Fachkonferenzen in Merida und Mexiko-Stadt beleuchten verdrängten Krieg zwischen Regierung und Kirche vor 100 Jahren, der Hunderttausenden das Leben kostete
Mexiko-Stadt, 10.02.2026 (KAP) Ein bisher kaum behandeltes Kapitel der Geschichte Mexikos und auch der katholischen Kirche wird 100 Jahre später aus der Tabuzone geholt: Der Cristero-Krieg der Jahre 1926 bis 1929, in dessen erbitterten Kämpfen zwischen Truppen der mexikanischen Regierung und katholischen Laien, die sich gegen die Repression mit Waffengewalt wehrten, an die 200.000 Menschen ums Leben kamen. Eine Expertenkonferenz an der Autonomen Nationaluniversität von Mexiko-Stadt (UNAM) sowie eine Vortragsreihe in der Stadt Merida mit dem Geschichtsphilosophen Javier Olivera Ravasi waren vergangene Woche um historische Aufklärung bemüht.
Anlass des Krieges waren die 1926 von Präsident Plutarco Elías Calles erlassenen antikirchlichen Gesetze ("Ley Calles"), die öffentliche Religionsausübung massiv einschränkten und die katholische Kirche unter staatliche Kontrolle stellten. Gottesdienste, religiöser Unterricht und kirchliche Organisationen wurden verboten oder streng reguliert, Priester verfolgt und kirchliches Eigentum entzogen. Nach der Aussetzung öffentlicher Messen durch die Bischöfe und zunehmender staatlicher Repression radikalisierte sich der Konflikt. Für große Teile der katholischen Bevölkerung bedeuteten die Maßnahmen einen existenziellen Eingriff in ihre Grundrechte, ihren Glauben und ihre Identität.
Der offene Krieg dauerte bis 1929 und wurde vor allem von Laien, Bauern und Dorfgemeinschaften getragen, die als "Cristeros" bewaffnet gegen den Staat kämpften und sich mit dem Ruf "¡Viva Cristo Rey!" identifizierten. Ihnen stand die mexikanische Regierung mit regulären Streitkräften gegenüber, die militärisch überlegen war und mit harter Gewalt reagierte. Seitens der Kirche war die Reaktion uneins, wie Ravasi bei der Konferenz in Merida darlegte: Viele Bischöfe hätten aus Vorsicht oder Loyalität gegenüber Rom die offene Unterstützung des Widerstands vermieden, wiewohl sich viele Priester anschlossen und in Folge zumeist selbst den Tod fanden.
Gefährliches Schweigen
Es sei wichtig, Bewusstsein für die Cristero-Kriege zu schaffen, sagte Olivera, allen voran in Mexiko selbst: Um alte Wunden nicht neu zu öffnen, sei über die Geschehnisse fünf Jahrzehnte lang ein Mantel des Schweigens gebreitet worden, "von der Regierung ebenso wie von der Kirche, da beide vereinbarten, das Thema nicht mehr zu behandeln". Auch in der Nachwirkung dieses Krieges, bei dem die katholische Laienbewegung den katholischen Glauben ohne Kalkül, sondern vorrangig aus religiösen Motiven ihr Land verteidigte, sei das Schweigen zum zentralen Element geworden. Olivera sprach von einem erheblichen "historischen und moralischen Schaden", der dadurch entstanden sei.
Ausgeblendet werde von der bisherigen Geschichtsschreibung auch, dass sich der Cristero-Krieg nicht auf die drei Jahre seiner offiziellen Dauer - von 1926 bis 1929 - beschränkte. Entgegen der Vereinbarungen habe auch danach das Morden an ehemaligen "Cristeros" und die Repression an jenen, die ihren Glauben verteidigten, auch viele Jahre später noch nicht aufgehört, so Olivera. Die notwendige heutige Auseinandersetzung mit dem Cristero-Krieg sei auch für die Gewissensbildung heutiger Christen wichtig, betonte der argentinische Priester und Historiker, der zu dem Thema schon seit seiner Dissertation in den 1990er-Jahren forscht.
Ungeschehen habe die lange Nicht-Erwähnung die Ereignisse dennoch nicht gemacht, vielmehr habe sich "das Blut der Märtyrer dauerhaft in das religiöse Gedächtnis Mexikos eingeschrieben". Einige herausragende, im Krieg ermordete Persönlichkeiten seien in den jüngsten Jahrzehnten von der katholischen Kirche als Selige und Heilige anerkannt worden: Olivera erwähnte hier Anacleto G. Flores und seine Gefährten, die Priester Pedro Esqueda und Miguel Agustín Pro sowie schließlich als jüngsten der Runde den erst 14-jährigen José Sánchez del Río.
Diskussion über Recht auf Widerstand
Bei einer weiteren zweitägigen Konferenz an der UNAM in Mexiko-Stadt beleuchteten Experten aus neun Ländern unter anderem die historischen Hintergründe des Konflikts, das Recht auf Widerstand, die Rolle der beteiligten Frauen, das politische und religiöse Denken der "Cristeros" und die Haltung des Vatikans. Auch die weiteren Entwicklungen des politischen Katholizismus in Mexiko und Lateinamerika sowie der Wandel des US-amerikanischen Katholizismus wurden dabei diskutiert, organisiert von der Madrider Forschungsvereinigung Felipe II, der Internationalen Vereinigung Katholischer Juristen mit Sitz in Rom sowie Politologen der Föderation katholischer Universitäten. Ein Sammelband mit den Beiträgen soll im Laufe des Jahres erscheinen.
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