Stephansdom: Kreuze von Arnulf Rainer trotz Widerruf ausgestellt
17.02.202611:33
Österreich/Kirche/Kunst/Ausstellung
77 Kaltnadelradierungen und großformatige Kreuzarbeiten bis 7. Juni in Gruppen an verschiedenen Orten im und um den Dom zu sehen - Wiener Domkapitel und Sammlung Trenker betonen Erfüllung der "Grundintention" des im Dezember verstorbenen Künstlers
Wien, 17.02.2026 (KAP) Mit 77 Kreuz-Darstellungen des im Dezember im Alter von 96 Jahren verstorbenen Künstlers Arnulf Rainer eröffnet das Wiener Domkapitel gemeinsam mit der Sammlung Trenker eine Ausstellung im Stephansdom. Die Präsentation der bis 7. Juni aufgehängten großformatigen Bilder erfolgt trotz vorheriger Unstimmigkeiten: Rainer hatte einer Ausstellung im Dom zunächst zugestimmt, diese Zusage später jedoch über seinen Anwalt widerrufen. Dompfarrer Toni Faber sprach bei einer Pressekonferenz am Dienstag von einer "schwierigen Situation", in der man nach eingehender Prüfung entschieden habe, das Projekt dennoch umzusetzen. Die Werke befinden sich im Besitz des Kunstsammlers Werner Trenker, der sie dem Dom zur Verfügung stellt.
Rainer hatte sich zeitlebens intensiv mit dem Kreuz auseinandergesetzt, zugleich jedoch christliche Vereinnahmung seiner Kunst stets zurückgewiesen. Er erhielt zwei katholische Ehrendoktorate, schuf Werke in Kirchen und stellte mehrmals auch in Kirchen aus, wehrte sich aber dagegen, als "Kirchenmaler" tituliert zu werden. "Mit Respekt und Hochachtung nehmen wir das wahr", sagte Faber. Ziel der Ausstellung sei keine Vereinnahmung, sondern ein "Angebot zum Dialog über die existenzielle Dimension von Horizontalem und Vertikalem", die im Kreuz zum Ausdruck komme.
Gezeigt werden 70 Kaltnadelradierungen aus den Jahren 1956 bis 2014, ergänzt um sieben großformatige Kreuzarbeiten, darunter Werke aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Die Zahl 77 sei bewusst gewählt worden, erläuterte Trenker. Das Kreuzmotiv ziehe sich durch Rainers gesamtes Schaffen. Bereits 1956 entstand ein frühes "Tabernakelkreuz". Viele Druckplatten habe der Künstler mehrfach überarbeitet, übermalt und erneut bearbeitet. "Rainer war einer, der immer alles perfekt wollte und ständig weiter überarbeitet hat, bis er zufrieden war", sagte der Sammler.
Kuratorisch begleitet wurde das über eineinhalb Jahre lang vorbereitete Projekt vom deutschen Jesuiten und Kunstexperten P. Friedhelm Mennekes, der kurzfristig nicht an der Pressekonferenz teilnehmen konnte. Als Lernerfahrung aus früheren Projekten beauftragte das Domkapitel zudem einen wissenschaftlichen Beirat, dem unter anderem der Wiener Jesuit und Kunsthistoriker Gustav Schörghofer sowie "Dom Museum Wien"-Direktorin Johanna Schwanberg, angehören.
Die gezeigten Arbeiten Rainers verteilen sich auf mehrere Orte im Stephansdom: In der Vierung führt eine leicht ansteigende Hängung zum mittelalterlichen Lettnerkreuz hin, das während der Fastenzeit heuer ausnahmsweise unverhüllt bleibt. Weitere Werkgruppen sind in der Nordturmhalle, rund um das Original des sogenannten Zahnweh-Herrgotts, in der Barbarakapelle sowie auch im Stiegenaufgang und im ersten Stock des benachbarten Curhauses zu sehen. Dombaumeister Wolfgang Zehetner betonte die Bedeutung der räumlichen Inszenierung. Die Anordnung bilde eine "geistliche Linie" im architektonischen Gefüge des Domes.
"Das Kreuz - Das Zeichen, das bleibt"
Die Ausstellung trägt den Titel "Das Kreuz - Das Zeichen, das bleibt" und wird bis 7. Juni täglich zugänglich sein. Angesichts von rund sechs Millionen Besucherinnen und Besuchern jährlich im Stephansdom erhofft sich das Domkapitel eine breite Resonanz über konfessionelle Grenzen hinaus. Der Stephansdom sei "der Dom aller Österreicher", sagte Trenker. Ein Kunstwerk könne "kaum eine höhere Nobilitierung erfahren, als hier präsentiert zu werden", ergänzte Zehetner. Die Kombination verschiedener Stilrichtungen sehe er als "gelungen".
Offiziell startet die Schau am Dienstagabend, dem Vorabend zum Aschermittwoch. Dabei werden neben Dompfarrer Faber, Sammler Trenker und den Jesuiten Schörghofer und Mennekes auch Bundeskanzler Christian Stocker und Erzbischof Josef Grünwidl sprechen; Hoffnungen von Dompfarrer Faber auf eine Anwesenheit der Familie Rainers dürften sich indes nicht erfüllen. "Das kleine Wunder ist ausgeblieben, aber es schmälert unserer Freude nicht" angesichts der Möglichkeit der Präsentation der Werke für "hunderttausende Gottesdienstbesucher und Millionen Touristen, die den Dom aufsuchen", so sein Kommentar dazu. Er sei sicher, dies komme der Grundintention Rainers entgegen.
Arnulf Rainer (1929-2025) zählt zu den international bekanntesten österreichischen Gegenwartskünstlern. Berühmt wurde er vor allem durch seine Übermalungen, Radierungen und Kreuzdarstellungen, die sich über Jahrzehnte hinweg als zentrales Motiv durch sein Werk ziehen. Wiederholt arbeitete er mit kirchlichen Institutionen zusammen, etwa im Umfeld der von Msgr. Otto Mauer (1907-1973) gegründeten "Galerie nächst St. Stephan" in Wien. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen expressiver Geste, existenzieller Verdichtung und einer radikalen Auseinandersetzung mit menschlicher Grenzerfahrung.