Zwischen der Piusbruderschaft und dem Vatikan standen die Zeichen auf Sturm: Weil die Traditionalisten neue Bischofsweihen gegen den Willen des Papstes ankündigten, schien ein Bruch nahe - Doch nun ist alles anders - Von Kathpress-Rom-Korrespondent Ludwig Ring-Eifel
Vatikanstadt, 12.02.2026 (KAP) Die Sensation aus Rom kam auf leisen Sohlen daher: Als "nützliche Information" verbreitete das vatikanische Presseamt am Donnerstag eine Erklärung des Präfekten des Glaubensdikasteriums. Das ist im Ranking der Vatikan-Mitteilungen die niedrigste Stufe. Und doch hatte es das Kommuniqué von Kardinal Víctor Fernández in sich. Anders als viele Beobachter vermutet hatten, war sein Austausch mit dem Oberen der Priesterbruderschaft St. Pius X., Davide Pagliarani, offenbar weit mehr als ein Wiederholen bekannter und unvereinbarer Positionen.
Und das, obwohl die Gesprächspartner gegensätzlicher kaum sein konnten. Der argentinische Kardinal gilt als ein Vertreter des Denkens von Papst Franziskus. Wegen seiner Öffnung bei der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und wegen seiner Ablehnung der Formel, dass Maria eine "Miterlöserin" sei, ist Fernández für katholische Traditionalisten ein rotes Tuch.
Und sein Gegenüber bei dem Krisentreffen, der 2018 gewählte Generalobere der Piusbruderschaft, gilt als "Tradi-Hardliner". Anders als seine Vorgänger hat Pagliarani noch nie in voller Einheit mit Rom gearbeitet. Er wurde 1996 zum Priester geweiht, als die Exkommunikation der Bischöfe der Traditionalisten-Vereinigung längst in Kraft war. Er gilt als noch unnachgiebiger als sein Vorgänger, Bischof Bernard Fellay. Der hatte unter Papst Benedikt XVI. (2005-2013) den Verhandlungspoker zwischen der Bruderschaft und dem Vatikan geführt, doch am Ende gab es damals keine tragfähige Einigung.
Fernández zeigte sich dialogbereit
Trotz alldem scheinen der Glaubenspräfekt und der Traditionalisten-Obere nun eine Gesprächsbasis gefunden zu haben. Offenbar hat sich Kardinal Fernández bei dem Treffen das zu Herzen genommen, was ihm einst bei seinem Amtsantritt Papst Franziskus (2013-2025) für den Umgang mit Abweichlern von der kirchlichen Lehre ans Herz legte: Nicht auszugrenzen und zu verdammen, sondern den Dialog zu suchen und Brücken zu bauen.
In dem Dialog soll es, so Fernández in seiner Erklärung, um Themen gehen, die schon bei früheren Verhandlungsrunden Gegenstand waren. Da sind zum einen dogmatische Fragen, die das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) und seine Reformbeschlüsse betreffen. Hier könnte Fernández, der aus der Tradition der Scholastik kommt, flexibler argumentieren als seine Vorgänger.
Die Idee der abgestuften Zustimmung
Konkret geht es darum, dass manche Beschlüsse des Konzils, die lediglich "Erklärungen" sind, weniger verbindlich sind, als die vom Konzil verkündeten "dogmatischen Konstitutionen". Zu den bloßen Erklärungen gehören etwa die Konzilstexte zur Religionsfreiheit oder zur Anerkennung der anderen Religionen. Sie werden von den Piusbrüdern besonders scharf abgelehnt. Denkbar wäre, dass Rom von ihnen nur ein öffentliches Bekenntnis zu den verbindlichen, "großen Texten" des Konzils verlangt.
Sollte es eine Einigung in diesen Fragen geben, müsste als Nächstes der rechtliche Status für die Piusbruderschaft erörtert werden. Bisher ist sie kirchenrechtlich ein "Nullum", das bloß faktisch existiert und durch seine mehr als 700 Priester und über 250 Seminaristen weltweit eine gewisse Dynamik erzeugt. Das Kirchenrecht ist aber flexibel genug, um auch dieser Vereinigung einen Status zu geben - etwa den einer "Personalprälatur" wie beim Opus Dei.
Generalrat der Piusbrüder ist am Zug
Doch bevor theologische und kirchenrechtliche Fragen erörtert werden können, müssen die Piusbrüder erst darüber entscheiden, ob sie die Brücke betreten wollen, die ihnen Fernández gebaut hat. Darüber kann der dreiköpfige "Generalrat" der Bruderschaft entscheiden, der sich dafür aber auch mit anderen Mitgliedern beraten wird.
Unter ihnen gibt es neben Hardlinern auch solche, die eine erneute Exkommunikation durchaus fürchten, wie Bischof Fellay unlängst in einer Predigt andeutete. Sie könnten darauf drängen, eine neue Verhandlungsrunde anzustreben und deshalb die angekündigten Bischofsweihen erst einmal auszusetzen. Genau das hat der Glaubenspräfekt dem Oberen vorgeschlagen.
Eine echte Notlage besteht aus Sicht der Gemäßigten in der Bruderschaft derzeit nicht. Denn die beiden noch lebenden Bischöfe der Piusbrüder sind unter 70 und haben etliche Jahre Zeit, bevor die biologische Uhr sie zwingt, durch neue Weihen die Fortsetzung ihrer Bischofslinie abzusichern. Darin unterscheiden sie sich von ihrem Gründervater Marcel Lefebvre (1905-1991), der schon 82 war, als er diesen Schritt ging, und der wenige Jahre später als exkommunizierter Erzbischof starb.