In Moskaus Krieg gegen Kiew geht es auch um Religion
22.02.202614:08
Ukraine/Russland/Religion/Krieg/Orthodoxe
Seit vier Jahren überzieht Russland die Ukraine mit Krieg. Der Konflikt hat auch religiöse Aspekte: Diese reichen von der ideologischen Begründung für den Angriff bis zu kirchlichen Friedensinitiativen - Von Roland Juchem und Ludwig Ring-Eifel
Bonn, 22.02.2026 (KAP/KNA) Hat Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine überfallen? Die weltweit häufigste Antwort lautet sicherlich Ja. Nicht so aus Moskauer Sicht. Dort heißt es, auch in kirchlichen Kreisen, die "militärische Spezialoperation" sei ein "nationaler Befreiungskampf des russischen Volkes", und "aus spiritueller und moralischer Sicht" auch ein "Heiliger Krieg". Es sei Russlands spirituelle Mission, die Welt vor dem Bösen zu schützen. Und dabei spielt Kiew als Ursprungsort der russischen Orthodoxie und Kultur im ersten Jahrtausend eine zentrale Rolle. Dass ausgerechnet die Ukraine sich im 21. Jahrhundert komplett dem liberalen Westen zu- und von Moskau abwenden will, ist aus russischer Sicht ein Frevel und eine offene Wunde.
Gegen westliche Ideologie
Religiöser Anführer in Moskau ist der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. Er nennt Russland den "spirituellem Gegner der westlichen Zivilisation". Die sogenannten Menschenrechte des Westens zielten in Wahrheit auf die Zerstörung der Moral. Russland biete der Welt eine wertegestützte Alternative zum militanten Säkularismus.
Der Moskauer Patriarch, gegen den westliche Staaten Sanktionen verhängt haben, unterstützt Wladimir Putins Politik und supranationale Ideologie. Demnach bilden Russland, Belarus und die Ukraine kulturell und spirituell einen Großraum, der nun mit der "militärischen Spezialoperation" wieder zusammengepfercht werden soll. Wie das kirchlich aussieht, ist in der besetzten Ostukraine zu sehen. Dort werden andere Konfessionen als die russisch-orthodoxe unterdrückt.
Bruch innerhalb der Orthodoxie
Innerhalb der Weltorthodoxie ist die russische Kirche die bei weitem größte. Sie zählt etwa die Hälfte der rund 300 Millionen orthodoxen Christen. Dass deren Ehrenoberhaupt, Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel, 2018 die orthodoxen Kirchen in der Ukraine in einer einzigen Orthodoxen Kirche der Ukraine mit Unabhängigkeit von Moskau zusammenfassen wollte, führte zum Bruch zwischen ihm und Kyrill.
Inzwischen ringen das mächtige Moskauer Patriarchat und das geachtete, aber politisch schwache von Konstantinopel um internationalen Einfluss. Oft schon hat Bartholomaios Moskaus Krieg scharf verurteilt und Kyrill der Häresie bezichtigt. Er ist nicht der einzige Kirchenvertreter. In der Ukraine selbst will nur noch eine kleine Minderheit zur russisch-orthodox sein. In einer Umfrage von 2024 bekannten sich ganze 5,6 Prozent der Ukrainer zur ukrainisch-orthodoxen Kirche.
Auch Kiew zeigt sich intolerant
In der Weltorthodoxie ist Moskau jedoch stärker. Hier spielt Kyrill die ebenfalls intolerante Religionspolitik der Ukraine in die Hände. Kiew hat ein Gesetz erlassen, das es ermöglicht, Einrichtungen der ukrainisch-orthodoxen Kirche zu verbieten. Der Grund: Diese habe sich nicht endgültig von Moskau gelöst und sei ein Einfallstor für den Feind.
Die Kirche bestreitet dies, hat sich von Moskau losgesagt und mehrfach den russischen Angriff kritisiert. Auch westliche Fachleute tadeln Kiews Maßnahmen gegen die ukranisch-orthodoxe-Kirche. Papst Franziskus (2013-2025) rügte sie im August 2024 öffentlich als Einschränkung der Religionsfreiheit. Dass auch Ex-Sowjetstaaten wie Estland und Moldau die russisch-orthodoxe Kirche in ihrem Land unter Druck setzen, verschärft die Spannungen.
Und die anderen Kirchen? Für häufige Diskussionen sorgte Papst Franziskus. Zwar zeigte er Mitleid und Solidarität mit den Ukrainern. Seine relativ verständnisvollen Äußerungen zur Rolle Russlands hingegen, mit denen er Gesprächstüren offen halten wollte, stießen auf Unverständnis.
Papst sorgte für Irritationen
Bereits am Tag nach dem Überfall vom 24. Februar ließ sich der Papst zur russischen Vatikan-Botschaft fahren, um dort für ein Ende der Gewalt zu werben. Der diplomatische Kniefall nutzte ebenso wenig wie Franziskus' Mahnung an Kyrill, dieser solle sich "nicht zu Putins Messdiener" machen. Später konnte der vatikanische Sondergesandte, Kardinal Matteo Zuppi, allenfalls einige humanitäre Maßnahmen aushandeln.
Regelmäßig meldet sich Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine und damit kirchenrechtlich mit Rom verbunden, zu Wort: mit patriotischen, seelsorgerlichen und mahnenden Appellen für ein Ende der Gewalt und die Bestrafung der Verantwortlichen. Auch er zeigte wenig Verständnis für manche Gesten und Worte von Franziskus.
Immer wieder musste die vatikanische Diplomatie Äußerungen des Papstes einfangen. Kopfschütteln erntete Franziskus mit seiner Bemerkung, ob vielleicht "das Bellen der Nato vor Russlands Tür" Moskau zum Angriff gereizt habe. Im März 2024 meinte er, die Ukraine solle mit einer "weißen Fahne" in Verhandlungen eintreten.
Besonders heikel ist die Rolle des Moskauer Patriarchats für den Weltrat der Kirchen, dem die russisch-orthodoxe Kirche angehört. Eine Erklärung der ÖRK-Vollversammlung 2022 in Karlsruhe verurteilte die russische Invasion als illegalen, unmoralischen Krieg ebenso wie den Gebrauch religiöser Sprache zu dessen Rechtfertigung. Zu einem Ausschluss der Russen konnte man sich in Genf aber nicht durchringen.