"Warmes Essen ist ein Luxus": Kiew im Ausnahmezustand
23.01.202611:39
Ukraine/Krieg/Hilfsorganisation/Strom/Winter
Bisher härtester Kriegswinter in der Hauptstadt der Ukraine zwischen Dunkelheit und Zusammenhalt - Caritas-Expertin in Kiew berichtet über das Leben mit Stromausfall, Kälte und wachsender humanitärer Not
Kiew, 23.01.2026 (KAP) Kiew erlebt derzeit den schwierigsten Winter seit Kriegsbeginn: Bei Temperaturen von minus 15 Grad Celsius und weniger fährt Russland seit Wochen eine beispiellose Angriffswelle gezielt gegen die Energieinfrastruktur der ukrainischen Hauptstadt - "um die Kälte als Waffe einzusetzen und die Bevölkerung zu zermürben. Denn wer die Grundbedürfnisse nicht mehr decken kann, gibt schneller auf, so das offensichtliche Kalkül", schilderte die vor Ort tätige Projektleiterin der Caritas-Spes Ukraine, Olena Voichyk, im Telefongespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress (Freitag). Ein großer Teil der ukrainischen Hauptstadt ist schon über Wochen praktisch ohne Strom.
Was den Menschen in Kiew am meisten zu schaffen macht, ist das Fehlen von Heizung und funktionierender Wasserversorgung. "Ohne Strom ist es schwierig, aber schaffbar. Dass dadurch auch Heizung und Wasser nicht funktionieren, ist jedoch besonders im Winter kaum auszuhalten", sagte Voichyk. Derzeit stünden die Oberlinienbusse still, die Metro fahre nur eingeschränkt, Kindergärten und Schulen wurden vom zentralen Heizsystem getrennt und selbst die Generatoren lieferten nur zeitweise Strom, aus Kostengründen. "Der Betrieb eines Generators für ein größeres Gebäude kostet 100 Euro pro Tag, was für viele unerschwinglich ist", so Voichyk.
In vielen anderen Teilen der Ukraine ist die Situation laut den Berichten derzeit besser als in der Hauptstadt, selbst im nur 30 Kilometer von der Frontlinie entfernten Charkiw gibt es Strom, Heizung und Warmwasser. Um der Kälte zu entkommen, haben seit Monatsbeginn laut Angaben der Behörden bereits 600.000 Menschen - ein Fünftel der Stadtbevölkerung - Kiew verlassen, um Zuflucht bei Verwandten außerhalb zu suchen und von dort via Homeoffice zu arbeiten, sofern möglich. Ihre baldige Rückkehr scheint ungewiss: Die Behebung der Schäden der jüngsten Zerstörungen dürfte mindestens bis Sommer dauern, hieß es vonseiten der Stadt.
Zelten in eigener Wohnung
Für diejenigen, die im weiter von Luftschlägen terrorisierten Kiew ausharren, macht die klirrende Winterkälte den Alltag zum Überlebenskampf. In unbeheizten Wohnungen trägt man bei Zimmertemperaturen um neun Grad Celsius Thermounterwäsche mit vielen Kleidungsschichten darüber, schläft mehr schlecht als recht mit Mützen, Handschuhen und in Schlafsäcken, baut dafür Zelte im Zimmer auf, so Voichyk über gängige Alltagstricks. Warmes Essen sei ein Luxus, Wasserkocher werden nur sparsamst mittels Powerbanks in Betrieb gesetzt, um Instant-Suppen, Kartoffelpüree oder Tee zuzubereiten, auch Campingkocher sind im Einsatz. Kommt stundenweise Strom ins Stadtviertel - oft erst nachts -, wird rasch gewaschen, gekocht, geputzt, geheizt und geladen, ehe wieder Dunkel einkehrt.
