Delegation der Österreichischen Ordenskonferenz und der Initiative Christlicher Orient traf in Jerusalem Kardinal Pizzaballa und suchte Kontakt zu christlichen Gemeinschaften und jüdischen Organisationen, die sich für Versöhnung einsetzen
Jerusalem/Wien, 23.02.2026 (KAP) Kardinal Pierbattista Pizzaballa hat einmal mehr an die Christinnen und Christen in Europa appelliert, ins Heilige Land zu reisen und so ihre Solidarität mit den Christen vor Ort zu bekunden. "Sagt den Menschen, dass sie willkommen sind. Es ist möglich, ins Heilige Land zu reisen. Besucht das Heilige Land", so der Patriarch bei einer Audienz in Jerusalem für eine Delegation der Österreichischen Ordenskonferenz und der Initiative Christlicher Orient (ICO). Und er fügte hinzu: "Wir brauchen mehr Empathie und weniger Urteile."
Zum Lateinischen Patriarchat von Jerusalem gehören rund 340.000 katholische Christen, die in Israel, Jordanien, Zypern und Palästina leben. Geschlossene Grenzen erschweren die seelsorgliche Betreuung in manchen Regionen erheblich, so der Patriarch. "Unsere Diözese ist die komplizierteste auf der ganzen Welt", so Kardinal Pizzaballa. Der anhaltende Konflikt im Land sei für ihn persönlich äußerst schmerzhaft. Rund 70.000 Menschen seien in Gaza getötet worden, drei Viertel der Häuser zerstört. Sein Hauptanliegen sei es stets gewesen, "aus einer Glaubensperspektive auf die Wirklichkeit zu schauen: Wie können wir als Christen in diesem Schmerz leben?"
Derzeit leben in Gaza laut Pizzaballa noch 541 Christinnen und Christen - vor dem 7. Oktober 2023 war es etwa doppelt so viele. Rund 60 Christen seien im Krieg ums Leben gekommen, einige konnten das Gebiet verlassen. Trotz des aktuellen Waffenstillstands würden aber weiterhin Menschen in Gaza an den Folgen des Krieges sterben, so der Patriarch.
"Kein Wasser, kein Strom, keine Kanalisation"
Der Wiederaufbau habe noch nicht begonnen. Das Bild in Gaza sei geprägt von Ruinen und Zelten und es fehle an grundlegender Infrastruktur, erzählte Kardinal Pizzaballa, der seit dem 7. Oktober 2023 vier Mal die Möglichkeit hatte, den Gazastreifen zu besuchen: "Kein Wasser, kein Strom, keine Kanalisation. Seit drei Jahren findet kein regulärer Schulbetrieb statt. Zwar gibt es derzeit Lebensmittel, doch es mangelt an Medikamenten, Antibiotika und Hygieneartikeln." Besonders dringend würden Babywindeln benötigt. Das Patriarchat bemühe sich, Hilfsgüter ins Land zu bringen, doch die notwendigen Genehmigungen zu erhalten sei schwierig. Die Situation sei äußerst komplex und chaotisch, so der Patriarch.
"Religion wird für politische Zwecke benutzt und radikalisiert sich - dieses Phänomen gibt es weltweit", warnte Pizzaballa weiter: "Wir dürfen das Narrativ des Krieges nicht den Radikalen überlassen." Die Stimme der Kirchen sei derzeit nicht besonders laut und finde wenig Gehör. Umso wichtiger sei es, weiter das Gespräch zu suchen, den interreligiösen Dialog zu fördern und alles zu tun, um keine neuen Grenzen und Barrieren zwischen den Menschen entstehen zu lassen. "Wir dürfen keine Floskeln benutzen, sondern müssen ganz konkret sein."
Ordensleben im Heiligen Land
Im Heiligen Land sind 47 Männerorden und über 70 Frauenorden präsent. "Das Ordensleben ist sehr sichtbar und von großer Bedeutung", betonte Pizzaballa. Zugleich äußerte er große Sorge angesichts der Entwicklungen: Rund 90 Prozent der Häuser von Schwesterngemeinschaften bestünden nur noch aus zwei Schwestern; bei den Männerorden sei die Situation ähnlich. Das Durchschnittsalter der Ordensleute liege bei über 70 Jahren.
"Wenn Klöster geschlossen werden, verkleinert sich automatisch der Lebensraum der Christen", warnte der Patriarch. Deshalb habe er auch das Gespräch mit Simona Brambilla, Präfektin des Dikasteriums für die Institute des geweihten Lebens, gesucht. Dabei sei es um neue Formen der Zusammenarbeit und interkongregationelle Häuser gegangen. "Wir müssen kreativ sein", so Pizzaballa.
