Ein Steyler Missionar berichtet zum vierten Jahrestag des russischen Großangriffs vom Kriegsalltag in einem Dorf der Westukraine - von Johannes Pernsteiner
Wien, 22.02.2026 (KAP) Wenn in Nowa Uschyzja die Sirene ertönt, wissen die Menschen, dass ein Gefallener heimkehrt. Die Arbeit wird unterbrochen, Kinder verlassen die Schule, Bewohner treten aus Häusern und Geschäften. Blumen werden auf die Straße geworfen und alles kniet nieder, wenn der Trauerzug vorbeifährt, denn man erweist dem Helden die letzte Ehre. 130 Soldaten hat das westukrainische Dorf mit seinen rund 5.000 Einwohnern seit Beginn des Krieges verloren. Zum vierten Jahrestag des russischen Großangriffs am 24. Februar schildert der polnische Steyler Missionar P. Jozef Gwozdz im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress (Sonntag), wie sich der Krieg in das Leben eines Dorfes eingeschrieben hat - auch fernab der Front, der Einschläge und der Großstädte mit deren Überlebenskampf.
Eine Ukraine im Frieden kennt der 54-jährige Ordensmann gar nicht: Erst seit Ende 2022 lebt und wirkt P. Gwozdz dort, in der Ortschaft in der Oblast Chmelnyzkyj auf halbem Weg zwischen Lemberg und Kiew, rund 800 Kilometer von den derzeitigen Kampflinien entfernt. Der Krieg ist dennoch auch dort präsent. "Immer wieder fliegen Raketen und Drohnen über unser Dorf, auch nachts. Dann gibt es Luftalarm, obwohl die Projektile für die Städte bestimmt sind", berichtete P. Gwozdz. Manche Bewohner suchten dennoch Schutz in Kellern, für die Kinder in den Schulen ist es verpflichtend, andere gehen ins Freie und starren in den Himmel. Einmal sei ein Geschoss in der Nähe eingeschlagen, ohne größere Schäden zu verursachen. Die Anspannung bleibe dennoch.
Dorf ohne Männer
In Nowa Uschyzja ist die Mehrheit der Bevölkerung orthodox, teils der Kirche mit Bindung an Moskau, teils der eigenständigen ukrainischen Kirche zugehörig, zu der infolge des Krieges viele wechselten. Eine kleinere Gruppe gehört der griechisch-katholischen Kirche an, und es gibt auch noch eine kleine römisch-katholische Gemeinde mit insgesamt rund 100 Gläubigen, für die Gwozdz zuständig ist. "Sie wären sonst ohne Seelsorger geblieben", sagte der Steyler Missionar, der sich nach seinem Studium an der Gregoriana in Rom, zwei Jahrzehnten Mittelamerika und einem halben Jahr Flüchtlingshilfe in Polen freiwillig für diesen Einsatz gemeldet hatte. Seine Aufgabe beschreibt der Geistliche schlicht: bei den Menschen sein, die Sakramente spenden, das geistliche Leben stärken und Gemeinschaft stiften.
Gleich auf den ersten Blick falle auf, dass im Dorf die Männer fehlen, da sie an der Front sind. "Es gibt bei uns fast nur Frauen", sagte Gwozdz. Allgegenwärtig sei allerdings in jeder Familie die Sorge um die Söhne, Brüder, Ehegatten und Väter, mit ständiger Angst vor der schlimmstmöglichen Nachricht. 130 Gefallene hat die Ortschaft bislang zu beklagen, viele davon starben im noch jugendlichen Alter. Bereits seit 2014, als die Kämpfe im Osten der Ukraine begannen, dauere diese Situation an, die in den vergangenen vier Jahren freilich verschärft war, berichten Einheimische. Manche Männer hätten versucht, sich dem Militärdienst zu entziehen und trotz Verbots das Land Richtung Polen oder Russland zu verlassen, einige wenige seien auch untergetaucht und hielten sich versteckt.
Invalide und Gefallene
Zunehmend kehrten Verwundete zurück, Männer ohne Beine oder mit schweren psychischen Belastungen. "Sie sagen, die Welt verstehe sie nicht", berichtete der Priester. Viele litten unter Traumata oder Alkoholproblemen, doch im Dorf gebe es keine Therapien, und auch die staatliche Unterstützung erreiche nicht alle. Zugleich fehlten im Dorf jene, die früher Handwerksarbeiten übernahmen, wie Elektriker, Installateure, Automechaniker und Tischler. Frauen würden überall einspringen, übernähmen das Schneeräumen und sogar die Müllabfuhr. In seiner Pfarre erledigt der Ordensmann Reparaturen selbst. Vor allem fehlten Männer jedoch als Väter, alle Mütter trügen somit die Verantwortung für Erziehung und Alltag allein. Erst nach zwei Jahren Dienst durften viele Soldaten Heimaturlaub antreten - für zehn Tage.
