Verantwortung erklärte sich der Vorsitzende in Einklang mit Kardinal Marx. "Als Bischof fühle ich mich für die ganze Kirche verantwortlich", so der Erzbischof von Reims. "Vor langer Zeit war die hierarchisch verfasste Kirche direkt Schuld, wenn sie sich an den Kreuzzügen oder der Inquisition beteiligte." Sexueller Missbrauch aber sei "heimtückischer" - ein Übel, das die Kirche nicht als ganze gewollt und begangen habe, es aber dennoch "nicht vermeiden konnte".

Am Freitag hatte die Erzdiözese München und Freising mitgeteilt, dass Marx dem Papst seinen Rücktritt angeboten hat. In seinem Brief an Franziskus schreibt Marx: "Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten." Marx wird Fehlverhalten im Umgang mit möglichen Missbrauchsfällen vorgeworfen. Für Sommer ist die Veröffentlichung eines Gutachtens über den Umgang mit Missbrauchsfällen in der Erzdiözese angekündigt.

EU-Bischöfe: Entscheidung aus Ernsthaftigkeit

Mit "großem Respekt" reagierte die EU-Bischofskommission COMECE auf den angebotenen Amtsverzicht ihres früheren Vorsitzenden. "Seine Entscheidung muss das Ergebnis tiefer und mutiger innerer Einkehr sein", erklärte am Freitagabend Marx' Nachfolger als Vorsitzender der in Brüssel ansässigen Organisation, Kardinal Jean-Claude Hollerich. Diese Entscheidung spiegele "jene Ernsthaftigkeit wider, die stets Marx' Handeln als Seelsorger geleitet" habe. Er bedaure den Schritt, empfinde aber "tiefen Respekt".

Der Jesuit und Luxemburger Erzbischof würdigte Marx' Leistungen an der Spitze der COMECE. Sein Beitrag als Vertreter für Deutschland und später als Vorsitzender (2012-2018) sei "sehr kostbar" gewesen. Marx habe die Bischofskommission zu einem "dynamischeren Akteur" im Dialog mit den EU-Institutionen und im Einsatz für eine menschlichere Politik im Sinne des Gemeinwohls gemacht. In der COMECE sind die Bischofskonferenzen der 27 EU-Mitgliedstaaten vertreten.

Bätzing für "grundlegende Reformen"

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, hatte sich mit seinem Amtsvorgänger Marx einig gezeigt, dass die derzeitige Lage auf "eine massive Krise in der Kirche" hindeute. Am Freitagabend im ZDF-Spezial sagte er weiter, es liege "vieles im Argen". Mit einigen "Schönheitsreparaturen" sei es nicht getan. Es brauche grundsätzliche Reformen, etwa bei den Themen Klerikalismus oder der Rolle von Frauen in der Kirche. Er habe Respekt für die Entscheidung von Marx, aber sei auch enttäuscht, denn "wir brauchen ihn" in der Kirche in Deutschland.

Im Interview in den ARD-Tagesthemen am selben Abend sagte Bätzing, die bischöfliche Macht habe etwas "von Monarchischem, etwas von vergangenen Zeiten". Es brauche nun "Kontrolle auf jeder Ebene von Machtausübung in der katholischen Kirche". Zwar müsse es Macht geben, denn sonst habe man keine Gestaltungsmöglichkeiten. Doch: "Diese Macht muss kontrolliert werden". Auch die priesterliche Macht gelte es "einzuhegen und zu kontrollieren".

"Aufforderung an andere"

Aus den Reihen der weiteren deutschen Bischöfe erklärte der Trierer Bischof Stephan Ackermann, er sehe den Rücktritt als "Aufforderung an andere Geistliche der katholischen Kirche", sich ebenfalls mit einem solchen Schritt auseinanderzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz sprach von einem "starken Zeichen" für eine "notwendige Erneuerung der Kirche"; im Kern gehe es bei Marx um die Übernahme von Mitverantwortung für die "Katastrophe des sexuellen Missbrauchs".

