Wiener Dogmatikprofessor Tück: Beharren die Piusbrüder auf Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat "sollte man, so schmerzlich es für alle ist, die sich um die Einheit der Kirche sorgen, klare Verhältnisse schaffen" - Ermöglichung einer abgestuften Zustimmung zu Konzilsdokumenten wäre ein zu hoher Preis
Köln/Wien/Rom, 20.02.2026 (KAP) In der Auseinandersetzung mit der traditionalistischen Priesterbruderschaft St. Pius X. muss Papst Leo XIV. nach Ansicht des Wiener Theologen Jan-Heiner Tück disziplinarisch für Klarheit sorgen. Zwar sei ein drohendes Schisma für einen Papst, der Brückenbauer die Einheit der Kirche garantieren soll, immer ein "Worst-Case-Szenario", erklärte Tück am Freitag im Interview mit dem Kölner Internetportal "domradio.de" die anhaltende Geduld des Vatikans mit der Piusbruderschaft. Allerdings zeige diese in Lehrfragen "keinen Millimeter Entgegenkommen" und setze Leo XIV. mit dem Beharren auf die für 1. Juli geplante Weihe neuer Bischöfe ohne päpstliches Mandat unter Druck.
"Irgendwann muss auch mal Klarheit sein, deswegen würde ich, wenn sich die Wunde nicht heilen lässt, ohne größere Wunden aufzureißen, für klare Verhältnisse votieren", sagte Tück. Die Piusbruderschaft ziele anscheinend eine Verlängerung der im Pontifikat von Papst Franziskus eingekehrten "Grauzone" an. Eine etwaige Duldung von Bischofsweihen der Piusbrüder durch Papst Leo aber sei ein "problematisches Szenario", so der Theologe. Spender und Geweihte würden sich automatisch die Exkommunikation zuziehen und die Piusbruderschaft vom irregulären Status in den schismatischen Status übergehen. "Dann sollte man, so schmerzlich es für alle ist, die sich um die Einheit der Kirche sorgen, klare Verhältnisse schaffen."
Trete die Piusbruderschaft den Weg ins Schisma an, sei auch vorstellbar, dass ein nicht unerheblicher Teil der Piusbruderschaft in die 1988 auf Initiative von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) als Heimat für traditionalistische Katholiken gegründete Petrusbruderschaft übergeht, fügte Tück hinzu: "Denn vielen innerhalb der Piusbruderschaft ist der Weg ins Schisma nicht genehm. Sie wollen unter dem Dach der katholischen Kirche bleiben."
Dialogstrategien der Päpste
Im "domradio.de"-Gespräch ging Tück auch auf die unterschiedlichen Dialogstrategien der Päpste Benedikt XVI. (2005-2013) und Franziskus (2013-2025) mit der Piusbruderschaft ein. Benedikt habe zwar mit der Rücknahme der Exkommunikation der vier Traditionalistenbischöfe 2009 "eine Geste des Entgegenkommens gezeigt, die insofern erstaunlich war, als sie nicht an die Anerkennung der theologischen Weichenstellungen des Konzils gebunden war", erklärte der Theologe: "Aber immerhin hat er darauf Wert gelegt, dass man auch in theologischen, also doktrinalen Fragen eine Einheit erzielt."
Franziskus hingegen habe "eher auf einer pastoralen Ebene agiert und scheint darauf gesetzt zu haben, dass sich quasi im Wärmestrom der Barmherzigkeit das eingefrorene Traditionsverständnis der Piusbrüder kommunikativ verflüssigen lasse", sagte Tück. Der im Vorjahr verstorbene Papst hatte etwa Gläubigen erlaubt, die Beichte gültig bei Priestern der Piusbruderschaft zu empfangen und auch die Gültigkeit von ihnen begleiteter kirchlicher Eheschließungen anerkannt.
"Der Preis wäre zu hoch"
Nach dem jüngsten Dialogangebot durch Kardinal Víctor Fernández und das vom Glaubenspräfekten ins Gespräch gebrachte Instrument der abgestuften Zustimmung zu den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) habe er gedacht, dass innerhalb des Rates der Piusbruderschaft noch einmal ein Reflexionsprozess stattfinden würde, erklärt der Wiener Dogmatikprofessor. "Aber das scheint den Piusbrüdern nicht hinreichend zu sein, sodass sie von weiteren theologischen Klärungen absehen wollen. Das ist schon erstaunlich."
Es sei auch ein Szenario möglich, in dem Papst Leo XIV. die Gesprächsbedingungen doch noch ermäßigt, um ein Schisma abzuwenden und eine lehrmäßige Einigung herbeizuführen. Hier wäre die abgestufte Zustimmung zu den Konzilsdokumenten ein Weg. "Meines Erachtens wäre der Preis allerdings zu hoch", hielt der Theologe fest.
Die Piusbrüder lehnten die ökumenische Öffnung, das neue Verhältnis zum Judentum, den interreligiösen Dialog, aber eben auch ein liberales Demokratieverständnis ganz entschieden ab, erinnerte Tück dazu. "Würde man diese Positionen unwidersprochen akzeptieren, dann gäbe es unter dem Dach der katholischen Kirche nicht nur ungleichzeitige, sondern auch widersprüchliche Positionen. Deswegen würde ich auf der Linie von Benedikt XVI. darauf beharren wollen, dass vor einer vollen Eingliederung der Piusbruderschaft eine theologische Klärung erfolgen muss."
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