Ehemaliger Papstsekretär über neues Herder-Buch mit bisher unveröffentlichten Homilien - Benedikt XVI. wusste von "diskret aufgenommenen" Texten nichts - Gänswein erläutert Amtsverzicht des Papstes
Ulm, 21.02.2026 (KAP/KNA) Erzbischof Georg Gänswein hat den Mitschnitt privater Predigten von Benedikt XVI. verteidigt. "Die Predigten wurden nicht heimlich mitgeschnitten, sondern diskret aufgenommen", betonte Benedikts langjähriger Privatsekretär in einem am Wochenende in der "Schwäbischen Zeitung" veröffentlichten Interview.
Darin äußerte sich Gänswein, der heute Papstbotschafter in Litauen ist, zu dem unlängst vom Verlag Herder veröffentlichten Band "Der Herr hält unsere Hand". Dieser enthält bisher unveröffentlichte Predigten von Benedikt XVI., die er während seiner Amtszeit als Papst, aber auch in den ersten Jahren nach seinem Rücktritt im kleinen Kreis hielt.
Er habe die vier Frauen, die sich um den Haushalt von Benedikt XVI. kümmerten und die bei den Gottesdiensten stets dabei waren, gebeten: "Wenn Benedikt predigt, nehmt bitte die Predigt diskret auf; ich weiß zwar im Augenblick noch nicht wofür - aber eines Tages wird es wertvoll sein", berichtete Gänswein. "Ich hatte keine hinterlistige, sondern eine redliche Absicht im Sinn, die mich diese Entscheidung treffen ließ."
Zugleich räumte der Erzbischof ein, dass er Benedikt XVI. nicht gefragt habe, ob er mit den Aufnahmen einverstanden sei. "Und warum nicht? Ganz einfach, weil ich die Sorge hatte, er könnte aus Bescheidenheit 'nein' sagen - und damit wäre dieser Schatz nie zu heben gewesen."
Kein "Rottweiler Gottes"
Die nun veröffentlichten Texte werfen laut Gänswein, der zu dem Buch ein Geleitwort besteuerte, ein neues Licht auf Benedikt XVI. "Das öffentlich gezeichnete Bild war allzu oft einseitig und schief", beklagte der Erzbischof. "Man sah in ihm zu sehr den Theologen, den Präfekten, den Papst, auch den brillanten Denker. Aber man übersah etwas Wesentliches: den überzeugten und überzeugenden Verkünder des Evangeliums. Dieses Markenzeichen kommt in den Predigten eindrucksvoll zum Ausdruck."
Der langjährige Vertraute Benedikts verwahrte sich im Interview der "Schwäbischen Zeitung" gegen die stereotype Wahrnehmung, wonach der junge, progressive Professor Joseph Ratzinger konservativ geworden sei, um kirchliche Karriere zu machen. Wer die Schriften des jungen Theologen und danach jene von Kardinal Ratzinger oder Papst Benedikt lese, werde feststellen: "Da gibt es keinen Bruch, da gibt es eine unübersehbare Kontinuität sowohl im theologischen Schrifttum wie auch in der kirchlichen Verkündigung", sagte Gänswein. "Dem Klischee vom 'Panzerkardinal' oder 'Rottweiler Gottes' steht die Realität eines menschlich noblen, milden, gescheiten und geistlich tiefen Mannes gegenüber."
Rücktrittsankündigung bewusst datiert
Das Datum der Rücktrittsankündigung von Papst Benedikt XVI. am 11. Februar 2013 war laut Angaben seines ehemaligen Privatsekretärs bewusst gewählt. An diesem Tag werde in Rom an die Lateranverträge aus dem Jahre 1929 erinnert, sagte der Erzbischof der "Schwäbischen Zeitung". Die Lateranverträge beendeten den langen Konflikt zwischen dem Papsttum und dem jungen italienischen Staat - und begründeten den Staat der Vatikanstadt als kleinstes Land der Welt.
Zum anderen werde am selben Tag ein Marienfest begangen, erläuterte Gänswein. Schließlich habe am 11. Februar 2013 ein Monate im Voraus geplantes Konsistorium, eine Versammlung der Kardinäle, stattgefunden. "Benedikt sah darin den richtigen Zeitpunkt und den angemessenen Rahmen für die Ankündigung seines Amtsverzichts." Der von Benedikt XVI. angekündigte Rücktritt wurde am 28. Februar wirksam, es war der erste eines Papstes seit dem Mittelalter.