Neuer Erzbischof von Prag lädt Missbrauchsopfer zum Gespräch
08.02.202611:05
Tschechien/Kirche/Missbrauch/Bischöfe/Pribyl
Initiative von Erzbischof Pribyl kann als Signal für einen Neuanfang verstanden werden und die Aufarbeitung sexueller Gewalt durch Geistliche und kirchliche Verantwortungsträger voranbringen - Kathpress-Hintergrundbericht von Pavel Mikluscak
Prag, 08.02.2026 (KAP) Noch kaum im Amt, setzt der neue Erzbischof von Prag, Stanislav Pribyl (54), ein deutliches Zeichen: Er will sich zeitnah mit Betroffenen von Missbrauch durch kirchliche Amtsträger in der Tschechischen Republik treffen. Laut Beobachtern sei das ein Schritt, der über reine Antrittsrituale hinausgeht und als Signal für einen Neuanfang verstanden werden könnte.
Pribyl, zuvor Bischof von Litomerice und Vizepräsident der Tschechischen Bischofskonferenz, übernahm Anfang Februar das Amt des Erzbischofs von Prag und damit die Leitung der größten und symbolträchtigsten katholischen Diözese des Landes. Er gilt als Vertreter eines dialogorientierten und versöhnlichen pastoralen Stils, der in der stark säkularisierten tschechischen Gesellschaft Anknüpfungspunkte sucht.
Das geplante Treffen mit Missbrauchsopfern ist aus mehreren Gründen brisant: Zum einen wäre es eines der ersten inhaltlichen Zeichen seiner Amtsführung - lange bevor kirchenpolitische Prioritäten oder strukturelle Reformen offiziell definiert sind. Zum anderen berührt es ein Thema, das die Kirche international wie lokal zunehmend unter Druck bringt: die Aufarbeitung sexueller Gewalt durch Geistliche und kirchliche Verantwortungsträger.
In Tschechien gibt es keine breite Tradition öffentlicher Treffen zwischen Bischöfen und Missbrauchsopfern, wie sie etwa in einigen westeuropäischen Ländern in den letzten Jahren stattgefunden haben. Ein derartiges Spitzentreffen wäre daher ein relativ neues Phänomen in der tschechischen Kirche.
Der zuvor amtierende Prager Erzbischof und Kardinal Dominik Duka (gest. 2025) hatte in der Vergangenheit mehrfach die Kritik auf sich gezogen, den Umgang mit sexuellem Missbrauch und die Erwartungen von Opfergruppen nicht ausreichend ernst genommen zu haben. Bekannt ist, dass Duka 2019 einem Treffen mit einigen Missbrauchsopfern zugestimmt hatte, nachdem er zuvor den kirchlichen Skandalen eher defensiv begegnet war. Über Jahre hinweg war Duka durch Aussagen kritisiert worden, die Opferfragen als "Angriffe auf die Kirche" umgedeutet oder die Zahl der belegbaren Fälle kleingerechnet haben. Diese Haltung führte zu einer spürbaren Verstimmung zwischen Teilen der Opfergemeinschaft und kirchlicher Führung.
Die Tschechische Bischofskonferenz verhandelte das Thema Missbrauch über weite Strecken intern. Nach der Plenarsitzung im Jänner 2026 wurde lediglich betont, dass das Thema "ein ernstes pastorales Anliegen" sei und man "den Schutz von Minderjährigen und Schutzbefohlenen innerhalb der Kirche priorisieren" wolle. Offizielle Erklärungen der Konferenz zur konkreten Form des Dialogs mit Betroffenen blieben jedoch eher allgemein. Öffentliche, systematische Treffen oder strukturierte Dialogprozesse zwischen Bischöfen und Überlebenden waren bislang nicht etabliert. Die Initiative des neuen Erzbischofs könnte diesen Status quo deutlich verändern.
Forderungen an Kirche und Staat
Vertreter von Missbrauchsopfern haben sich in den letzten Wochen öffentlich zu Wort gemeldet und richten ihre Forderungen nicht nur an die Kirche, sondern auch an den Staat. In einem offenen Brief an den tschechischen Präsidenten Petr Pavel, der anlässlich dessen Besuchs im Vatikan im Jänner 2026 an die Tschechische Nachrichtenagentur (CTK) übergeben wurde, baten acht Opfervertreter Pavel, das Thema Missbrauch klar beim Treffen mit Papst Leo XIV. anzusprechen. Ihr Brief an Präsident Pavel war dabei nicht nur ein Appell, das Thema beim Papstbesuch anzusprechen, sondern auch eine offene Kritik an mangelnder staatlicher Unterstützung und fehlender Transparenz im Umgang mit Missbrauchsfällen innerhalb der Kirche.
Diese Forderung erhielt zusätzliche öffentliche Aufmerksamkeit, weil sie aufzeigt, dass für viele Betroffene nicht nur die kirchliche, sondern auch die gesellschaftliche Anerkennung ihres Leidens wichtig ist und eine klare politische Positionierung als ein Signal der Solidarität mit Überlebenden verstanden werden könnte.
In diesem Sinne hat Präsident Pavel am 5. Februar 2026 zum ersten Mal Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche auf der Prager Burg empfangen, darunter auch Betroffene aus der Slowakei. Die Opfer lobten seinen menschlichen und sachlichen Ansatz. Die Opfer-Vertreterin Jirina Kocí lobte: "Wir schätzen, dass er sich offen für die Opfer eingesetzt hat und nach unseren Schicksalen fragte, auch beim Papst im Vatikan." Pavel sagte klar: "Respekt vor der menschlichen Würde und die Unakzeptierbarkeit jeglicher Form von Gewalt gehören zu den Grundwerten unserer Gesellschaft." Die Gäste würdigten Pavels Interesse, seine menschliche Haltung und seinen Plan, das Thema gemeinsam mit dem neuen Prager Erzbischof Stanislav Pribyl anzugehen.
In einer Gesellschaft wie der tschechischen, die zu den säkularsten in Europa zählt, wird der katholischen Kirche oft vorgeworfen, interne Probleme nicht transparent genug aufzuarbeiten. Das Thema Missbrauch wird dabei nicht nur als kircheninternes Problem verstanden, sondern als gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die Vertrauen und Glaubwürdigkeit betrifft. Das geplante Opfertreffen könnte daher auch über kircheninterne Zielgruppen hinaus Resonanz erzeugen und Debatten über die Verantwortung religiöser Institutionen in der modernen Gesellschaft befördern.
Der Schritt von Erzbischof Stanislav Pribyl, Betroffene sexueller Gewalt zu Gesprächen einzuladen, kann als ein bewusst gesetztes Zeichen gewertet werden: Er signalisiert Offenheit, Dialogbereitschaft und die Bereitschaft, schmerzhafte Themen nicht länger nur intern zu verwalten, sondern öffentlich anzugehen.