Die Delegation der Österreichische Ordenskonferenz und der Initiative Christlicher Orient (ICO) suchte bei ihrem Heilig-Land-Besuch vor allem die Begegnungen mit Christinnen und Christen vor Ort sowie mit jüdischen Persönlichkeiten und Bewegungen, die sich für Versöhnung und Gerechtigkeit einsetzen. Der Delegation gehörten unter anderem die Vorsitzende der Ordenskonferenz, Generalpriorin Sr. Franziska Madl, Generalsekretärin Sr. Christine Rod, Abt Reinhold Dessl vom Stift Wilhering, Salesianer-Provinzial P. Siegfried Kettner sowie der Prior von Stift Seitenstetten, P. Laurentius Resch, an.
Hilfsorganisationen und Friedensprojekte
Wie sehr sich die Lage im ganzen Land verändert hat, schilderte der Delegation etwa Anton Asfar, Generalsekretär der Caritas Jerusalem: "Am 7. Oktober hat sich alles geändert." 180.000 Palästinenser haben ihre Arbeit verloren, die Bewegungsfreiheit ist massiv eingeschränkt. Zwei Mitarbeiter der Caritas Jerusalem wurden getötet. Hilfe in Gaza und der Westbank sei schwierig, aber unerlässlich. Von den 177 Ehrenamtlichen der Caritas seien 117 in Gaza stationiert. Der Glaube gebe Kraft, so Asfar, der die Bitte hinzufügte: "Trauen Sie sich, für das Heilige Land zu beten."
Dass Religion nicht trennen muss, sondern verbinden kann, zeigen Initiativen wie "Tag Meir" - auf Deutsch "Lichtzeichen". Rund 100 jüdische Engagierte aus einem Netzwerk von fast 50 Organisationen gehen dorthin, wo im Namen Gottes Hass geschürt wird. Sie besuchen Opfer von Übergriffen, übermalen rassistische Schmierereien, organisieren Mahnwachen, bringen im Ramadan Wasser und Datteln zum Fastenbrechen. "Im Gegensatz zur Dunkelheit wollen wir Licht bringen. Wo jemand im Namen Gottes Hass verübt, setzen wir im Namen Gottes ein Gegenzeichen", erklärten Vertreterinnen und Vertreter von Tag Meir bei einem Gespräch in der Dormitio-Abtei in Jerusalem. Man wolle "eine andere Stimme" sein und deutlich machen: "Wir Juden sind nicht so." Wichtig sei die unmittelbare Solidarität nach Übergriffen: "Wir müssen schnell vor Ort sein und den Menschen in die Augen schauen und ins Gespräch kommen." Eine Aktivistin sagte: "Ich will mir mein Judentum nicht von Extremisten nehmen lassen."
Auch die jüdische Religionswissenschaftlerin Yisca Harani setzt sich mit ihrem Religious Freedom Data Center für Christen ein, dokumentiert Übergriffe gegen Christinnen und Christen und ermutigt, Anzeige zu erstatten. "Jerusalem ist wie ein Orchester mit drei Instrumenten. Nimmt man eines weg, funktioniert das Ganze nicht mehr", sagte sie. Sie beschrieb ihre Arbeit als "pick up the garbage" - den Dreck auseinander sortieren. Allein im Jahr 2025 seien 181 Vorfälle von ihrer Organisation registriert worden, die meisten davon in Jerusalem. "Wir sind wie Moskitos, wir bleiben kontinuierlich dran. Solange wir hier sind, haben wir etwas zu tun", sagte sie.
Attacken gegen Abt Schnabel
Um Versöhnung in schwierigsten Zeiten bemühen sich auch die Mönche der Dormitio-Abtei. Abt Nikodemus Schnabel: "Wir haben beschlossen zu bleiben. Wir wollen keine Schönwettermenschen sein." Die Polarisierung habe seit Oktober 2023 deutlich zugenommen: "Wer Brücken bauen will, ist in der Defensive und steht oft unter Druck." Und doch erlebe die Gemeinschaft gerade jetzt geistliche Vertiefung: "Finanziell gehen wir geschwächt, spirituell gestärkt hervor." Menschen hätten in dieser Zeit neu nach Gott gesucht. Er berichtete aber auch von Anfeindungen: "Die Hooligans der Religionen greifen mich an. Sie spucken mich an oder versuchen mir das Brustkreuz herunterzureißen." Erst letzte Woche habe er zwei Anzeigen zur Polizei gebracht.
Eine Art Brückenfunktion kommt auch den Hebräisch-sprachigen Katholiken zu. "Die Welt hat keine Ahnung, dass es uns gibt", sagte P. Piotr Zelazko, Patriarchalvikar für die Hebräisch-sprachigen Katholiken im Lateinischen Patriarchat von Jerusalem. Innerhalb der lateinischen Katholiken sprechen 98 Prozent arabisch und nur zwei Prozent hebräisch. Die Gemeinschaft der Hebräisch-sprachigen Katholiken umfasst rund 1.200 Menschen. "Wir sind vielleicht klein, aber gerade deshalb können wir mutig sein." Er beschrieb die Mission seiner Gemeinde als Brücke zwischen katholischer Kirche und israelischer Gesellschaft.