Maßnahmen gegen die Kälte laufen dennoch auf Hochtouren. Die Stadt und Hilfsorganisationen haben sogenannte Wärmepunkte eingerichtet: Beheizte Zelte, in denen man Tee trinken, Handys laden und sich aufwärmen kann. Auch kirchliche Stellen tun, was möglich ist. "Die Bischöfe haben alle Pfarren aufgerufen, ihre Türen zu öffnen und Nachbarn zu helfen", berichtete Voichyk, die selbst regelmäßig bei den Caritas-Suppenküchen aushilft. Dort sei der Andrang momentan enorm, von Obdachlosen als eigentliche Hauptklientel des Angebotes, zunehmend aber auch von Menschen, die einfach glücklich sind, einmal etwas Warmes zu bekommen. Versagen die Generatoren, können aber auch hier nur Sandwiches ausgeteilt werden.
Zu den am meisten gefährdeten Gruppen zählen ältere Personen. Viele können ihre Wohnungen schon seit Wochen nicht verlassen wegen der mit Eis und Kälte verbundenen Gefahren, doch auch der Ausfall der Aufzüge macht ihnen zu schaffen. "In Kiew sind die meisten Wohnhäuser 10 bis 25 Stockwerke hoch. Für Senioren, Familien mit kleinen Kindern oder Menschen mit Behinderungen ist das eine enorme Belastung", gab Voichyk zu bedenken. Zur täglichen Versorgung werde sonst oft auf Lieferdienste zurückgegriffen, die haben ihre Dienste momentan aber ebenso großteils eingestellt wie viele Cafés und Restaurants. Als Folge beobachtet Voichyk, dass Suppenküchen-Besucher öfters Mahlzeiten für Bekannte und Nachbarn mitnehmen.
"Der Zusammenhalt ist riesig"
Denn unverkennbar ist mit den Belastungen auch die gegenseitige Unterstützung in Kiew gewachsen. "Früher kannte man die Nachbarn nicht, man lebte sehr anonym. Jetzt hat jeder Wohnblock und jedes Viertel seine Chatgruppe. Wer wider Erwarten Strom oder warmes Wasser hat, bietet Handyladen, Wasserkochen oder Duschen in der eigenen Wohnung an oder hilft einander mit Lebensmitteln aus. Der Zusammenhalt ist riesig", so die Caritas-Projektleiterin. Eine Premiere seien auch Nachbarschaftsfeste: "Vielerorts werden in den Innenhöfen Lagerfeuer errichtet, man grillt gemeinsam, hört Musik und das fröhliche Singen und Lachen junger und alter Leute, auch Tiere wie Hunde und Katzen sind dabei. Das war vorher undenkbar. Viele Menschen, die sich vorher nicht kannten, sind in diesem Winter Freunde geworden."
Auch die länger werdenden Tage - "derzeit kommt das Tageslicht in Kiew um 6.30 Uhr" -, die Aussicht auf Frühling, der ukrainische Humor und kleine Zeichen von Normalität würden enorm helfen, um Tag für Tag den Schrecken des Kriegswinters zu überstehen, sagte die Caritas-Projektleiterin. Wichtig seien auch Hilfsangebote, so begrenzt in ihrem Ausmaß sie oft auch erscheinen, die humanitäre Unterstützung aus dem Ausland wie etwa Spendenaktionen für Generatoren sowie bereits das bloße Wissen darum, zum praktischen und auch psychologischen Durchstehen der Krise. "Solidarität gibt Hoffnung", so Voichyks Erfahrung.
Hoffnung liefern
Die Caritas und andere vor Ort tätige Hilfsorganisationen sind in der Rolle solcher Hoffnungsträger, und der Bedarf danach ist riesig. Finanzielle Mittel von Partnerorganisationen, Pfarren und Privatpersonen aus dem Ausland - auch aus Österreich - gehen im Moment außer in laufende Programme wie etwa Lebensmittelhilfe, Häuser-Instandsetzung oder Errichtung von "Child friendly spaces" vor allem in Dinge der Alltagsbewältigung: in Powerbanks, Notstromlösungen, LED-Lampen, Schlafsäcken, Feldbetten und Isomatten. Denn, so Caritas-Projektleiterin Voichyk: "Die Drohnen- und Raketenangriffe gehen weiter und zwingen uns nach wie vor, oft in Kellern, Tiefgaragen und U-Bahnstationen zu übernachten."
(Service: Honorarfreie Fotos zum Bericht stehen unter www.kathpress.at/fotos zum Download bereit)