Der Kirchengipfel von Papst und Moskauer Patriarch vor zehn Jahren in Kuba war eine ökumenische Sensation. Der Ukraine-Krieg löste eine neue Frostperiode aus. Aber das Tischtuch scheint nicht komplett zerschnitten. Von Johannes Schidelko
Vatikanstadt, 02.02.2026 (KAP) Es war ein historisches Ereignis: Zum ersten Mal kamen die Oberhäupter der römisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche zu einer persönlichen Begegnung zusammen. Zwar hatte Rom bereits beim Konzil 1964 Kontakte zur Orthodoxie und ihrem Ehrenvorsitzenden, dem Patriarchen von Konstantinopel, aufgenommen und rasch ausgebaut. Aber das Verhältnis zur größten orthodoxen Kirche, der von Moskau, blieb angespannt, wurde um die Jahrtausendwende sogar frostig.
Am Nachmittag des 12. Februar 2016 - vor zehn Jahren - kam dann aber doch ein Treffen von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill I. zustande. Mit reduziertem Protokoll und recht plötzlich: in Kuba, bei einem Zwischenstopp der beiden auf Reisen nach Lateinamerika.
Im Flughafengebäude von Havanna begrüßten sich die Kirchenführer herzlich, umarmten einander. Der Papst nannte den Patriarchen "Bruder" und bezeichnete die Begegnung als "Gottes Willen". Kyrill sagte, die Dinge seien nun einfacher. Zwei Stunden dauerte das private Treffen. Anschließend unterzeichneten beide eine gemeinsame 30-Punkte-Erklärung, hielten kurze Ansprachen. Nach vier Stunden verließen sie auf getrennten Wegen den historischen Gipfel.
Konsens bei großen Weltthemen
Bei der Begegnung ging es weniger um strittige theologische und rechtliche Fragen. Im Mittelpunkt standen die großen Weltthemen: Frieden, Gerechtigkeit, Umweltschutz. "Wir sind nicht Konkurrenten, sondern Geschwister", betonten die Geistlichen. Sie warnten vor der Gefahr eines neuen Weltkriegs und verlangten, dem Terrorismus ein Ende zu setzen. Sie forderten die Achtung von Religionsfreiheit und beklagten Einschränkungen in Europa durch einen aggressiven Säkularismus. Und zum Abschluss bekräftigten sie den Wunsch nach Kooperation und Wiederherstellung der christlichen Einheit.
Eine Verbesserung der Kirchenbeziehungen zu Russland stand schon länger auf der Vatikan-Agenda. Das war spätestens der Fall, seit mit Michail Gorbatschow im Dezember 1989 - drei Wochen nach dem Fall der Mauer - erstmals ein sowjetischer Parteichef den Papst besuchte und ihn nach Moskau einlud. Aber Pläne zum Gegenbesuch wie auch ein Treffen der Kirchenführer auf neutralem Boden scheiterten am "Njet" des russischen Patriarchats.
Plötzlicher Durchbruch
Dann kam der Durchbruch ganz plötzlich. Bald nach seinem Amtsantritt 2013 erklärte Papst Franziskus, er sei zu einem Treffen mit Kyrill "an jedem Ort zu jeder Zeit" bereit. Moskau griff den Faden auf. Und Kubas Staatschef Raúl Castro, der den Papst bereits zuvor zu einem dreitägigen Pastoralbesuch begrüßt hatte, bot sich als Gastgeber an. Das Gipfeltreffen konnte die belastete Atmosphäre zwischen dem Vatikan und der russischen Orthodoxie aufhellen. Es folgten Begegnungen, kultureller Austausch und gegenseitige Besuchsreisen von Jungpriestern.
Aber dieser Frühling währte nur kurz. Innerhalb der Orthodoxie brachen erhebliche Spannungen aus. Die Russen lehnten die Teilnahme am panorthodoxen Konzil 2016 auf Kreta ab. Zwei Jahre später klinkten sie sich auch aus der katholisch-orthodoxen Dialogkommission aus; allerdings liefen einige bilaterale Kontakte mit dem Vatikan weiter.
"Metaphysischer Kampf"
Dann änderte sich mit dem russischen Angriff auf die Ukraine fast alles. Der Moskauer Patriarch zeigte sich als enger Verbündeter des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Und als Kyrill den russischen Einmarsch gar als "metaphysischen Kampf" gegen das Böse aus dem Westen rechtfertigte, reagierte der Vatikan ökumenisch erschüttert. Die Beziehungen Roms zur russisch-orthodoxen Kirche hätten vor diesem Hintergrund "einen völlig anderen Charakter erhalten", sagte der für Ökumene zuständige Kurienkardinal Kurt Koch in einem Interview.
Dennoch will der Vatikan die Türen nicht zuschlagen. Der Dialog müsse weitergeführt werden, unterstreicht man seither im Vatikan. Und auch von der anderen Seite scheint das Tischtuch nicht komplett zerschnitten: Zur Totenmesse für Papst Franziskus und zum Amtsantritt von Leo XIV. entsandte das Moskauer Patriarchat einen Vertreter. Auch zur Heilig-Jahr-Feier in Rom kam ein russisch-orthodoxer Repräsentant. Und Ende Juli empfing der neue Papst den neuen Außenamtschef des Moskauer Patriarchats, Metropolit Antonij - ein Treffen, das detailliert vom vatikanischen Ökumene-Dikasterium begleitet wurde.
"Kein Leben ohne den anderen vorstellbar"
Im Vatikan hofft man, die weit gediehenen Planungen für eine Kunstausstellung in Moskau mit Leihgaben aus dem Vatikan, die durch den Ukraine-Krieg auf Eis gelegt wurde, wieder aufgreifen zu können. Man hoffe, dass "der Weg der aus dem Glauben geborenen Kultur und Kunst in nicht ferner Zukunft die Wiederaufnahme der Beziehungen des gegenseitigen Austauschs und der Zusammenarbeit ermöglicht", heißt es jetzt aus der Ökumene-Behörde. Denn "keiner von uns kann sich ein Leben ohne den anderen vorstellen, denn wir alle wollen Jünger des einen wahren Meisters und Herrn Jesus Christus bleiben".
So bleibt der Kirchengipfel von Kuba für den Vatikan ein historischer Moment, der nicht annulliert werden kann - eine "Etappe auf einem Weg, der hoffentlich immer intensiver werden kann".