Ein Konsistorium mit viel Inhalt und wenig Zündstoff
11.01.202614:43
Vatikan/Kirche/Papst/Kardinalsversammlung
Papst Leo XIV. will die Konflikte innerhalb der katholischen Kirche befrieden. Um das zu erreichen, setzt er mehr als sein Vorgänger auf häufige und geordnete Beratungen. Bislang scheint ihm das zu gelingen - Korrespondentenbericht von Ludwig Ring-Eifel
Vatikanstadt, 11.01.2026 (KAP) Die große Versammlung des weltweiten Kardinalskollegiums mit Papst Leo XIV. in Rom, das erste außerordentliche Konsistorium seines Pontifikats, lief am 7. und 8. Januar weitgehend unbemerkt von den Medien ab. Das lag auch an der geschickten Regie bei dem Treffen. So hatte der Vatikan gleich zu Beginn dafür gesorgt, dass eines der strittigsten Themen - die Debatte um eine Wiederzulassung der alten lateinischen Messe - gar nicht erst auf die Tagesordnung gesetzt wurde.
Und das ging so: Die etwa 170 Kardinäle wurden auf 20 Gruppen an runden Tischen aufgeteilt. Sie berieten in diesen Gruppen und stimmten dort über die Agenda ab. Da es an kaum einem Tisch eine Mehrheit für das Thema gab, konnte der Vatikansprecher nachher verkünden, dass eine "übergroße Mehrheit der Gruppen" nicht für das umstrittene Thema Liturgie gestimmt hatte.
Mehrheitsverhältnisse unklar
Wie groß die Minderheit der Kardinäle war, die eigentlich doch über die Frage der Liturgie diskutieren wollten, blieb dadurch im Dunkeln. Papst Leo XIV. schien Unmut bei einigen Teilnehmern, darunter auch manch einem der älteren Kardinäle, wahrgenommen zu haben. Jedenfalls versicherte er am Ende, dass auch die Themen "nicht verloren gehen werden", die es diesmal nicht auf die Tagesordnung schafften. Er ermunterte die Kardinäle, noch schriftliche Ausführungen nachzureichen und versprach, er werde alles in Ruhe lesen, darüber nachdenken und darauf antworten.
Auch die übrigen Beratungen des Konsistoriums wurden an den 20 runden Tischen zu je etwa neun Kardinälen geführt. Was dort besprochen wurde, fasste pro Tisch ein Berichterstatter in einem Kurzvortrag zusammen, so dass wiederum keine Kontroversen in großer Runde entstanden. Daneben gab es nur vereinzelt die Möglichkeit zur freien Rede vor der gesamten Versammlung. Nur etwa 15 Kardinäle konnten vor dem Plenum das Wort ergreifen. Auch das wurde hinterher vereinzelt kritisiert - verbunden mit dem Wunsch, dass beim nächsten Konsistorium Ende Juni mehr freie Aussprache möglich sein solle.
Anknüpfen an Grundideen von Franziskus
Die beiden Themen, die auf Beschluss der Kardinäle tatsächlich beraten wurden, waren kaum schlagzeilenträchtig. Zunächst ging es darum, das Schreiben "Evangelii gaudium" aus dem ersten Jahr des Franziskus-Pontifikats neu zu lesen. Der schwungvolle Text, der mit Bildern wie der "Kirche als Feldlazarett" und einer "Seelsorge, die an die Ränder geht", das kirchliche Reden lange prägte, sollte aus heutiger Sicht neu bewertet werden.
Die Kernaussagen stellte Glaubenspräfekt Victor Fernandez vor - der Mann, der einst als argentinischer "Ghostwriter" von Papst Franziskus den Text im Jahr 2013 mutmaßlich über weite Strecken selbst geschrieben hatte. In der Beratung stellte sich, wie Kardinal Stephen Brislin (Johannesburg) sagte, als überraschend breiter Konsens heraus, dass "Evangelii gaudium" längst nicht mehr nur ein Franziskus-Text ist, sondern mittlerweile in weiten Teilen der Kirche als Grundlage akzeptiert wird. Er soll künftig auch in der Priesterausbildung eine Rolle spielen - in der Hoffnung, dass der darin enthaltene missionarische Schwung die künftigen Seelsorger erfasst und mitreißt.
Offene Fragen bei der Synodalität
Etwas komplexer gestaltete sich das zweite Beratungsthema der Kardinäle, das unter dem Stichwort "Synode und Synodalität" auf die Tagesordnung kam. Hier hielt Synoden-Generalsekretär Mario Grech aus Malta die Einführung. Dabei wurde deutlich, wie sehr die Idee und die Methoden der synodalen Beratung die katholische Kirche jetzt schon prägen. Und das nicht nur auf der obersten Ebene der "Welt-Synode", die 2023 und 2024 jeweils im Oktober in Rom tagte, und an der erstmals auch Frauen stimmberechtigt teilnahmen.
Allerdings wurde ehrlicherweise festgestellt, dass der neue, synodale Beratungsstil in den verschiedenen Ländern, ja sogar in einzelnen Bistümern innerhalb eines Landes, noch sehr unterschiedlich angenommen und umgesetzt wird. Da müsse in manchen Ländern und Bistümern noch viel getan werden, war eines der Ergebnisse.
Noch keine Einigkeit bestand zudem in der Frage, welche Grundlage und welche Kompetenzen das für 2028 angestrebte neue Beratungsformat einer weltweiten "kirchlichen Versammlung" haben soll. Offenbar ist nicht ganz klar, wie die aus Lateinamerika stammende Idee von der Kirche als "Volk Gottes" verwirklicht werden soll, das in einer kirchlichen Versammlung berät und entscheidet.
Pragmatischer Papstvorschlag
Papst Leo XIV. machte sich laut Teilnehmern beim Konsistorium immer wieder Notizen. Am Ende der Versammlung setzte er mit einer langen Ansprache, die Konsens betonte und zugleich Aufbruchstimmung verbreitete, den Schlussakkord. Darin betonte er, dass die Kirche keinen Stillstand kenne: "Gott offenbart sich, und nichts kann unbeweglich bleiben." Das nächste Treffen der Kardinäle kündigte er für Ende Juni an. Es soll zunächst wiederum zwei Tage dauern.
Und künftig, so der Papst, wolle er jedes Jahr "einige Tage" mit den Kardinälen aus aller Welt beraten. Um möglichst vielen die Teilnahme zu ermöglichen, stellte er ganz pragmatisch eine finanzielle Unterstützung für jene Kardinäle in Aussicht, die sich eine mehrtägige Reise nach Rom nur mit Mühe leisten können. Die Kosten sollen künftig solidarisch von den Kardinälen aus reicheren Ländern mitfinanziert werden.