Am schlimmsten sind für Gwozdz die Beerdigungen. Wird ein Gefallener ins Dorf gebracht, verbreitet sich die Nachricht schon zuvor über soziale Medien. Ertönt die Sirene, ruhen Arbeit und Unterricht, alles bewegt sich zur Hauptstraße. "Das ganze Dorf weint", schilderte der Priester. Dann die Szenen am Friedhof: Die Begräbnisse seien Massenereignisse, an denen sich die gesamte Ortschaft beteilige, Konfessionsgrenzen gebe es keine mehr. In diesen Momenten sieht der Priester seine Aufgabe vor allem im Anwesend-Sein. "Es ist schwierig zu reden. Ich kann diesen Menschen nur nahe sein und mit ihnen weinen." Politische Bezüge vermeide er tunlichst. "Aber ich spreche von Gut und Böse. Der Krieg ist eine Frucht der Schlechtigkeit." Zugleich verweise er auf die christliche Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort habe. Er bete um Barmherzigkeit für die gefallenen Soldaten und vertraue sie Gott an.
Krieg in den Familien
Der Krieg hat auch familiäre Beziehungen verändert. Vorher habe man in Nowa Uschyzja kaum zwischen ukrainisch und russisch unterschieden, es gebe viele gemischte Familien, manche Angehörige lebten oder arbeiteten in Russland. "Der Krieg hat einen Keil hineingetrieben", sagte der Geistliche. Manche Geschwister sprächen nicht mehr miteinander, weil Verwandte in Russland den Berichten aus der Ukraine keinen Glauben schenkten. Viele andere leben in Polen, Deutschland oder anderen Ländern Europas. Der Priester hält Kontakt zu ihnen. Sie hätten Arbeit gefunden, die Kinder gingen zur Schule, doch das Heimweh bleibe groß. Zu Weihnachten oder im Sommer kehrten viele vorübergehend zurück, um Großeltern zu besuchen und Unterstützung zu bringen.
Das unfassbare Leid mache die Ukrainer erschöpft, verzweifelter als zu Beginn des Krieges, manche würden krank und müssten hospitalisiert werden. Die Zahl der Gefallenen steige weiter. Durchaus gebe es im Dorf unterschiedliche Ansichten über mögliche Wege aus dem Krieg, eine Lösung sei aber nicht in Sicht. Der anhaltende harte Winter bedrohe die Menschen existenziell, denn auch im Dorf gibt es infolge der russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur nur stundenweise Strom. Generatoren - jener der Pfarre ist ein Geschenk des Vatikans - hielten Pumpen in Betrieb, damit die Wasserleitungen bei bis zu minus 20 Grad Celsius nicht einfrieren. "Wir im Dorf schlagen uns irgendwie durch", sagte Gwozdz mit einem Verweis darauf, dass die Lage in den Großstädten noch schwieriger sei. "Aber ich habe noch nie den Frühling so sehr ersehnt wie heuer."
Fasten gegen Gleichgültigkeit
Von Österreich aus könne man durch Gebet, Fasten und Almosen helfen, sagte der Steyler Missionar bei seinem Besuch in Wien, wo er auf Einladung des Vereins Johannes Paul II. unter anderem in der spanischsprachigen Gemeinde in der Karmeliterkirche, in Aspern, im Stift Heiligenkreuz und in einer polnischen Gemeinde Gottesdienste feierte und von seinen Erfahrungen berichtete. Man könne auch eigenes Leid für den Frieden aufopfern, etwa Krankheit oder Verzicht. Wichtig sei, nicht in Gleichgültigkeit zu verfallen, sondern daran zu erinnern, "dass unser Bruder leidet, und zu helfen, wo es möglich ist". Für jede Form der Unterstützung, ob geistig oder materiell, sei die Ukraine dankbar, denn: "Solidarität gibt uns Hoffnung."
(Honorarfreie Fotos zum Bericht stehen unter www.kathpress.at/fotos zum Download zur Verfügung)