Geschäftsführer von Christian Solidarity International-Deutschland, Fuchs, nach Lokalaugenschein in Armenien: Premierminister Paschinjan versucht in inakzeptabler Weise, in die Kirche hineinzuregieren - Negative Auswirkungen auf die Mitte nächster Woche in St. Pölten geplante armenische Bischofsversammlung - Jüngste Ankündigung von Premier Paschinjan könnte auch Ausreiseverbot für Katholikos Karekin II. bedeuten
Würzburg/St. Pölten, 14.02.2026 (KAP) Der deutsche Experte für Menschenrechte und Religionsfreiheit, Pfarrer Peter Fuchs, sieht die Religionsfreiheit in Armenien ernsthaft gefährdet. Der Geschäftsführer von Christian Solidarity International-Deutschland hat vor Kurzem Armenien besucht. Im Interview mit der "Tagespost" sprach er davon, dass der armenische Premierminister Nikol Paschinjan in inakzeptabler Weise versuche, in die Kirche hineinzuregieren. Das habe auch sehr negative Auswirkungen auf die Mitte nächster Woche in St. Pölten geplante armenische Bischofsversammlung.
Fuchs: "Man sieht im Hinblick auf die Wahlen im Juni schon jetzt, dass das Land tief gespalten ist. Es gibt großen Hass in der Gesellschaft: Die einen sind für, die anderen gegen Premierminister Nikol Paschinjan, das hat zu einer großen Zerrissenheit geführt. Diese Zerrissenheit reicht bis in die Familien hinein." Derzeit eskaliere die Lage, "weil seitens der Regierung Paschinjan gezielt eskaliert wird", so Fuchs.
Seit Monaten tobt in Armenien ein heftiger Konflikt zwischen der Kirchenleitung und der Regierung, personifiziert in den Personen des Kirchenoberhaupts Katholikos Kareki II. und Ministerpräsident Paschinjan. Karekin II. ist bereits seit vielen Jahren mit dem Kurs des Regierungschefs unzufrieden; vor allem im Blick auf Berg-Karabach (Artsach). Der Katholikos machte Paschinjan für die Vertreibung von mehr als 100.000 Armeniern aus Berg-Karabach nach dem verlorenen Krieg gegen Aserbaidschan im Herbst 2023 mitverantwortlich. Paschinjan wiederum wirft dem Kirchenoberhaupt ebenfalls Landesverrat, zu enge Beziehungen zu Russland sowie die ungerechtfertigte Einmischung in die Politik vor.
Die armenischen Behörden gehen seit vielen Monaten mit harter Hand gegen die Kirche vor. Einige Bischöfe sind bereits in Haft. Die armenische Kirchenleitung wehrt sich vor allem durch die Absetzung von Bischöfen, die gemeinsam mit der Regierung gegen Karekin II. auftreten. Zehn Bischöfe sind in dieser Richtung gemeinsam mit dem Premierminister aktiv.
Die zehn oppositionellen Bischöfe seien aber eine kleine Minderheit, so Fuchs: "In Armenien spricht man offen darüber, dass diese Bischöfe, die sich Paschinjan angeschlossen haben, in irgendeiner Weise erpressbar seien oder schwierige Situationen aushalten müssten." Interessant sei, dass der Bischof von Arzach noch im Vorjahr dafür eintrat, die Rechte der Menschen aus Arzach zu verteidigen, und ablehnte, mit Paschinjan zusammenzuarbeiten. Jetzt gehöre er zu diesen zehn Bischöfen.
Er wolle die innerkirchlichen Spannungen und Kontroversen eigentlich gar nicht beurteilen, so Fuchs. Aber es dürfe nicht sein, "dass der Premierminister in die Kirche hineinregiert". Es gehöre wesentlich zur Religionsfreiheit, "dass die Kirche gegenüber dem Staat autonom ist und ihre inneren Angelegenheiten selbst regelt, also nicht vom Staat beeinflusst wird". Das große Problem sei, so Fuchs, "dass Paschinjan sich die Armenisch-Apostolische Kirche als Staatskirche wünscht, die völlig in die staatlichen Interessen und Ziele eingebunden ist". Das würde die Autonomie der Kirche beschränken.
