Gegen Oberhaupt der Armenisch-apostolischen Kirche wurde von Premierminister Paschinjan indirekt bereits angekündigtes Strafverfahren eingeleitet - Karekin II. kann damit nicht zu armenischer Bischofsversammlung nach St. Pölten kommen - Viele besorgte Stimmen wegen Verletzung der Religionsfreiheit in Armenien
Jerewan/St. Pölten, 15.02.2026 (KAP) Die armenische Staatsanwaltschaft hat ein Strafverfahren gegen Katholikos Karekin II., Oberhaupt der Armenisch-apostolischen Kirche, eingeleitet. Damit verbunden wurde ein Ausreiseverbot verhängt. Das Kirchenoberhaupt kann damit nicht an der diese Woche geplanten Bischofsversammlung der Armenisch-apostolischen Kirche in St. Pölten teilnehmen. Damit hat der Streit zwischen der armenischen Regierung unter Ministerpräsident Nikol Paschinjan und der armenischen Kirchenleitung unter Katholikos Karekin II. eine neue Eskalationsstufe erreicht. Paschinjan hatte schon vor zwei Tagen angekündigt, dass er alles unternehmen werde, um die Bischofsversammlung in St. Pölten zu verhindern.
Die armenischen Behörden gehen seit vielen Monaten mit harter Hand gegen die Kirche vor. Einige Bischöfe sind bereits in Haft. Die armenische Kirchenleitung wehrt sich vor allem durch die Absetzung von Bischöfen, die gemeinsam mit der Regierung gegen Karekin II. auftreten. Zehn Bischöfe sind in dieser Richtung gemeinsam mit dem Premierminister aktiv.
Gegen sechs Bischöfe und einen weiteren hohen Geistlichen des Katholikosats, die alle dem Hohen Geistlichen Rat angehören, das höchste ständige Gremium der Kirche unter dem Vorsitz des Katholikos, war schon vor einigen Tagen ein Strafverfahren eingeleitet und ein Ausreiseverbot verhängt worden. Nun trifft es auch den Katholikos selbst. Laut armenischen Medienberichten werfen die Behörden den Bischöfen und dem Katholikos den gleichen Tatbestand vor: Die Kirchenleitung hatte den oppositionellen Bischof Gevorg Saroyan als Bischof der Diözese Masyatsotn für abgesetzt erklärt. Ein staatliches Gericht hatte diese Entscheidung für nichtig erklärt und die Wiedereinsetzung gefordert. Dem war die Kirchenleitung aber nicht nachgekommen und hatte den Bischof in den Laienstand versetzt.
Die armenische Kirchenleitung hat unterdessen das jüngste Vorgehen gegen den Katholikos das Vorgehen der Staatsanwaltschaft auf das Schärfste verurteilt. Die Aktion sei einzig und allein politisch motiviert. Mit dieser eindeutig verfassungswidrigen und illegalen Einmischung in das innere Leben der Kirche behindere die Regierung nicht nur die Aktivitäten von Katholikos Karekin II., das Vorgehen sei zugleich auch respektlos gegenüber Millionen von Gläubigen und der jahrhundertealten kirchlichen Struktur, die die unerschütterliche Säule der armenischen Staatlichkeit war und ist.
Die Beratungen der armenischen Bischöfe sind von 17. bis 19. Februar in St. Pölten anberaumt. Dazu sollten alle armenisch-apostolischen Bischöfe aus Armenien selbst und aus aller Welt - insgesamt gut 50 - anreisen. Welche Auswirkungen das jüngste Vorgehen von armenischer Regierung und Justiz gegen das armenische Kirchenoberhaupt nun auf die Versammlung haben, ist aktuell nicht bekannt. Den Vorsitz über eine solche Versammlung hätte der Katholikos inne.
Unterstützung für die armenische Kirche
Die Entwicklung in Armenien, die nun gänzlich eskaliert ist, hat sich in den vergangenen Monaten angekündigt. Schon im vergangenen November hatte sich die Österreichische Bischofskonferenz in einer Erklärung besorgt gezeigt. Im Blick auf die Inhaftierung und Verurteilung von Bischöfen hielten die Bischöfe fest, dass in Armenien offensichtlich die Religionsfreiheit infrage gestellt werde.
Die österreichischen Bischöfe orteten einen Bruch mit Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten sowie einen "Angriff auf die Glaubensgemeinschaft". Den Worten der Bischöfe zufolge ist die Armenisch-apostolische Kirche eine "Stimme des Gewissens und der Gesellschaft in Armenien" und setze sich intensiv für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung ein. Wenn sie sich "prophetisch" äußere, so geschehe dies "niemals gegen das Volk, sondern für dessen Wohl und die Würde aller Menschen". Sicherzustellen sei, dass sie ihrer Sendung "frei und ungehindert" nachgehen könne.
In ähnlicher Weise hatte sich wenige Tage zuvor auch der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) in einer offiziellen Erklärung zu Wort gemeldet.
An diesem Wochenende hat auch der deutsche Experte für Menschenrechte und Religionsfreiheit, Pfarrer Peter Fuchs, die Religionsfreiheit in Armenien ernsthaft gefährdet gesehen. Der Geschäftsführer von Christian Solidarity International-Deutschland hat vor Kurzem Armenien besucht. Im Interview mit der "Tagespost" sprach er davon, dass der armenische Premierminister Nikol Paschinjan in inakzeptabler Weise versuche, in die Kirche hineinzuregieren.
Am 26. Jänner veröffentlichte eine Gruppe von Anwälten und Wissenschaftlern eine Erklärung, in der sie der Regierung Verstöße gegen die Verfassung, aber auch gegen internationale Verträge vorwarfen. Die armenische Verfassung erkenne die Armenisch-Apostolische Kirche als Nationalkirche mit einer ausschließlichen Mission im spirituellen und kulturellen Leben des armenischen Volkes an. Die Beziehungen zwischen Staat und Kirche würden durch ein Sondergesetz aus dem Jahr 2007 geregelt. Gleichzeitig verpflichte der Grundsatz der Trennung von Religionsgemeinschaften und Staat die Behörden, die Freiheit der Kirche bezüglich ihrer innerkirchlichen Aktivitäten zu gewährleisten und willkürliche Eingriffe in das innere Leben der Kirche auszuschließen, heißt es in der Erklärung.
Handlungen, die diese Grenzen überschreiten, einschließlich der Einmischung in kirchliche Angelegenheiten unter dem Deckmantel von "Reformen", seien wohl verfassungswidrig. Solche Schritte führen zu einer Spaltung der Kirche, zur Verletzungen der Gewissensfreiheit der Gläubigen und zur Aushöhlung der Grundlagen der verfassungsmäßigen Ordnung, hieß es in der Erklärung.
Zudem kursiert in Sozialen Medien eine weitere Petition, mit der die Initiatoren ihre Unterstützung für Katholikos Karekin II. bekunden. In der Petition wird "ein sofortiges Ende der Kampagne gegen die Kirche und die Nichteinmischung in deren innere Angelegenheiten sowie die sofortige Freilassung inhaftierter Geistlicher und die Einstellung jeder unrechtmäßigen Strafverfolgung" gefordert.
Geschäftsführer von Christian Solidarity International-Deutschland, Fuchs, nach Lokalaugenschein in Armenien: Premierminister Paschinjan versucht in inakzeptabler Weise, in die Kirche hineinzuregieren - Negative Auswirkungen auf die Mitte nächster Woche in St. Pölten geplante armenische Bischofsversammlung - Jüngste Ankündigung von Premier Paschinjan könnte auch Ausreiseverbot für Katholikos Karekin II. bedeuten
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