Innsbrucker Theologin Quast-Neulinger: Christentum als "Scharnier" für autoritäre Ideologien benutzt - DÖW-Projektleiter Weidinger: Keine Pauschalverurteilung, aber klare demokratische Maßstäbe
Wien, 23.01.2026 (KAP) Christliche Inhalte und Anliegen werden nach Einschätzung der Innsbrucker Theologin Michaela Quast-Neulinger zunehmend von rechtsextremen Milieus aufgegriffen und politisch vereinnahmt. Der aktuelle Rechtsextremismusbericht des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW) zeige deutlich, dass religiöse Bezüge nicht bloß rhetorisch genutzt, sondern gezielt in ideologische Deutungsmuster eingebaut würden, so die Fundamentaltheologin gegenüber Kathpress. Unter dem Deckmantel des Christentums würden dabei Positionen propagiert, die Demokratie, Menschenrechte und -würde sowie wissenschaftliche Erkenntnisse infrage stellten. Für Kirchen und Theologie sei dies ein "Weckruf", blinde Flecken zu reflektieren und christliche Inhalte nicht extremistischen Deutungen zu überlassen.
Das DÖW-Kapitel unter den Titel "Christlicher Fundamentalismus" verstehe Quast-Neulinger daher als Aufforderung an Kirchen und kirchliche Verantwortungsträger, genauer hinzuschauen. Kirchliche Akteurinnen und Akteure dürften weder schweigen noch extremistischen Positionen unkritisch Öffentlichkeit und damit "Spielwiese" verschaffen. Die Stärke des Katholizismus liege in seiner Vielfalt, "aber dieser bunte Zoo braucht auch Schutz".
Aufgabe der Theologie sei es daher, berechtigte christliche Anliegen klar von rechtsextremen Vereinnahmungen zu unterscheiden, christliche Grundwerte zu verteidigen und deren Bedeutung für eine demokratische Zivilgesellschaft sichtbar zu machen, betonte die Innsbrucker Theologin.
Seit Jahren seien Überschneidungen zwischen religiös-rechten Milieus und christlichen Gruppen auf europäischer wie globaler Ebene empirisch gut belegt, so die Theologin mit Verweis auf religionssoziologische Forschung. Besonders hob sie Arbeiten der österreichischen Wissenschafterin Kristina Stoeckl hervor, die von einem "Plug-and-Play-Konservativismus" spreche. Dabei würden einzelne christliche Themen aus ihrem Zusammenhang gelöst und mit rechten Agenden vermischt. Die öffentliche Debatte verenge sich häufig auf Fragen wie Abtreibung oder LGBTI-Rechte, während zentrale Aspekte der christlichen Soziallehre - etwa Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit oder Demokratie - bewusst ausgeblendet würden.
Gerade darin liege die Gefahr, so Quast-Neulinger: Rechtsextreme Akteurinnen und Akteure würden bewusst an legitime christliche Anliegen andocken und diese als "Schaniere" nutzen, um für autoritäre bis ausgrenzende Positionen zu mobilisieren. Dadurch verschwimme die Grenze zwischen differenzierten innerkirchlichen Debatten und rechtsextremen Ideologien. "Auf der Strecke bleiben demokratische Prozesse, theologische Vielfalt und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Wirklichkeit", so die Theologin.
Als problematisch bezeichnete die an der Innsbrucker Universität lehrende Wissenschaftlerin zudem, dass dabei Theologien entstünden, die sich bewusst von den zentralen Grundlagen des Christentums entfernten. Als klare Orientierung nannte Quast-Neulinger das Lehramt der katholischen Kirche und das Zweite Vatikanische Konzil. Nationalismus, Rassismus, die Ablehnung bestimmter Gruppen, von Wissenschaft oder demokratischen Institutionen seien mit dem katholischen Glauben unvereinbar. Zugleich beobachteten Theologinnen und Theologen international eine wachsende Ablehnung des Zweiten Vatikanums, was innerkirchliche Spannungen weiter verschärfe. Teils würden von sogenannten neorechten christlichen Akteurinnen und Akteuren auch Bischöfe oder Theologinnen öffentlich diffamiert, "um die eigene wahre, richtige, verwurzelte Theologie zu unterstreichen".
DÖW: Keine Pauschalverurteilung
Ähnlich argumentierte auch Bernhard Weidinger, Projektleiter des Rechtsextremismusberichts am DÖW. Schon der Einleitungssatz des Kapitels mache deutlich, dass es um Phänomene gehe, "die nicht per se als rechtsextrem einzuordnen sind", sagte Weidinger im Interview mit Kathpress. Untersucht würden Berührungspunkte des sogenannten Rechtskatholizismus mit dem Rechtsextremismus sowie Randbereiche, die als rechtsextrem zu bewerten seien. Persönliche Glaubenspraxis, theologische Debatten oder demokratisches politisches Engagement aus religiöser Motivation seien nicht Inhalt des Kapitels.
Im Fokus stehe vielmehr religiös begründete politische Betätigung, die mit Grundelementen der österreichischen Demokratie - etwa Religionsfreiheit oder der Trennung von Kirche und Staat - in Konflikt gerate, ideologische Überschneidungen mit dem Rechtsextremismus aufweise oder Allianzen mit dessen Akteurinnen und Akteuren eingehe. Problematisch werde es insbesondere dort, wo religiöse Dogmen über die Verfassung gestellt würden.
Das bloße Eintreten für ein traditionelles Familienbild oder klassische Geschlechterrollen werde dabei explizit nicht als rechtsextrem eingestuft, betonte Weidinger. Solche Positionen könnten jedoch - etwa gemeinsam mit einer geteilten Ablehnung einer vermeintlichen "Islamisierung" oder von Homosexualität - Bündnisse zwischen rechtskatholischen Gruppen und rechtsextremen Milieus begünstigen. "Liberale Gesellschaftsentwürfe sollen zugunsten eines autoritären, dezidiert christlich geprägten Staates überwunden werden", heißt es dazu im Bericht.
Auch die Teilnahme an Demonstrationen wie den Märschen "fürs Leben" oder "für die Familie" sei nicht per se rechtsextrem, so Weidinger. Entscheidend seien jedoch Inhalte, Reden, Symbolik und mögliche Kooperationen. Wenn dort etwa Sterbehilfe mit nationalsozialistischen Medizinverbrechen verglichen, Demokratie als "Pöbelherrschaft" diffamiert oder zu einer religiös begründeten "Widerstandspflicht" gegen ihre Institutionen aufgerufen würde, sei Sensibilität geboten.
Als erstarkende Phänomene nannte Weidinger zudem den Neo-Integralismus sowie den Aufbau von Thinktanks und vermeintlich seriösen theologischen Instituten, die eine "Pseudo-Theologie" verbreiteten. Auffällig sei hierbei die zunehmende Internationalisierung von Netzwerken, etwa mit Verbindungen in die USA oder nach Südamerika.
"Eine Diffamierung von Christen oder christlicher Werte ist keineswegs Intention des Berichts", betonte Weidinger weiter. Ziel sei die Sensibilisierung für antidemokratische Tendenzen. Rechtsextremismus stehe in Österreich nicht mehr nur am Rand der Gesellschaft, sondern suche strategisch politische Anschlussfähigkeit. Gerade deshalb sei es wichtig, Übergangsräume, Resonanzräume und Kooperationslinien zwischen einer gesellschaftlichen politischen Mitte und Rechtsextremismus sichtbar zu machen. Die zentrale Frage bleibe: "Wie hältst du's mit der Demokratie?", so Weidinger.
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