Bischofsversammlung in St.Pölten
Katholikos Karekin II. hat für Mitte Februar eine Bischofsversammlung in St. Pölten angekündigt, da eine derartige Versammlung in Armenien selbst nicht möglich erscheint. Die Gegner der armenischen Kirchenleitung formieren sich nun aber auch international und versuchen, die geplante Bischofsversammlung zu verhindern. Vorwürfe, dass eine solche Versammlung außerhalb Armeniens unrechtmäßig wäre, wurden von offizieller kirchlicher Seite freilich deutlich zurückgewiesen.
Sechs Bischöfen, die dem Hohen Geistlichen Rat, und damit dem höchsten ständigen Gremium der Kirche angehören, dürfen nun aber Armenien nicht verlassen und können demnach auch nicht persönlich an den Beratungen in St. Pölten teilnehmen.
Diese Beratungen der Bischöfe finden von kommendem Dienstag bis Donnerstag statt. Details zum Programm bzw. zur nicht öffentlichen Versammlung gibt es bislang nicht. Am Ende der Konferenz wollen die Bischöfe jedenfalls ein Kommuniqué mit den Ergebnissen veröffentlichen.
Beobachter sehen seit Freitagabend allerdings weiteres Unheil aufziehen. Grund dafür ist ein Interview des armenischen Ministerpräsidenten mit der Nachrichtenagentur Shabat News, in dem er davon sprach, dass die Einberufung der Versammlung in St. Pölten darauf abziele, das Katholikosat, also den Sitz der Kirche, aus Armenien abzuziehen und es zu einer Marionettenorganisation in den Händen bestimmter Kräfte zu machen. Paschinjan merkte an, dass ein solcher Schritt als Instrument gegen die Republik Armenien eingesetzt werden könnte. Er werde diese Verlegung nicht zulassen, so Paschinjan. Das könnte als Hinweis darauf verstanden werden, dass die armenischen Behörden auch Katholikos Karekin II. die Ausreise verweigern werden.
Aufruf zur Kirchentreue
Katholikos Karekin II. hat derweilen dieser Tage die Geistlichen seiner Kirche aufgerufen, "in dieser Zeit der Prüfungen" der Kirche und damit dem spirituellen Zentrum Armeniens treu zu bleiben. Das sei unerlässlich, um weitere innerkirchliche Spaltungen zu vermeiden, so das Kirchenoberhaupt. Zugleich hat der Katholikos die jüngsten Gerichtsurteile in Aserbaidschan gegen 23 Angehörige der früheren Regierung von Arzach heftig kritisiert.
Für CSI-Geschäftsführer Fuchs war diese Reaktion der Kirchenleitung erwartbar und verständlich: "Die Kirche sieht, dass es weiterhin keine Gerechtigkeit gibt, dass die Karabach-Armenier nicht nach Hause zurückkehren dürfen, dass etwa 23 armenische Geiseln weiter in Baku festgehalten werden. Ranghohe politische Vertreter der Republik Arzach (Berg-Karabach) wurden in Baku als 'Terroristen' zu langen Haftstrafen verurteilt, obgleich ihre einzige 'Schuld' darin besteht, in Arzach eine demokratische De-facto-Republik aufrechterhalten zu haben." Selbst Donald Trump habe Aserbaidschan gebeten, diese 23 Christen freizulassen, doch das geschehe einfach nicht. "Deshalb sagen viele Vertreter der Armenisch-Apostolischen Kirche, dass das Fundament für Frieden nicht gelegt ist, solange es keine Gerechtigkeit gibt", so Fuchs.
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