Krisengespräch am Donnerstag im Vatikan - Hintergrundbericht von Kathpress-Rom-Korrespondent Ludwig Ring-Eifel
Vatikanstadt, 10.02.2026 (KAP) Lange war es still um die Traditionalisten der Piusbruderschaft. Noch 2009 sorgte die aus mehreren hundert Priestern in allen Erdteilen bestehende Vereinigung, die auf den 1988 exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) zurückgeht und mit Rom nicht in voller Gemeinschaft steht, für einen weltweiten Skandal. Damals hatte Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation von vier Bischöfen der Priesterbruderschaft St. Pius X. aufgehoben und dabei übersehen, dass einer von ihnen, der inzwischen verstorbene englische Bischof Richard Williamson, ein Holocaust-Leugner war.
Der Skandal und der unbeholfene Umgang des Papstes damit markierten seinerzeit den Anfang vom Niedergang des später durch Rücktritt beendeten Pontifikats. Papst Leo XIV. ist also gewarnt, wenn der Obere der Bruderschaft, der italienische Geistliche Davide Pagliarani (55), am Donnerstag den Präfekten der vatikanischen Glaubensbehörde, Kardinal Víctor Fernández, in Rom trifft.
Der 2018 an die Spitze der weltweiten Priestervereinigung gewählte Pagliarani hat das Treffen gewissermaßen erzwungen. Er wandte sich mit einem Brief an den Papst, in dem er um eine Audienz bat. Als er keine befriedigende Antwort auf seine Forderungen erhielt, verkündete er den 1. Juli als Termin für neue Bischofsweihen. Daraufhin erhielt er von Kardinal Fernández eine Einladung zu einem Gespräch in den Palast, in dem auch Papst Leo XIV. wohnt. Ein Treffen mit dem Kirchenoberhaupt stellte Fernández allerdings nicht in Aussicht.
Keine Angst vor Kirchenstrafen
In einem langen Interview erklärt Pagliarani in der vergangenen Woche, dass man auf die Bischofsweihen nicht verzichten könne. Denn ohne Bischöfe sind für die Piusbrüder keine weiteren Priesterweihen möglich - und ihre Seminare sind voll von jungen Männern, die sich auf das geistliche Amt vorbereiten.
Selbst erneute Kirchenstrafen fürchte man nicht, sondern werde sie geduldig ertragen, erklärte der aus Rimini stammende Geistliche. 2018 führte er schon einmal ein Gespräch in der Glaubensbehörde, seinerzeit noch mit dem Präfekten Luis Ladaria. Wie schon die vielen Verständigungs-Anläufe unter seinem Vorgänger, dem Schweizer Bernard Fellay, blieb auch dieser Termin des Pius-Oberen im Vatikan ohne konkretes Ergebnis.
Die Piusbruderschaft als Reservat?
Diesmal will Pagliarani, wie er sinngemäß erklärte, dem Vatikan eine Art Stillhalte-Abkommen vorschlagen. Rom solle, so die Quintessenz seiner Ausführungen, die Piusbruderschaft als eine Art Reservat des vorkonziliaren Glaubens dulden, bis vielleicht eines Tages ein Papst auf die Traditionalisten zugehen und ihnen eine neue Rolle in der Kirche zuerkennen werde. Er selbst glaubt, dass die Bruderschaft als Hüterin des vom modernistischen Zeitgeist unverfälschten Glaubens und der dazugehörigen Liturgien einen unverzichtbaren Dienst für die gesamte Kirche leiste.
O-Ton Pagliarani: "Wir bieten der Kirche nicht ein Museum alter und verstaubter Dinge dar, sondern die Tradition in ihrer Fülle und Fruchtbarkeit, die Tradition, welche die Seelen heiligt und verwandelt, Berufungen und wahrhaft katholische Familien hervorbringt. Anders gesagt: Gerade für den Papst als solchen bewahren wir diesen Schatz bis zu dem Tag, an dem man seinen Wert wieder verstehen wird und an dem ein Papst sich seiner zum Wohl der ganzen Kirche bedienen will." Andere Gruppen, wie die von Rom offiziell eingerichtete Petrusbruderschaft können nach Meinung Pagliaranis diesen Dienst nicht leisten, da sie immer wieder zu Kompromissen mit der "Kirche des Konzils" gezwungen seien.
Ein Dilemma für den Papst
Papst Leo XIV. ist mit dem Anspruch angetreten, Polarisierungen in der Kirche zu überwinden und Einheit zu stiften. Angesichts der Sturheit der Piusbrüder steht er erstmals in seinem Pontifikat unter Handlungszwang und vor einem echten Dilemma. Akzeptiert er den von Pagliarani aufgezeigten Weg, läuft er Gefahr, als Freund der Ewiggestrigen in der Kirche zu gelten - so wie einst Benedikt XVI. Beharrt er hingegen mit Fernández auf dem Weiheverbot, wird er als Papst des erneuten Schismas mit den Traditionalisten in die Geschichte eingehen. Diesen Bruch hatte sogar Papst Franziskus gescheut.