Scheidender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz betont in Bilanz-Interview mit der "Zeit" einmal mehr: "Dass wir ein Schisma wollen, war und ist Unsinn" - Limburger Bischof verteidigt Brandmauer zur AfD und ruft zur Solidarität mit der Ukraine auf
Hamburg, 19.02.2026 (KAP/KNA) Als Kraftakt hat der Limburger Bischof Georg Bätzing den Synodalen Weg zur Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland erlebt. Vor allem der Dialog mit dem Vatikan sei mitunter mühsam gewesen, sagte der scheidende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in einem Interview der Wochenzeitung "Die Zeit" (Donnerstag): "Es gab Bischöfe aus Deutschland und Kardinäle in der Kurie, die versuchten dem Papst weiszumachen, wir würden ein Schisma wollen. Das war und ist Unsinn."
Mit dem unter Eindruck der Missbrauchskrise 2019 gestarteten Synodalen Weg wollten Bischöfe und Laien in Deutschland Möglichkeiten zu Veränderungen im kirchlichen Leben ausloten. Die Beratungen sollen ab Herbst in einem neuen Gremium, der Synodalkonferenz, fortgeführt werden. Bätzing hatte unlängst angekündigt, für eine zweite Amtszeit als Bischofskonferenz-Vorsitzender nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Am kommenden Dienstag wollen die Bischöfe bei ihrer Vollversammlung in Würzburg einen Nachfolger für den 64-Jährigen wählen.
Lebensverhältnisse anerkennen
Zu den Ergebnissen des Synodalen Wegs sagte Bätzing der "Zeit": "Wir haben eine neue Grundordnung des kirchlichen Arbeitsrechts verabschiedet, das war ein Befreiungsschlag. Wir anerkennen endlich die realen und nicht nur die idealen Lebensverhältnisse: dass auch Katholiken unverheiratet, geschieden oder alleinerziehend sind. Und es gibt jetzt vielerorts Segensfeiern für Menschen, die nicht kirchlich heiraten können oder wollen."
Er wolle, "dass Menschen, die bisher den Eindruck hatten, sie zählen nicht, sie stehen am Rande, über sie bricht die Kirche den Stab, sich zugehörig fühlen", fügte Bätzing hinzu. Eine weitere Herausforderung für ihn habe darin bestanden, beim Synodalen Weg und den Treffen der anfangs rund 230 Synodalen eine offene Gesprächsatmosphäre zu schaffen: "Ich musste das so moderieren, dass wir Probleme benennen, aber auch zu Ergebnissen kommen."
"Wir waren einfach ehrlich"
Geärgert habe ihn, "dass man uns in Rom so behandelte, als wollten wir spalten", so Bätzing: "Wir waren einfach ehrlich und haben unsere Wünsche nach Veränderung beim Diakonat der Frau, bei Zölibat und Priesteramt vorgetragen. Keiner von uns hat erwartet, dass der Papst uns nach vier Wochen einen Brief schreibt: Okay, wir machen jetzt alles so, wie ihr Deutschen wollt." Er persönlich sei überzeugt, dass sich die Sexualmoral der Kirche ändern müsse: "Aber ich schreibe den Katechismus nicht allein."
Im Laufe der Zeit sei das Vertrauen zwischen der Führungsspitze der katholischen Kirche in Rom und den Kirchenvertretern aus Deutschland allerdings gewachsen, ergänzte Bätzing: "Und ich merke, dass sich die Atmosphäre in der Kurie unter Papst Leo positiv verändert." Zugleich gelte es, mit Blick auf mögliche Reformen einen langen Atem zu haben. "Reformfragen sind Kulturfragen. Wir haben in der Weltkirche unterschiedliche Kulturen. Die gemeinsam zu verändern, braucht Zeit."
Braucht "frischen Wind"
Mit seiner Entscheidung, nach der regulären Amtszeit von sechs Jahren den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz abzugeben, hadere er nicht, brachte Bätzing in dem Interview zum Ausdruck. Er fügte jedoch hinzu, zwei weitere Jahre hätte er gerne noch drangehängt, "um ein paar Dinge festzuzurren. Aber mal ehrlich, nach einer weiteren Amtszeit wäre ich 70 oder 71. Das muss nicht sein!"
Er habe am eigenen Leib gemerkt, wie stark heute Ämter und Personen miteinander identifiziert werden. "Das tut beiden nicht gut - in der Kirche genauso wenig wie in Medien und Politik. Deshalb löse ich mich von diesem Amt." Die Gesellschaft sei schnelllebig, die Probleme häuften sich, das erfordere enorme Energie: "Eine Weile schafft man das. Dann muss jemand frischen Wind reinbringen."
Brandmauer zur AfD "muss halten"
An einer klaren Abgrenzung zur AfD hält der scheidende Bischofskonferenz-Vorsitzende fest. "Die Brandmauer muss halten. Sie ist das Signal, dass die AfD nicht mitregieren darf, das würde die Demokratie gefährden", sagte Bätzing. Das Parteiprogramm für Sachsen-Anhalt zeige, was die Partei vorhabe.
"Die AfD steht für völkischen Nationalismus, und der ist mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar", fügte der Limburger Bischof hinzu: "So etwas wollen wir nicht an der Regierung." Dabei verwies er auch auf die Position der Bischofskonferenz. Man könne nicht als AfD-Mitglied menschenverachtende Positionen vertreten und gleichzeitig in der Kirche eine Funktion haben: "Das passt nicht zusammen. Da bleibe ich hart."
Auf die Frage, ob er mit AfD-Wählern spreche, antwortete der Bischof: "Ich versuche es, aber viele geben nicht zu, was sie wählen. Mein Rat an die AfD-Wähler: Schauen Sie genau hin."
Solidarität mit Ukraine
Mit Blick auf den vierten Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine rief Bätzing zur Solidarität mit dem Land auf. "Wir erleben die Rückkehr der Autokraten. Der Universalismus wird verdrängt von Nationalismus und Imperialismus", beklagte er. Das dürfe nicht die Zukunft sein.
Beispielhaft verwies Bätzing auf die Opfer des Krieges gegen die Ukraine. "Da müssen wir als Kirche Einspruch erheben." Zugleich räumte er ein, dass die Kirche den Krieg nicht beenden könne: "Aber wir organisieren materielle Hilfe vor Ort." Kirchliche Hilfswerke setzten sich dafür ein, dass die Menschen den Winter überleben: "Wir müssen ihren Widerstandswillen stärken."
Bätzing ergänzte: "Aber auch in Deutschland können wir helfen, indem wir die Solidarität mit den geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern aufrechterhalten. Wir bringen sie jetzt vermehrt in Arbeit, damit sie Geld verdienen und Steuern zahlen, denn das stärkt sie selbst - und verhindert, dass die Stimmung der Bevölkerung kippt."
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Seit 2019 rangen Katholiken in Deutschland in einer Art Kirchenparlament um neue Formen kirchlicher Führung und um Antworten auf den Missbrauchsskandal - Ungewisser Übergang zu neuartiger katholischer Kirchenleitung - Von Ludwig Ring-Eifel