Passaus Bischof Stefan Oster zeigte sich "sehr überrascht". "Nachdem ich aber seine Erklärung gelesen habe, ist es für mich plausibler geworden", sagte Oster der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). "In den vergangenen Monaten und auch Jahren habe ich Reinhard Marx oft auch sehr, sehr nachdenklich erlebt, und dann bekommt dieser Schritt doch eine gewisse Schlüssigkeit und Souveränität." Marx' Entscheidung forciere die Frage der Kirche in Deutschland: "Wie sind wir miteinander unterwegs? Da hat Marx eine gewichtige Stimme."

Fatal für Synodalen Weg

Weit weniger erfreut reagierte der oberste Laienvertreter der katholischen Kirche in Bayern, Joachim Unterländer, auf die Entscheidung des Kardinals und gab an, er habe Papst Franziskus um eine Ablehnung des angebotenen Amtsverzichts zumindest bis zum Abschluss des Synodalen Weges gebeten. Es wäre fatal, für diesen nun eine andere geeignete Führungsperson finden zu müssen, um eine Reform in Gang zu setzen, so der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken. Marx sei ein "herausragender, unverzichtbarer Vertreter der Kirche, wenn es um die Realisierung von systemischen Veränderungen geht". Sein Eintreten für Geradlinigkeit und das Ringen um den richtigen Weg setzten Maßstäbe für die Kirche.

Bestürzt reagierte die Unabhängige Aufarbeitungskommission in der Erzdiözese München und Freising. Marx vereine modernes Gemeinwesen mit hohem ethisch-moralischem Anspruch und habe mit dem Rücktrittsgesuch seine Größe gezeigt. Die "klare Positionierung" des Kardinals sei eine enorme Chance für die Diözese wie auch für die Kirche in Deutschland überhaupt, was der Papst nicht übersehen dürfe und sein Gesuch ablehnen sollte, hieß es. Marx habe schließlich nicht nur eine vordergründige, juristische und finanzielle Entschädigung von Missbrauchsopfern verfolgt, sondern auch eine "tiefergehende, strukturelle und gesellschaftlich-soziologische Verantwortung".

Die Gruppe Maria 2.0 zollte Marx Respekt. Er erkenne an, dass hinter dem Missbrauchsskandal systemische Ursachen stünden. Maria 2.0 teile die "österliche Hoffnung" des Kardinals, "dass der 'tote Punkt', an dem wir uns im Augenblick befinden, zum 'Wendepunkt' werden kann".

Protestanten: Vorbild an Geradlinigkeit

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, würdigte den Schritt von Kardinal Marx als "beispielgebende Geradlinigkeit". Er zeige die Konsequenz, mit der Marx die Erneuerung seiner Kirche betreibe, schrieb der evangelische Landesbischof am Sonntag auf Facebook. Die Worte des Kardinals bei der Pressekonferenz hätten deutlich gemacht, "dass seine Entscheidung Ergebnis eines intensiven geistlichen Ringens ist und dass es nicht um Amtsmüdigkeit, sondern um Verantwortungsübernahme geht".

Sollte Papst Franziskus das Angebot von Marx annehmen, würde dessen "starke Stimme im jetzigen Amt fehlen", so Bedford-Strohm. Bis zu einer Entscheidung werde der Kardinal seine Amtsgeschäfte in Bayern in jedem Falle weiterführen. "So werden wir jetzt weiter ökumenisch eng zusammenarbeiten." Auch für die Zeit danach gelte, dass die Ökumene auch in anderen personellen Konstellationen weiter wachsen werde. "Die Kirche sind nicht vor allem die Leitenden Geistlichen. Die Kirche ist das ganze Volk Gottes."

Die evangelische Theologin Margot Käßmann schreibt in der "Bild am Sonntag", dass sie die katholische Kirche nicht an einem "toten Punkt" sehe, denn es zeige sich auch Aufbruch. Zum Rücktrittsgesuch von Marx schreibt sie: "Gut, dass er als erster Kirchenführer persönlich Verantwortung für den unerträglichen Missbrauchsskandal übernimmt."
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