Waffenruhe in Aleppo: Jesuit ruft zu internationaler Vermittlung auf
09.01.202609:58
(zuletzt bearbeitet am 09.01.2026 um 13:26 Uhr)
Syrien/Konflikte/Gewalt/Flüchtlinge/Kirche
Österreichischer Ordensmann Baumgartner inmitten militärischer Auseinandersetzung zwischen Regime und Kurden - Zehntausende Flüchtlinge, Kirchen öffnen Notunterkünfte - "Wir haben keine Kraft mehr"
Damaskus, 09.01.2026 (KAP) Angesichts erneuter schwerer Kämpfe in der nordsyrischen Metropole Aleppo hat der österreichische Jesuit Gerald Baumgartner zur Besonnenheit und zu internationaler Vermittlung aufgerufen. "Wir beten dafür und arbeiten dafür, dass endlich Frieden einkehrt und dass der Weg zur Versöhnung irgendwie gebahnt werden kann", sagte Baumgartner in einem am Donnerstag geführten Interview mit Vatican News. Während des Gesprächs seien in seiner Umgebung Einschläge zu hören gewesen, hieß es. Nach jüngsten Angaben gilt seit der Nacht auf Freitag in mehreren umkämpften Vierteln eine von der syrischen Übergangsregierung ausgerufene Waffenruhe, die eine weitere Eskalation verhindern soll.
Erst am Donnerstagnachmittag war nach einer kurzen Feuerpause der massive Beschuss zweier kurdischer Viertel - Scheich Maksud und Ashrafiyeh - wieder aufgenommen worden. Die Waffenruhe betrifft inzwischen auch das Viertel Bani Seid. Die Jesuitenkommunität lebt im Stadtteil Azizieh, rund zwei Kilometer entfernt von jenen städtischen Zonen, wo am Donnerstag gekämpft wurde. "Bei uns hört man sehr viele Schüsse und Einschläge, aber das ist alles rund einen Kilometer entfernt. Das gesamte Kampfgeschehen konzentriert sich auf diese beiden Viertel", so der erst im Vorjahr zum Priester geweihte Ordensmann.
Die Lage der Zivilbevölkerung sei höchst unterschiedlich. Aus den betroffenen Vierteln seien "zehntausende Menschen in den letzten 48 Stunden geflohen", so Baumgartner, viele aufs Land oder in andere Stadtteile. "Je näher man zu den Vierteln kommt, desto gefährlicher wird es. Niemand kann dort hinein", sagte der Jesuit. Die Situation sei chaotisch, koordinierte Hilfsmaßnahmen kaum möglich. Kirchen hätten teils ihre Pforten geöffnet, der Jesuiten-Flüchtlingsdienst versuche sich mit NGOs abzustimmen.
Besonders groß sei die Angst unter der Bevölkerung nach dem langen Krieg. "Die Menschen sind schwer traumatisiert. Jedes Geräusch lässt sie diese ganzen 14 Jahre wieder neu erleben", sagte Baumgartner. An die internationale Gemeinschaft appellierte er, zwischen der neuen syrischen Regierung und den Kurden zu vermitteln. Christen hätten dabei weiterhin eine wichtige Rolle im Land: "Eine christliche Präsenz macht einen Unterschied", so die Überzeugung Baumgartners.
Bischof von Aleppo: "Ein Hirte bleibt bei seiner Herde"
Auch der lateinische Bischof von Aleppo, Hanna Jallouf, äußerte sich gegenüber Vatican News besorgt über die Entwicklung. Trotz der nun verkündeten Waffenruhe sei die Lage fragil, seit Beginn der Eskalation seien mindestens 21 Menschen getötet und Dutzende verletzt worden. Mehr als 30.000 Menschen hätten ihre Häuser verlassen müssen. "Leider entwickeln sich die Dinge nicht sehr gut, sondern von schlecht zu schlechter", sagte Jallouf. Der Bischof rief die Weltkirche zum Gebet und die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf. "Es ist genug Blut vergossen worden. Es reicht uns", betonte er.
Kirchliche Einrichtungen hätten gemeinsam mit muslimischen Gemeinden Notunterkünfte geöffnet. "Bis jetzt haben wir - wir und die Muslime - fast 3.500 Menschen aufgenommen", berichtete der Bischof. Neben Unterkünften würden Decken und Güter des täglichen Bedarfs bereitgestellt. Er selbst denke trotz der Gefahr nicht an Weggehen: "Der Hirte muss bei seiner Herde sein, er läuft nicht davon."
"Wir haben keine Kraft mehr"
Mit einem verzweifelten Hilferuf hat sich am Freitag aus Aleppo auch F. Georges Sabe von syrischen Hilfswerk der Blauen Maristen zu Wort gemeldet. In einem Kathpress vorliegenden Schreiben an das Linzer Nahosthilfswerk "Initiative Christlicher Orient" (ICO) schreibt Sabe: "Es ist schrecklich, als ob 14 Jahre Krieg, Sanktionen und Erdbeben nicht genug wären. Als ob diese Stadt verflucht wäre. Als ob die Straßen von Aleppo nach Blut dürsten würden."
Der Schrecken des Krieges vervielfache sich endlos weiter: "Wir haben keine Kraft mehr für Widerstand oder Durchhaltevermögen. Unsere Nerven halten es nicht mehr aus. Wir sind traumatisiert und verzweifelt. Wir haben Angst und fragen uns: Warum müssen Aleppo und seine Einwohner ein solches Schicksal erdulden? Wann wird der Horizont des Friedens Wirklichkeit werden?"
Eine Ausgangssperre hülle die Stadt in Stille und Angst. Das öffentliche Leben sei zum Erliegen gekommen. Schulen und Universitäten, die sich mitten in den Semesterprüfungen befinden, seien auf unbestimmte Zeit geschlossen. "Das Leben ist gelähmt", so der Ordensmann, der zugleich zu mehr Hilfe und internationaler Solidarität aufrief.
Das in Aleppo tätige lokale Hilfswerk der Blauen Maristen ist seit vielen Jahren Projektpartner der ICO. Die Maristen unterstützen die Not leidende Bevölkerung auf verschiedene Weise. So stellt das Hilfswerk beispielsweise für tausende Kinder Milch bzw. Babynahrung zur Verfügung. Für die ärmsten Schichten der Bevölkerung übernehmen sie die Kosten für medizinische Behandlungen und eine rudimentäre Stromversorgung. Weiters haben die Maristen verschiedene Hilfsprogramme laufen, mit denen sie kriegstraumatisierten Kindern zurück in ein normales Leben helfen wollen. (Infos: www.christlicher-orient.at)
Die heftigen Gefechte waren ausgebrochen, nachdem Damaskus den Abzug kurdischer Milizen gefordert und mehrere Viertel Aleppos zu Militärzonen erklärt hatte. Über Tage gab es Beschuss mit leichten, mittleren und schweren Waffen. Insgesamt wurden seit Beginn der jüngsten Eskalation mindestens 21 Menschen getötet, Dutzende weitere verletzt, darunter Frauen und Kinder. Tausende nutzten zuletzt eingerichtete humanitäre Korridore, um die umkämpften Viertel zu verlassen.
Hintergrund der Gewalt ist ein stockendes Abkommen vom März, wonach kurdische zivile und militärische Strukturen bis Ende 2025 in die staatlichen Institutionen integriert und kurdische Kämpfer aus den beiden Aleppoer Vierteln abgezogen werden sollten. Diese Schritte wurden jedoch bislang nicht umgesetzt.