Ombudsfrau: Kirche muss bei Missbrauch aufmerksam bleiben
14.02.202609:00
Österreich/Missbrauch/Kirche
Psychotherapeutin und längstdienende kirchliche Ombudsfrau, Posch-Keller: Geschlossene Systeme anfälliger für Gewalt - Verpflichtender Zölibat in Kombination mit Vereinsamung und Überforderung Gefahrenquelle für Missbrauchshandlungen
Graz, 14.02.2026 (KAP) Die Missbrauchsexpertin und langjährigen Leiterin der Grazer Ombudsstelle für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der Katholischen Kirche, Birgit Posch-Keller, hat die Kirche aufgerufen, in Sachen Missbrauch wachsam zu bleiben. Dies sei ein "sehr dunkles Kapitel in der Geschichte der Kirche" und es sei daher "immens wichtig" dort auch weiterhin genau hinzuschauen, sagte Posch-Keller im Interview dem steirischen "Sonntagsblatt" (Ausgabe vom 15. Februar). Die Psychotherapeutin war mit 28 Dienstjahren Österreichs längstdienende Ombudsfrau. Mit 1. Jänner übergab sie ihren Posten an Anneliese Pieber, die u.a. auch Vorsitzende der Katholischen ArbeitnehmerInnenbewegung in der Steiermark ist.
Begünstigt werde Missbrauch heute weiterhin durch kirchliche Strukturen, führte Posch-Keller aus: "Das wird niemand gern lesen, aber betreffend sexuellem Missbrauch bin ich der Meinung, der Pflichtzölibat gehört abgeschafft. Dabei geht es mir nicht unbedingt um den Zölibat selbst, sondern vielmehr um eine verpflichtende Lebensform. Ich denke hier an Priester, die ganz allein im Pfarrhof wohnen. Eine große deutsche Studie hat gezeigt, dass Kinder meist nicht von jungen Priestern missbraucht worden sind, sondern von Priestern mittleren Alters." Einsamkeit und Überlastung seien wichtige Faktoren. Dies müsse man anerkennen und entsprechende Schlüsse ziehen.
In ihrer eigenen Laufbahn als Ombudsfrau sei sie zumeist mit Missbrauchsfällen in kirchlichen Kinderheimen bis zurück in die 1960er Jahre konfrontiert gewesen, berichtete Posch-Keller weiter. Hier sei sie nicht nur mit der damals noch weit verbreiteten "Watsche" konfrontiert worden, sondern mit systematischer Gewalt: "Wurden Kinder aber systematisch geschlagen oder gezwungen, andere zu schlagen, oder gar dazu, das eigene Erbrochene zu essen, ist das eindeutig strukturelle Gewalt. Auch das ständige Heruntermachen und verbale Demütigungen fallen unter Gewalt."
Die Gründe für diese Übergriffe bestünden in einer "Mischung aus fehlender pädagogischer Ausbildung, dem unhinterfragten Übernehmen von Nazi- Erziehungsmethoden und Überforderung - gepaart mit einer Mentalität, die noch aus der Kriegszeit stammte." Außerdem seien die Kinderheime damals "riesig" gewesen. Posch-Keller: "Geschlossene Systeme sind meiner Meinung nach anfälliger für Gewalt. Beten, beichten und brav sein - die damalige Vorstellung vieler kirchlicher Erzieher funktionierte nicht - auch nicht bei Kindern aus zerrütteten Familien. Ich glaube, dass vieles aus Überforderung passiert ist - auch in Bezug auf sexuellen Missbrauch."