Kardinal Zenari: 80 Prozent der Christen haben Syrien verlassen
20.02.202611:49
Syrien/Vatikan/Konflikte/Krieg/Kirche/Leute
Langjähriger Papst-Gesandter in Damaskus will sich auch nach altersbedingtem Rücktritt als Nuntius für Entwicklung, Frieden und Einheit in Syrien einsetzen - Zenari: Für Frieden und Stabilität braucht Syrien Strom, Krankenhäuser, Schulen und Fabriken
Rom/Damaskus, 20.02.2026 (KAP) Die anhaltende Abwanderung der Christen aus Syrien hinterlässt eine "schwere Wunde" in der Gesellschaft des Landes. Darauf hat Kardinal Mario Zenari hingewiesen. Der italienische Vatikandiplomat beendete dieser Tage seinen 17 Jahre währenden Dienst als Papstgesandter in Damaskus. 80 Prozent der vor dem Bürgerkrieg in Syrien lebenden 1,5 Millionen Christen hätten in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten das Land verlassen, sagte Zenari in einem Interview der katholischen Nachrichtenagentur SIR (Freitag). "Leider bereiten sich weitere auf ihre Ausreise vor", so der Kardinal. Dies sei umso schmerzlicher, als die Christen als "Brücke" zwischen den verschiedenen Gruppen in der syrischen Gesellschaft dienen könnten.
Syrien sei nach wie vor ein "verwüstetes" Land, das um nationale Einheit ringe. "Die wichtigsten Gruppen - Sunniten, Kurden, Alawiten, Drusen, Christen - müssen wieder zu einem Zusammenhalt finden. Hier gibt es noch viele Unbekannte", sagte Zenari. Gleichzeitig mache die politische und teilweise auch wirtschaftliche Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft Hoffnung. Nach dem Sturz des Assad-Regimes ist in Damaskus eine islamistische Übergangsregierung an der Macht. "Der neue Kurs wird auch deshalb unterstützt, weil die Alternative Chaos wäre", erklärte Zenari.
Der Kardinal zeigte sich überzeugt, dass es für Stabilität und Frieden im Land vor allem Entwicklung nötig ist. "Syrien braucht dringend Strom, Krankenhäuser, Schulen und Fabriken. Entwicklung bleibt der sicherste Weg zum Frieden", betonte der langjährige Vatikandiplomat.
Der mittlerweile 80-jährige Zenari war seit Ende 2008 Papstbotschafter in Damaskus und harrte auch über die Bürgerkriegsjahre hinweg in Syrien aus. Im Dezember 2024 beobachtete der Italiener, den Papst Franziskus 2016 ins Kardinalskollegium aufgenommen hat, auch den Sturz der Regierung von Bashar al-Assad und die neue Führung unter Ahmad al-Shara. Anfang Februar gab der Vatikan bekannt, dass Papst Leo XIV. Zenaris altersbedingtes Rücktrittsgesuch als Nuntius angenommen habe.
Weiter Botschafter "für" Syrien sein
Er trage aus den Jahren in Damaskus die Namen und Gesichter vieler Menschen im Herzen, schilderte Zenari im SIR-Gespräch. "Die Gesichter leidender Kinder, deren Gliedmaßen durch Granatsplitter amputiert wurden; die Namen der Verschwundenen wie die beiden orthodoxen Metropoliten von Aleppo, Yohanna Ibrahim und Boulos Yazigi, unseres lieben Pater Paolo Dall'Oglio und anderer Priester; und viele Menschen, deren Familien ich noch immer in Kontakt stehe."
Er habe bisher als Botschafter "in" Syrien agiert, wolle aber auch künftig ein Botschafter "für" Syrien sein, erklärte der Kardinal. "Ich werde mich weiterhin für Syrien einsetzen: Entwicklung, Frieden, Einheit." Am meisten liege ihm Syrien als Mosaik des friedlichen Zusammenlebens am Herzen, als Ort des Respekts und der Toleranz gegenüber ethnischen und religiösen Gruppen, so Zenari: "Der Krieg hat dieses Mosaik zerbrochen. Ich wünsche mir, dass Syrien wieder zu diesem Mosaik zurückfindet."