Nach tödlichen Schüssen: Donald Trump im Gegenwind der US-Bischöfe
26.01.202614:58
USA/Kirche/Regierung/Gesellschaft
Kritik an US-Präsident so scharf wie nie - Hintergrundbericht von Bernd Tenhage
Washington, 26.01.2026 (KAP/KNA) Gewöhnlich vergehen Tage, bis sich die katholische Bischofskonferenz in den USA zu gesellschaftlichen Ereignissen und politischen Entwicklungen zu Wort meldet - wenn überhaupt. Vor allem zu Äußerungen und Entscheidungen von US-Präsident Donald Trump haben die Bischöfe bisher ohnehin meist lieber geschwiegen. Doch das ist nun anders: Keine 24 Stunden nach den tödlichen Schüssen auf den Krankenpfleger Alex Jeffrey Pretti veröffentlichte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Paul Coakley, eine Stellungnahme.
Zu lesen ist in dieser der Appell, "überall dort, wo der Frieden bedroht ist, Ruhe zu bewahren, sich besonnen zu verhalten und das menschliche Leben zu achten". Deutliche Worte richtete Coakley an Behörden. Diese trügen die Verantwortung, das Wohl der Menschen im Dienste des Gemeinwohls zu schützen - allerdings ohne die namentliche Erwähnung der Einwanderungsbehörde ICE.
Weiter befand Coakley: "Als Nation müssen wir im Dialog zusammenkommen und uns von entmenschlichender Rhetorik und Handlungen abwenden, die das menschliche Leben bedrohen."
Zweites Todesopfer in wenigen Wochen
Der 37-jährige Pretti war am Samstag von einem Bundesagenten der Grenzpolizei in Minneapolis erschossen worden. Er ist das zweite Todesopfer innerhalb von zwei Wochen. Anfang Jänner hatte ein ICE-Agent die unbewaffnete Mutter Renée Good in ihrem Auto getötet. Beide starben während der "Operation Metro Surge", für die Trump 3.000 vermummte Bundesagenten in die liberale Stadt geschickt hatte.
Die Umstände der Schüsse auf Pretti bleiben unklar. Bundesbehörden sprechen von Notwehr. Videoaufnahmen zeigen, wie ein Beamter dem am Boden liegenden Mann eine Waffe abnahm, kurz bevor Pretti erschossen wurde. Pretti besaß einen Waffenschein. Zeugen berichten, er habe einer Frau helfen wollen, die von ICE-Agenten attackiert worden war.
Auch in Minneapolis reagierte Erzbischof Bernard Hebda umgehend: Am Sonntag war die Kathedrale länger als gewöhnlich für all jene geöffnet, die einen ruhigen Ort der Besinnung suchten. Der Verlust eines weiteren Lebens inmitten der Spannungen, die Minnesota ergriffen haben, solle alle fragen lassen, was sie tun könnten, um den Frieden des Herrn wiederherzustellen, sagte er laut Mitteilung.
Solidarität mit Menschen ohne Aufenthaltsstatus
Hebda forderte außerdem dazu auf, die Herzen von Hass und Vorurteilen zu befreien. Das würde daran hindern, einander als Brüder und Schwestern zu sehen. "Das gilt für unsere Nachbarn ohne Aufenthaltsstatus ebenso wie für unsere gewählten Amtsträger und für die Männer und Frauen, die die schwere Aufgabe haben, unsere Gesetze durchzusetzen", so Hebda.
Die Kritik am Vorgehen der Einwanderungspolizei ist Teil einer zunehmenden Entfernung der US-Bischöfe von der Trump-Regierung. Bereits eine Woche zuvor hatten führende Kirchenvertreter die Außenpolitik des Präsidenten scharf kritisiert - ein bemerkenswerter Schritt, der zeigt, wie sich die Haltung der Kirche wandelt.
Militärisches Handeln nur in Extremsituationen
Die Kardinäle Blase Cupich (Chicago), Joseph Tobin (Newark) und Robert McElroy (Washington) nahmen in einer gemeinsamen Erklärung direkt Bezug auf Trumps Drohungen gegen Grönland und die Intervention der USA in Venezuela. "Wir lehnen Krieg als Instrument für enge nationale Interessen ab", hieß es. Militärische Aktionen dürften nur "als letztes Mittel in extremen Situationen gesehen werden, nicht als normales Instrument nationaler Politik".
Während der Vorsitzende der US-Bischöfe Coakley dem konservativen Flügel der US-Kirche angehört, galten die drei Kardinäle als enge Verbündete von Papst Franziskus. Sie nahmen am Konklave teil, das im Mai 2025 seinen Nachfolger Papst Leo XIV. wählte. Bemerkenswert ist, dass sich der konservative Erzbischof Timothy Broglio ihrer Kritik anschloss und teilweise weiterging.
Gewissensentscheidung über Gehorsam
Der ehemalige Vorsitzende der Bischofskonferenz und Leiter der Militärseelsorge sagte dem britischen Sender BBC, dass es für eine Invasion Grönlands keine moralische Rechtfertigung gebe. Er könne "keine Umstände erkennen, unter denen das der Fall wäre". Soldaten, die ungerechte Befehle erhielten, könnten diese verweigern. "Streng genommen wäre es moralisch akzeptabel, einen solchen Befehl zu verweigern", sagte Broglio. Die Aussage sorgte auch deshalb für Schlagzeilen, weil er als Seelsorger der US-Streitkräfte die Gewissensentscheidung über den militärischen Gehorsam stellte.
Bischofskonferenz-Vorsitzender Coakley: "Öffentliche Behörden haben insbesondere die Verantwortung, das Wohlergehen der Menschen im Dienste des Gemeinwohls zu schützen"