102.000 Menschen in Tirol armutsgefährdet - Rathgeb fordert hürdenfreie Förderungen und armutsfeste Gehälter
Innsbruck, 02.02.2026 (KAP) In Tirol sind laut Armutsbericht des Landes 102.000 Menschen armutsgefährdet. 27.000 Menschen gelten als "Working Poor" - sie arbeiten also Vollzeit und leben trotzdem unter der Armutsgrenze. Im reichen Land Tirol sei vielen Menschen gar nicht bewusst, dass ein Achtel der Bevölkerung in Armut lebe. Armut sei nicht sichtbar, betont die Tiroler Caritaspräsidentin Elisabeth Rathgeb im Interview mit der "Tiroler Tageszeitung" (2. Februar). "Armutsgefährdete Personen posten nicht in sozialen Medien, was sie alles erlebt haben. Denn sie haben kein Geld, um Ski zu fahren, ins Theater oder ins Kaffeehaus zu gehen." Auch Kinder und Jugendliche würden in sozialen Medien wie Instagram oder TikTok eher einem coolen Trend folgen, als den leeren Kühlschrank ihrer Familie zu posten.
Für Jugendliche, in deren Familien Geldsorgen herrschen, ist das Jugendzentrum "Space" eine Anlaufstelle. Hier gehen täglich rund 80 Jugendliche ein und aus. Dort sei das Thema kein Tabu. Immer mehr junge Menschen würden nachfragen, ob es etwas zu essen gibt. "Wenn der Sozialarbeiter dann nachfragt, geben die jungen Menschen sofort zu, dass nichts im Kühlschrank ist." Mittlerweile werde versucht, mit den Jugendlichen zusammen zu kochen.
Armut sichtbar machen
Ein zentrales Thema der täglichen Arbeit in der Caritas sei das Sichtbarmachen der Armut. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung komme das zu kurz. Aber auch die Caritas könne "nicht permanent Armut posten". "Obwohl die Thematik gerade in Zeiten von Künstlicher Intelligenz (KI) immer wichtiger wird", denn gerade eine künstlich intelligente Suchmaschine suche sich ihre Infos aus dem Internet. Informationen, die dort nicht vorhanden sind, werden ausgeblendet. "Es gibt also auch im Internet keine Armut", kritisiert Rathgeb.
Schon längst seien nicht mehr nur Arbeitslosigkeit, fehlende Versicherungszeiten während der Berufstätigkeit oder das Alleinerziehen von Kindern der Weg in die Armut. Sie sei bereits in der Mittelschicht angekommen. "Auch ganz viele Menschen mit einem relativ guten Einkommen schaffen es fast nicht mehr, ihre Miete zu zahlen", sagt Rathgeb. In den Beratungen der Caritas zeige sich, dass die Probleme zunehmend komplexer werden. Zu anhaltender Teuerung, hohen Mieten, teuren Lebensmitteln und massiven Stromkosten sei mittlerweile auch starke psychische Belastung dazugekommen. In der Beratung werde dann kurzfristig finanziell geholfen, aber auch daran gearbeitet, einen Finanzierungsplan aufzustellen.
Förderungen und armutsfeste Gehälter
Besonders problematisch für armutsgefährdete Menschen sei die Einschränkung von Förderungen, die von der Regierung wegen des Sparkurses verordnet wurden. So etwa der "Wohnschirm Energie", der helfen soll, wenn Heizungs- oder Stromabschaltungen drohen oder die Energie schon abgedreht wurde. "Mittlerweile muss man schon eine Vorschreibung auf eine Mahnung für die Energiekosten haben, um die Förderung zu bekommen", merkt Rathgeb kritisch an. Gerade in alten Wohnungen werde oft mit Strom geheizt, was die Kosten weiter befeuere. "Für den Umbau eines Heizsystems haben Menschen, die unter der Armutsgrenze (1.661 Euro) leben, natürlich kein Geld."
Ihrer Ansicht werde die Lohn-Preis-Spirale durch eine immer noch hohe Inflation weiter angetrieben. Es brauche daher grundlegende Maßnahmen wie armutsfeste Gehälter. Ob die jüngst von der Regierung geplante Mehrwertsteuersenkung wirklich entlasten könne, lasse sich noch nicht beurteilen. "Ich glaube, die großen Preistreiber müssen noch einmal intensiver in den Blick genommen werden", so Rathgeb.