Patriarch von Jerusalem übt Kritik internationalen Friedensplänen, die lediglich den Interessen der Großmächte dienten
Rom, 07.02.2026 (KAP) Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, hat die tiefe Zerrissenheit zwischen Israelis und Palästinensern geschildert. Frieden und Versöhnung drohten zu leeren "Slogans" zu werden, wenn sie nicht durch sichtbare Zeichen und mutige politische Visionen untermauert würden, so Pizzaballa in einer Rede in Rom, wie Radio Vatikan am Samstag berichtete.
Anlässlich des 800. Todestages des Heiligen Franziskus sprach Pizzaballa in der römischen Kirche San Francesco a Ripa über die beispiellose Gewalt seit dem 7. Oktober. "Die Wunden sind noch immer tief, die Bevölkerung ist orientierungslos und die politische Führung schwach", konstatierte der Kardinal. Es fehle eine klare Zukunftsvision, in der der jeweils andere als Nachbar akzeptiert werde. Die Beziehung sei schlichtweg "zerbrochen".
Der Patriarch berichtete über seine vier Besuche in der Trümmerwüste von Gaza während der Kampfhandlungen. Während er im Mai 2024 noch in "terrorisierte Augen" geblickt habe, sei im Juli 2025 der schwierigste Moment gefolgt. Kurz nach der Tötung von drei Menschen in der Pfarrei der Heiligen Familie besuchte er das Gebiet erneut: "Ich war von den Gerüchen der Zerstörung und des Todes schockiert. Ich werde sie nie vergessen."
Bei seinem jüngsten Besuch kurz vor Weihnachten habe er jedoch auch erste Zeichen von Hoffnung bemerkt. Trotz des unermesslichen Leids hätten viele Menschen begonnen, ihr Leben mit großer Würde zurückzufordern. Die Kirche habe ihre Hilfe mittlerweile von reinen Lebensmitteln auf lebensnotwendige Medikamente wie Antibiotika ausgeweitet.
Recht auf eigenen Staat
Skepsis äußerte Pizzaballa gegenüber internationalen Friedensplänen, die lediglich den Interessen der Großmächte dienten, ohne die Rechte des palästinensischen Volkes effektiv anzuerkennen. Er betonte: "Die Palästinenser haben das Recht, sich als Volk zu fühlen und einen eigenen Staat zu haben." Dies festzustellen, sei ein Akt der Gerechtigkeit.
Gleichzeitig warnte der Patriarch davor, die Deutungshoheit den Extremisten zu überlassen - seien es die Hamas oder radikale Siedler. Er kritisierte die zunehmende Gewalt im Westjordanland, wo das christliche Dorf Taybeh erneut Ziel von Übergriffen wurde. Christen würden dort, wie Muslime auch, ihrer Ländereien beraubt und an der Arbeit gehindert.
"Kein Drama, eine Minderheit zu sein"
Für die christliche Gemeinschaft im Heiligen Land, deren Zahl seit 1990 dramatisch gesunken ist, sieht Pizzaballa eine besondere Mission. Allein aus Bethlehem seien seit Kriegsbeginn rund einhundert Familien ausgewandert. "Es braucht großen Mut zu bleiben", räumte er ein. Dennoch sei es kein Drama, eine Minderheit zu sein, solange man eine "schöne und große Botschaft" zu kommunizieren habe. Er erinnerte daran, dass er sich selbst als Geisel im Austausch für die Gefangenen in Gaza angeboten hatte - eine Antwort, die für ihn aus seinem Glauben heraus "natürlich" gewesen sei.
Abschließend richtete der Kardinal eine deutliche Bitte an die Weltkirche: "Es ist Zeit zurückzukehren. Schluss mit den Notfällen, es ist Zeit für Mut." Jerusalem und Bethlehem seien sicher für Pilger. Die physische Präsenz der Weltkirche sei nun entscheidend, um den lokalen Christen zu zeigen, dass sie nicht allein sind, und um gegenüber Israelis und Palästinensern zu bezeugen: "Auch wir haben hier unsere Wurzeln."
Im Rahmen der Veranstaltung wurde zudem eine Spendenaktion der "Fondazione Italia per il dono" gestartet. Das Projekt "Christian Women and Youth Empowerment" soll die Beschäftigung und das Unternehmertum junger Christen in Jerusalem fördern, um der Abwanderung entgegenzuwirken.